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Freitag, 11.08.2017

Seid ihr sicher, Kinder?

Antike Skulpturen und Frühstücksflocken: In Zeiten des Streits gibt Berlin einen Ausblick auf das, was im rekonstruierten Schloss passieren soll.

Von Rafael Barth

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Viele Kinder finden selbst an ungemütlichen Orten Ruhe. Hier Lamar, ein fünfjähriges Mädchen, das aus Syrien geflohen ist. Der Fotograf Magnus Wennman nahm das Bild in Serbien auf. Seine Serie „Wo die Kinder schlafen“ ist nun in der Berliner Humboldt-Box zu sehen.
Viele Kinder finden selbst an ungemütlichen Orten Ruhe. Hier Lamar, ein fünfjähriges Mädchen, das aus Syrien geflohen ist. Der Fotograf Magnus Wennman nahm das Bild in Serbien auf. Seine Serie „Wo die Kinder schlafen“ ist nun in der Berliner Humboldt-Box zu sehen.

© Magnus Wennman

  • Viele Kinder finden selbst an ungemütlichen Orten Ruhe. Hier Lamar, ein fünfjähriges Mädchen, das aus Syrien geflohen ist. Der Fotograf Magnus Wennman nahm das Bild in Serbien auf. Seine Serie „Wo die Kinder schlafen“ ist nun in der Berliner Humboldt-Box zu sehen.
    Viele Kinder finden selbst an ungemütlichen Orten Ruhe. Hier Lamar, ein fünfjähriges Mädchen, das aus Syrien geflohen ist. Der Fotograf Magnus Wennman nahm das Bild in Serbien auf. Seine Serie „Wo die Kinder schlafen“ ist nun in der Berliner Humboldt-Box zu sehen.
  • Baustelle mit Humboldt-Box in Berlin-Mitte.
    Baustelle mit Humboldt-Box in Berlin-Mitte.

Eine Zeitung macht den Test: Wie leicht kann man Kinder von offener Straße weglocken? Und wie reagieren Erwachsene, wenn ein fremder Mann sich dem Nachwuchs nähert? Das Blatt schickt einen Lockvogel in die Stadt, der Jungs und Mädels zum Zigarettenholen anstiftet oder ihnen wer weiß was verspricht. Das Ergebnis: Die Steppkes gehen in 13 von 15 Fällen mit, ohne dass Aufpasser oder Passanten einschreiten. Mehrere Fotos bezeugen das Experiment in der Berliner Illustrierten Zeitung. Die Mahnung: „Achte auf dein Kind, dein kostbarstes Gut! Überwache seinen Verkehr!“ Man schreibt den 21. Juli 1938.

An anderer Stelle wirkt die Aufpasserei der Erwachsenen heute überstreng. Gleich neben dem Zeitungsbericht sieht man in einer Berliner Ausstellung Ledergeschirr für Kinder und ein Kleid aus grünem Seidentaft, von dem am Rücken zwei sogenannte Gängelbänder abzweigen. Ja, auch damals, im Schlesien des Jahres 1780, wollten Eltern ihre Kinder vor Stürzen bewahren. Aber mit den Bändern in der Hand grenzten sie den Bewegungsradius so stark ein, wie man es heute wohl nur bei Hunden tun würde.

„Vorsicht Kinder!“ heißt die Schau in der Berliner Humboldt-Box. Sie erzählt davon, wie es gelingt, Söhne und Töchter auch durch Zeiten von Krieg und Krise zu bringen, zu ernähren und zu erziehen.

Der Ort ist ein besonderer und selbst eine Art Kind. Ein Vorbote für etwas viel Größeres. Wie ein grober Kristall steht die Humboldt-Box im Zentrum der Hauptstadt, direkt vor der Baustelle des Berliner Schlosses. Es ist ein Ausstellungshaus auf Zeit, das mit einer Reihe von Präsentationen auf drei Etagen einen Ausblick auf das künftige Innenleben des Schlosses bietet.

Bis Ende 2019 soll er wiedererrichtet sein, der Prachtbau, der im Zweiten Weltkrieg ausbrannte und in der DDR gesprengt wurde. Wo sich bis 2008 der Palast der Republik erstreckte, wird es dann wieder aussehen wie ganz früher, dank Barockfassaden und Kuppel und Kuppelkreuz. Ein größtenteils historisch anmutendes Gegenüber für die Museumsinsel und den Berliner Dom. Ein krönender Abschluss der Allee Unter den Linden.

