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Freitag, 21.04.2017

Selbst ist der Dresdner

Bald öffnet der neue Kulturpalast. Er wurde bekämpft, hatte ein Ufo als Konkurrenten und Kurt Masur als Paten – erinnert sich ein Macher.

Von Bernd Klempnow

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Tolles Projekt oder ein Bau in der Schieflage – eine Frage der Perspektive: In wenigen Tagen eröffnet der äußerlich sanierte, im Inneren umgebaute Kulturpalast im Zentrum Dresdens. Mit einem sehr guten Konzertsaal als Herzstück, dem Kabarett „Herkuleskeule“ und der Zentralbibliothek wird das Gebäude zu einem ganztägig geöffneten, tatsächlichen Kulturpalast
Tolles Projekt oder ein Bau in der Schieflage – eine Frage der Perspektive: In wenigen Tagen eröffnet der äußerlich sanierte, im Inneren umgebaute Kulturpalast im Zentrum Dresdens. Mit einem sehr guten Konzertsaal als Herzstück, dem Kabarett „Herkuleskeule“ und der Zentralbibliothek wird das Gebäude zu einem ganztägig geöffneten, tatsächlichen Kulturpalast

© André Wirsig

  • Tolles Projekt oder ein Bau in der Schieflage – eine Frage der Perspektive: In wenigen Tagen eröffnet der äußerlich sanierte, im Inneren umgebaute Kulturpalast im Zentrum Dresdens. Mit einem sehr guten Konzertsaal als Herzstück, dem Kabarett „Herkuleskeule“ und der Zentralbibliothek wird das Gebäude zu einem ganztägig geöffneten, tatsächlichen Kulturpalast
    Tolles Projekt oder ein Bau in der Schieflage – eine Frage der Perspektive: In wenigen Tagen eröffnet der äußerlich sanierte, im Inneren umgebaute Kulturpalast im Zentrum Dresdens. Mit einem sehr guten Konzertsaal als Herzstück, dem Kabarett „Herkuleskeule“ und der Zentralbibliothek wird das Gebäude zu einem ganztägig geöffneten, tatsächlichen Kulturpalast
  • Anselm Rose, Ex-Chef der Dresdner Philharmonie.
    Anselm Rose, Ex-Chef der Dresdner Philharmonie.

Seit fast 25 Jahren werkelt die Stadt Dresden an ihrem Kulturpalast herum: Mit diversen Plänen und Varianten suchte man seit 1992 nach einer neuen Nutzung des 1969 als multifunktionales Versammlungs- und Kulturhaus eröffneten Gebäudes. In wenigen Tagen, Ende April, eröffnet er nach dreijährigem tatsächlichem Umbau im Inneren – als optisch und akustisch attraktives Haus für Konzerte von Klassik- wie Unterhaltungskünstlern, als Haus für die Zentralbibliothek und das Kabarett „Herkuleskeule“. Äußerlich und in den Hauptfoyers wurde es denkmalgerecht rekonstruiert. „Dresden bekommt eine wunderbar neu genutzte postmoderne Architektur vom Allerfeinsten“, sagt Anselm Rose, der als ehemaliger Intendant der Dresdner Philharmonie von 2005 bis 2014 den Umbau maßgeblich mit vorangetrieben hat. „Und es scheint so, dass der neue Konzertsaal die hohen Erwartungen hinsichtlich Akustik und Ambiente erfüllen wird.“

Roses Freude ist verständlich. Er ist zu oft für das Projekt angegriffen und diffamiert, zu lange war darüber hitzig gestritten und das Vorhaben wegen Finanzsorgen der Stadt immer wieder verworfen worden. Obwohl eines seit Jahrzehnten klar war: Der Kulturpalast war als Versammlungs- und sogar Tanzsaal nicht mehr gefragt und als Podium für Klassikkonzerte seit jeher ungenügend gewesen. Der Klang der Orchester blieb förmlich auf der Bühne stecken.

Doch Geld für einen Neubau eines Konzerthauses fehlte auch stets. „Wir haben gern mitgeträumt, aber der Freistaat wollte sich nicht engagieren. Allein konnte die lange hochverschuldete Stadt so ein Vorhaben nicht stemmen.“ Dabei hatte es faszinierende Projekte gegeben. So wollte ein Investor am Elbufer ein Musikhaus errichten, das Ufo-artig den Fluss überkragte. Es gab aber auch Ideen, den Palast um den Saal herum abzureißen und Shoppingmalls dranzukleben – getreu dem Motto: Erst zum Aldi, dann Vivaldi!

Die unterschätzte Liebe der Dresdner

Akut wurde es 2007. Der Kulturpalast erhielt eine nur noch zeitlich befristete Betriebserlaubnis, weil der Brandschutz nicht mehr gewährleistet war. Der Stadtrat stand vor der Wahl: Das Gebäude in seinem Bestand von 1969 zu sanieren oder für fast das gleiche Geld das Denkmalwerte zu rekonstruieren und im Inneren für eine neue, zeitgemäße Nutzung umzubauen. „Für die Philharmonie war ein neuer, akustisch besserer Saal existenziell. Das Orchester konnte sich im alten nicht mehr entwickeln“, sagt Rose. „Doch wir hatten unterschätzt, wie viele Dresdner an dem Festsaal von 1969 hingen.“

Monatelang demonstrierten Umbaugegner abendlich vor dem Kulturpalast, sammelten SPD und Linke Unterschriften gegen das Vorhaben. Der Architekt des Palastes, Wolfgang Hänsch, ließ sich überreden, eine Urheberrechtsklage anzustreben. Er verlor. „Es gab unsägliche Diskussionen von eigentlich kulturaffinen Bürgern. Da ging es nicht mehr um die Sache.“ Dabei wussten alle verantwortlichen Politiker, dass es keine Alternative gab. Doch stetig änderten einige Parteien ihren Standpunkt. „Einer, der uns unglaublich kämpferisch und weltmännisch geholfen hatte, war Kurt Masur. Unser Ehrendirigent hatte ja einst den Saal mit eingeweiht und kannte dessen Probleme. Ohne Masurs Fürsprache wäre das Projekt unmöglich gewesen.“ Zumal die Sächsische Staatskapelle nicht als Partner gewonnen werden konnte. Die traditionsreichere und berühmtere Kapelle wollte aus Imagegründen nicht im Haus der Philharmoniker auftreten – was sie Jahrzehnte bis Anfang der 90er-Jahre allerdings gemacht hatte.

