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Samstag, 09.08.2008

Sie träumen von einer Welt ohne Seniorenteller

„Seltene Momente von Echtheit“ lassen sich in den Fotografien von Esther Haase entdecken. Der Neue Sächsische Kunstverein stellt sie in Dresden aus.

Von Birgit Grimm

Star-Designerin Vivienne Westwood hatte ihre Studenten ermahnt: „Lasst die alten Leute nicht wie Opfer aussehen, indem ihr sie in Kleider steckt, die ihnen nicht passen“. Ihre Meisterschüler an der Berliner Hochschule der Künste legten sich ordentlich ins Zeug, schneiderten den Alten Modellkleider auf den Leib und mussten dennoch liebevolle Überzeugungsarbeit leisten, um Frau Schilf von Hirschfell und karierten Kniehosen oder Frau Rau von einem schulterfreien Kleid zu überzeugen. Nur Herr Kukuk war von vornherein mit der Extravaganz einverstanden und zögerte nicht, in den kanariengelben Anzug zu steigen.

Was heißt hier alt?!

Ein Film der ZDF-Reihe „37 Grad“ hat dieses Shooting dokumentiert und damit eine zauberhafte Geschichte festgehalten, die sich seit zehn Jahren immer wieder neu und immer wieder anders in Berlin abspielt: Der Ambulante Pflegedienst Jahnke in Berlin gibt einen Kalender heraus, für den Senioren als Models arbeiten. „Wir verkaufen den Kalender zwar nicht, aber wer uns eine Spende von 25 Euro zusichert, bekommt ein Exemplar geschickt“, sagt der Chef des Pflegedienstes, Werner Jahnke.

Die Hamburger Modefotografin Esther Haase fotografiert für diese Kalender von Anfang an. Seit Stars wie Vivienne Westwood, wie die Schauspielerin Gudrun Landgrebe oder die Sängerin Angelika Milster für einzelne Aufnahmen gewonnen werden konnten, bekam das Kalenderprojekt Öffentlichkeit.

Jedes Jahr hat ein anderes Thema, für das es sich alt zu werden lohnt. „Was heißt hier alt?“, kontert Gerti Klupiec, Jahrgang 1921, als sie sich vor dem Skelett eines Dinosauriers im Berliner Naturkundemuseum fotografieren lässt. Freilich, es ist alles relativ, und alles eine Frage der Perspektive: „Schönheit kennt kein Alter. Jedenfalls meins nicht“, ist sich Liselotte Schilf, Jahrgang 1916, sicher, seit sie für Esther Haase posierte.

Nun gibt es eine Ausstellung der besten Kalenderfotos. Sie ist in der Galerie des Neuen Sächsischen Kunstvereins zu sehen. Im September werden Bilder der Models von der Pflegestation auf der „Photokina“ in Köln, der weltweit bedeutendsten Foto-Messe, zu sehen sein. „Seltene Momente von Echtheit“ heißt die Schau. Die Bilder sind so witzig, würdevoll, hinreißend und voller Bewegung, dass man sich wünscht, auch so alt zu werden. Auf die Idee, dass einige der Models inzwischen verstorben sind, kommt man nicht angesichts von so viel Lebenslust.

Wie viel Selbstbewusstsein gehört dazu, mit 77 oder 88 Jahren Kleider anzuziehen, die für die Schönen, Jungen, Reichen gemacht sind! Wie viel Freude an der Selbstinszenierung muss ein Mensch haben, um seine Falten im Scheinwerferlicht zu zeigen und für eine Modefotografin zu posieren!

Esther Haase, Jahrgang 1966, hat für den Kalender 2009 erstmals die Senioren mit jungen Models zusammen fotografiert. Sie liebt die Arbeit mit den alten Menschen: „Ein Model kann ja auf Abruf alles erzeugen. Die alten Leute sind sehr kritisch, und darauf muss ich eingehen. Aber wenn sie erst einmal Vertrauen gefasst haben, kommen sie total aus sich heraus. Solche Momente von Echtheit und heftig aufflackernder Lebensfreude sind im Modebusiness selten. Es zählt nicht die Oberfläche, sondern nur das, was von innen kommt. Gefühle haben eben kein Alter“. Die Modefotografin war Model und Tänzerin, ehe sie Grafik-Design studierte. Seit 1993 arbeitet sie freischaffend für Zeitschriften und Werbekampagnen. Ihr werden Ausstellungen eingerichtet und Auszeichnungen überreicht – wie zum Beispiel die Goldmedaille des Art Directors Club, die sie für Fotos zum Thema Alter(n) erhielt. Die Models von der Pflegestation lassen sich gern von ihr aus dem Alltag holen – und leben, wie Charlotte Frank, Jahrgang 1913, den Traum „von einer Welt ohne Seniorenteller“.

Traute Wysocki, geboren 1920, hat in jungen Jahren selbst Mode entworfen und „immer die besten Stoffe getragen“. Sie sagt: „Manchmal hole ich meine Kleider aus dem Schrank und denke: Gott ja? Ich habe inzwischen mehr Falten als die, aber ich hatte auch mehr Spaß!“

Bis 30. August in der Galerie des Neuen Sächsischen Kunstvereins, Dresden, St. Petersburger Str. 2; Di – Fr 15 – 19 Uhr, Sa 10 – 14 Uhr.