Wo die Welt zu Hause ist

Drinnen aber soll es ganz modern und kosmopolitisch zugehen. Das Humboldt-Forum, ein Ausstellungs- und Kommunikationszentrum, soll das Schloss zum Pulsieren bringen. Unter seinem Dach verbinden sich nicht nur die Museen für Ethnologie und Asiatische Kunst, die mit ihren Objekten eine Fläche von 23 000 Quadratmetern bespielen. In einer weiteren ständigen Ausstellung will Berlin sich selbst als Weltstadt darstellen. Außerdem plant die Humboldt-Universität eine fachübergreifende „Bühne des Wissens“. Dort sollen kluge Köpfe jene Riesenthemen publikumswirksam vertiefen, die im Haus zirkulieren, etwa Religion, Hunger, Migration. Konzert, Lesung oder Theater runden das Programm ab. Im Humboldt-Forum, so verkünden die Macher, werden Besucher „die Welt als Ganzes erleben“.

Das ist hoch gepokert, um nicht zu sagen: anmaßend. In den Verlautbarungen klingt es so, als könne diese multimediale Wunderkammer unsere verworrene, globalisierte Gegenwart auf einen Nenner bringen, wenn nicht gar entschlüsseln. Es ist nicht zuletzt dieser vom Humboldt-Forum verströmte Repräsentationsdrang, der die Kritiker auf den Plan ruft.

Von Anfang an streitet man darüber, ob es klug ist, in einem rekonstruierten Preußenschloss Objekte auszustellen, die von deutschen Kolonialherren in anderen Ländern erbeutet wurden. Neulich erst beklagte die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die teils blutige Geschichte der Sammlung werde nicht offengelegt. Die Verantwortlichen begrüben eine nötige Debatte dazu wie Atommüll unter einer Bleidecke. „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl“, sagte Savoy und trat aus dem Beratergremium des Hauses zurück.

Inzwischen scheint die Lage dort ziemlich angespannt zu sein. Der als Museumsmessias gefeierte Gründungsintendant Neil MacGregor verkündete, das Forum bis zur Eröffnung zu begleiten. Woraus Beobachter schlossen: bloß nicht länger. Allzu mühsam ist das Kompetenzgerangel zwischen dem Bund und dem Land Berlin sowie den unterschiedlichen Partnerinstitutionen. In einem Interview gefragt, ob er es sich so kompliziert vorgestellt habe, eine deutsche Kultureinrichtung auf den Weg zu bringen, räumte der stets höfliche Brite MacGregor ein: „Kompliziert schon, so kompliziert nicht.“

Dabei ist Kompliziertheit im Grunde das Markenzeichen des Humboldt-Forums. Man verkauft das dort nur mit hübscheren Worten, etwa mit Vielfalt der Macher, Disziplinen und Sichtweisen. Schon an der neuen Einstimmungsausstellung in der Humboldt-Box haben Ethnologen, Botaniker, Asien-, Antike- und Berlinkundige mitgewirkt.

Und ja, das ist immer für kleines Staunen gut, wenn man sieht, dass Menschen sich hier wie da ähneln – oder unterscheiden. Die massige Statue der Muttergöttin mit den drei Wickelkindern, ursprünglich aufgestellt im zweiten Jahrhundert nördlich von Neapel, sollte Unheil von den Kleinen fernhalten; ein Mädchen von heute hütet als Talisman ein hüfthohes, rosafarbenes Einhorn aus Plüsch. In den dürren Nachkriegsjahren buken Mütter Geburtstagskuchen aus Bucheckern und Zwieback; heute können viele Kinder sich übersüße Frühstücksflocken und Getränke nach Lust einverleiben. Die Ausstellung versammelt die bunten Kartons wie in einem Supermarktregal. An einer Mitmachstation kann man Bildungswünsche auf Pappbücher schreiben. Videogucken geht auch.

Wo die Adler wachsen

Abgesehen von echten Mängeln wie der teils nur mühsam lesbaren Beschriftung: Natürlich kann man eine Ausstellung so machen, lassen sich auf diese Weise Aspekte von Kindheit auffächern. Nur ist das eben kein bisschen innovativer, klüger oder interessanter als das, was beispielsweise das Dresdner Hygiene-Museum aufbietet. Auch mag eine Mischpräsentation von Objekten aus Alltag, Kunst und Wissenschaft so reiz- wie sinnvoll erscheinen, neu ist sie keineswegs. Der große Wurf, der das Humboldt-Forum sein soll: In der Humboldt-Box lässt er sich nicht mal erahnen.

Keine guten Nachrichten also von Deutschlands größter Kulturbaustelle? Immerhin, das Projekt liegt im Zeitrahmen. Bislang sind dafür 600 Millionen Euro eingeplant, und keiner spricht davon, dass es teurer werden könnte. Wer mal dort ist, der sollte die Box aufsuchen. Von der Terrasse ganz oben kann man sehen, wie sich Adler und Kronen an der Schlossfassade vermehren. Der Blick über die Mitte Berlins ist fantastisch.

„Vorsicht Kinder!“ bis 14. Januar 2018 in der Humboldt-Box, Schlossplatz 5, Berlin; tgl. 10 – 19 Uhr; Eintritt frei, kostenlose Führungen Fr/Sa/So 15 Uhr