Die 2008 erfolgte europaweite Ausschreibung für den Umbau erhielt das renommierte, bis dahin vor allem mit spektakulären Neubauten aufgefallene Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner – „wieder so ein Glücksfall“, sagt Rose. Gemeinsam mit den Musikern entwickelten die Architekten und Akustiker die jetzt gefundene Konzertsaalform, bei der sich die Zuschauerreihen weinbergartig um das Orchesterpodium erheben. Dazu gingen die Chefs und einige Musiker auf quasi Konzertsaal-Tournee, besuchten international berühmte Säle, testeten die Akustik an verschiedenen Plätzen in den Räumen. „Letztlich orientierten wir uns in der Nachhallzeit, der Anordnung der Sitzplätze und der Podiumsgröße an den bedeutendsten deutschen Sälen Berliner Philharmonie und Gewandhaus Leipzig. Künstler und Publikum sind so dicht wie möglich beieinander – in einer fast intimen Atmosphäre.“

Fast jede Woche hätte es in seiner Zeit Bauberatungen geben. So effizient wie möglich sollte der Platz am Haus aufgeteilt werden. „Wir haben um jeden Quadratmeter diskutiert, alles, von der Bestuhlung im Saal bis zur Lage und Größe der Klavierzimmer besprochen.“ Generell galt: Die hellen, lichtdurchfluteten Räume sollten den Besuchern vorbehalten sein. Die Büros und Stimmzimmer haben nur die alten schießschartenartigen Fenster.

Wie es aussieht, wie es klingt, ob die Foyers noch Charme haben, ob Gastronomie und Service stimmen, ob Bibliothek und „Herkuleskeule“ gewonnen haben – das werden die Besucher ab 28. April wissen. Ob der Saal international Anklang findet und wie er sich durch die Nutzung verändert, werden die nächsten Jahre zeigen.

Auch bei der Elbphilharmonie in Hamburg hatte es vorab überschwänglichen Jubel gegeben. Und dann die Ernüchterung nach den ersten Konzerten, was aber nur bedingt am extrem hellhörigen Saal lag, sondern an undisziplinierten Zuhörern und den eben nur mäßig gut musizierenden Haus-Musikern des NDR. Andere Orchester haben dort längst bewiesen, wie man die heikle Akustik beherrschen kann.

Deshalb sagt Rose: „Entscheidend für die weit ausstrahlende Referenz des Saales werden die Gastkünstler sein.“ Er ist sicher, dass sich die Dresdner Philharmonie mit ihrer berühmten Klangqualität und ihrer in den Jahren ohne Kulturpalast noch stärker geschulten Flexibilität in den Saal einfuchsen wird. Die Musikfestspiele haben Spitzenklangkörper zu Gastspielen engagiert. Unterhaltungskünstler wie Schlagerstar Roland Kaiser, Publikumsliebling Frank Schöbel, Dixieland- und Jazz-Musiker, Estradentruppen wie „Lord of the Dance“ und sogar „Moscow on Ice“ testen alsbald die Möglichkeiten des neuen Saals.

Doch Schlagzeilen machen derzeit nicht die Künstler. Fast wöchentlich wird die Baustelle teurer. Einst sollte das Projekt 60 Millionen Euro kosten. 81,5 Millionen waren zum Baustart offiziell geplant. Jetzt sind es bereits 18,2 Millionen mehr, und das dürfte nicht alles sein. Dabei hatten schon damals Experten gewarnt, dass so ein Vorhaben eher 100 Millionen Euro kostet. „Um den Budgetrahmen unbedingt zu halten, weil anderes politisch nicht durchsetzbar war, wurden damals ganze Positionen wie die Orgel und die Außenanlagen gestrichen. Dass diese aber nötig sind, stand außer Zweifel“, so Rose.

Allein die Errichtung der Außenanlagen schlägt jetzt mit 2,5 Millionen zu Buche. Die derzeitige Kostensteigerung war also erwartbar: Ungeachtet möglicher Planungsfehler, ungeachtet der Überraschungen, die ein Altbau immer bereithält.

Nicht aufs Geld vom König gesetzt

Eigentlich ist der Kulturpalast-Umbau eine Erfolgsgeschichte. Man nehme nur die Elbphilharmonie Hamburg. Die sollte ursprünglich privat finanziert werden, dann die öffentliche Hand 186 Millionen Euro kosten, am Ende waren es 789 Millionen.

Angesichts dieser Zahlen sind die bislang 18,2 Millionen kein Makel. Außerdem geschah für hiesige Verhältnisse Seltenes. Anstatt wie sonst auf Geldgeber, ob Kurfürst oder König, ob Land oder Bund, zu setzen, halfen sich die Dresdner diesmal selbst. Der Philharmonie-Förderverein sammelte die über eine Million Euro für die neue Orgel, die den Festsaal krönt.

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