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Seit an Seit

Nicht alle Besorgten sind Nazis. Aber viele Nazis sind besorgt. Eine Kolumne von Michael Bittner.

11.03.2016

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SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© Ronald Bonß

Die besorgten Bürger, das sind Menschen, die Sorgen haben und zugleich anderen welche machen. Professor Patzelt hat hier vorige Woche dafür plädiert, ihnen nicht mit Verachtung zu begegnen, sondern mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Es ist gewiss nicht verwerflich, sich Sorgen zu machen, ob Deutschland auf Dauer allein so viele Flüchtlinge aufnehmen kann. Es ist ebenfalls nicht verwerflich, sich vor den Kriminellen zu fürchten, die sich – versteckt in der großen Menge der Ankommenden – ins Land geschmuggelt haben. Es ist auch nicht verwerflich, militanten Islamismus zu verabscheuen, der zu den widerwärtigsten Erscheinungen der Gegenwart zählt. Und alle Bürger, die mit der Art, wie unsere Regierung mit diesen Sorgen umgeht, unzufrieden sind, haben das Recht, ihre Meinung auf der Straße, in den Medien und an der Wahlurne kundzutun. Diese Bürger pauschal als „Nazis“ abzustempeln, ist ebenso falsch wie unklug.

Allerdings befinden sich unter den besorgten Bürgern leider auch einige, die nicht Sorgen umtreiben, sondern Hass antreibt. Es gibt nicht nur besorgte Bürger, die grundlos als Nazis verunglimpft werden, es gibt auch allerhand Nazis, die sich als besorgte Bürger kostümieren. Gerade die Anführer der Besorgten geben Grund zur Sorge. Diesen Rassisten geht es nicht um Kriminalität, sondern darum, Menschen allein wegen ihrer Herkunft oder Religion als Verbrecher zu denunzieren. Als Deutscher gilt ihnen nur, wer es fertigbringt, ein so tadellos blauäugiger Platzhaltertyp zu sein wie Björn Höcke. Diese Faschisten wollen nicht eine andere Politik, sondern einen anderen Staat unter ihrer Knute, in dem wohl Justizminister Lutz Bachmann über Recht und Unrecht entschiede.

Die echten und die falschen besorgten Bürger – sie schreiten leider oft Seit an Seit. Da ist es wahrlich keine leichte Aufgabe, sie zu unterscheiden. Manch einer zündet das Haus seines Nachbarn an und versichert nachher guten Gewissens, es nur aus berechtigter Sorge getan zu haben. Wahrscheinlich haben solche Leute davon gehört, dass mancher den besorgten Bürgern Kälte unterstellt. Darum wollen sie gerne einheizen und lassen den Funken ihres Protestes ganz real überspringen. Besorgte Bürger dieser Art darf man, wie ich finde, getrost auch verachten – so wie alles Verachtenswerte.

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