sz-online.de | Sachsen im Netz

Sie küssten und sie schlugen sich

Andreas Kappeler erzählt die schwierige Geschichte zweier ungleicher Brüder: Russland und Ukraine.

07.10.2017
Von Christian Ruf

en und sie schlugen sich
... und bäng: Der russische Boxer Oleg Saitov (l.) fängt sich bei der Amateur-WM 1997 in Ungarn einen rechten Haken seines ukrainischen Konkurrenten Sergey Dzinziruk ein.

Nachdem sich die Ukraine von Russland getrennt hatte, verfasste Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky die Schmähschrift „Auf die Unabhängigkeit der Ukraine“ und erklärte die Bewohner zum „Volk der Stickereien und Teigtaschen“. Sie hätten keine Kultur und „die Nabelschnur zur großen russischen Kultur durchtrennt.“ In Russland wurde die Tirade zum bedeutendsten Gedicht des Jahres 2014 erklärt.

Wie konnte es passieren, dass Ukrainer und Russen, die sich seit Jahrhunderten als Brudervölker sahen, sich trotz aller sprachlichen, religiösen und kulturellen Verwandtschaft heute dermaßen feindselig gegenüberstehen? Antworten gibt Andreas Kappeler in seinem Buch „Ungleiche Brüder“, deren Geschichte der Osteuropa-Historiker als Wechselspiel von Ver- und Entflechtungen erzählt. So weist er darauf hin, dass sich seit dem 18. Jahrhundert im russisch-ukrainischen Verhältnis eine Asymmetrie zeigt, die darin gipfelte, dass Russland im 19. Jahrhundert die „Kleinrussen“ – wie die Ukrainer damals offiziell hießen – als Teil eines „all-russischen Volkes betrachtete und ihnen eine eigenständige Geschichte absprach.

Diese Sicht auf die zugegebenermaßen „verspätete Nation“ hat sich in Russland bis heute erhalten und ist auch im Rest Europas verbreitet. Man hat schlichtweg vergessen, zumal weil Europa zwischen 1945 und 1989/90 durch den Eisernen Vorhang geteilt war, dass die Ukraine in der Frühen Neuzeit als eigenständiges Land wahrgenommen wurde.

Kappeler ist so frei, russischnationale und sowjetpatriotische Legenden nach Kräften zu demontieren und zudem Licht ins Dunkel des Gedächtnisses von Rest-Europa zu bringen. Für ihn waren die Ukrainer den Russen im 17. und auch im frühen 18. Jahrhundert „kulturell mindestens ebenbürtig“. Zudem lässt Kappeler wissen, dass diese Anteil an der gesamteuropäischen Kultur hatten, vom Stadtrecht über den Humanismus bis zur Reformation und Gegenreformation. Er nennt die Ukraine sogar einen „Kanal westlicher Einflüsse“ auf Russland; schon vor Peter dem Großen hätte das Land zur Europäisierung des Zarenreichs beigetragen.

Ukrainische Helden als Verräter

Früh wurde eine Russifizierungspolitik betrieben, zeitweise war sie sogar rigoroser als gegenüber allen anderen Nationalitäten, selbst gegenüber den Polen. Es waren, wie Kappeler festhält, nicht zuletzt diese Sprachverbote, die die Möglichkeiten der öffentlichen Kommunikation und damit auch die Nationsbildung nachhaltig hemmten. Hinzu kam der massenhafte Zuzug ethnischer Russen, was vor allem im Osten zu einer russisch-ukrainischen Mischsprache führte.

So stellten die Russen am Ende des 19. Jahrhunderts die überwiegende Mehrheit der gebildeten politischen und wirtschaftlichen Eliten der Ukraine, während die Ukrainer ein weitgehend analphabetisches Bauernvolk waren. Die vor allem von Russen, Juden und Polen bewohnten Städte waren Inseln in einem Meer vorwiegend ukrainischer Bauern. Die Modernisierung der Ukraine (Urbanisierung, Industrialisierung, Alphabetisierung und soziale Mobilisierung) vollzog sich zu einem bedeutenden Teil an den Ukrainern vorbei.

Andreas Kappeler bringt auch Licht in die Wirren des Bürgerkriegs von 1917 bis 1923 mit den komplizierten nationalen und sozialen Frontbildungen. Warum die Sowjetmacht und der junge polnische Nationalstaat als Sieger über die ukrainischen Nationalisten hervorgingen, lässt sich nach der Lektüre besser verstehen. Man kann zumindest begreifen, warum nach dieser Niederlage nicht wenige Ukrainer ihr Heil im integralen Nationalismus und der Kollaboration mit den kurzzeitig regelrecht als Befreier begrüßten Nationalsozialisten suchten. Vor allem die Bevölkerung der Westukraine, die erst 1939 im Zuge der Kumpanei zwischen Hitler und Stalin gewaltsam in die Sowjetunion eingegliedert wurde, zeigte wenig Loyalität gegenüber Moskau, was wiederum russische Nationalisten noch heute erzürnt. Überhaupt wurde schon früh das Verdikt geprägt, die ukrainische Nationalbewegung sei doch lediglich das Produkt einer „polnischen“ oder „jesuitischen Intrige“. Aus dieser Optik galten national eingestellte Ukrainer als potenzielle Verräter, die mit dem Attribut „Mazepisten“ belegt wurden.

Der Name rührt her von Iwan Mazepa (1639  – 1709), einem Kosaken-Hetman, der erst loyal für Peter den Großen gegen Osmanen und Schweden kämpfte, dann aber in der Hoffnung auf die Erneuerung des unabhängigen Hetmanats zum schwedischen König Karl XII. überlief. Kappeler konstatiert: „Im ukrainischen Pantheon gilt er als großer Staatsmann, der es wagte, sich gegen Peter den Großen aufzulehnen, den in Russland bis heute beliebtesten historischen Helden, um den unabhängigen ukrainischen Staat wieder zu errichten.“

In Russland hingegen ist Mazepa der Prototyp des Verräters. Das hat Methode. Die Beteiligung militanter Nationalisten an der Revolution auf dem Kiewer Maidan 2013 und die Aufnahme von vier Mitgliedern der nationalistischen Partei Freiheit (Svoboda) in die 21-köpfige Regierung sorgen dafür, dass die russische Öffentlichkeit ebenso wie gewisse Geister im Westen die Revolution und die neue politische Führung als „faschistisch“ diffamieren.

Ein russischer Genozid?

Wichtig sind die Ausführungen zur Hungersnot von 1932/33, für die sich der ukrainische Begriff Holodomor eingeprägt hat. Von den sechs bis sieben Millionen Opfern entfielen mindestens 3,5 Millionen auf die Ukrainische Sowjetrepublik. Ein bewusster Schlag gegen die Bauern, die Basis der ukrainischen Nation? Gar ein Genozid?

Andreas Kappeler verneint dies, weist aber darauf hin: Nur in der Ukraine und im Kuban-Gebiet wurden systematisch Sperren errichtet, die verhinderten, dass die Verhungernden in andere Gebiete ausweichen konnten. Auch das Selbstverständnis als Opfer des Sowjetkommunismus ist heute ein wichtiges Element des ukrainischen Nationalbewusstseins.

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrai-ner vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck 267 S., 16,95 Euro