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Dienstag, 10.10.2017

Schon mit fünf im Widerstand

Philipp Schaller behauptet im ersten Soloprogramm „Mit vollen Hosen sitzt man weicher“.

Von Rainer Kasselt

Er möchte kein Gutmensch mehr sein. Immer dieser Empörungszwang, dieses politisch korrekte Verhalten. Wie gern würde er einfach Neger sagen! Aber er kriegt es nicht hin. „Da merke ich richtig, wie mir meine linksversiffte Erziehung auf die Füße fällt.“ Philipp Schaller, 39, jongliert ironisch mit Begriffen, gibt sich naiv oder wissend, spielt den Arglosen oder Ausgekochten. Und zielt gekonnt auf die kleinen grauen Zellen und das Zwerchfell der Zuschauer.

Seit 15 Jahren schreibt der in Radebeul lebende Philipp Schaller für das politische Kabarett. In der gepfefferten Late-Night-Show „Spätzünder“ der Dresdner Herkuleskeule erwarb er sich Bühnensicherheit. Mit seinem Freund und Verwandlungsfilou Erik Lehmann begeisterte er dort in „Wir geben unser Bestes“. Im Duo-Programm „Wir werden’s Euch besorgen“ mit Manfred Breschke zeigte er bei der Konkurrenz, was er draufhat. Nun traut sich der Sohn von Kabarettlegende Wolfgang Schaller allein auf die Bretter. Am Wochenende erlebte bei Breschke & Schuch sein Solo „Mit vollen Hosen sitzt man weicher“ die heftig beklatschte Dresden-Premiere. In Leipzigs Pfeffermühle hatte er den Zweistundenritt bereits mehrmals probiert.

Ein Tisch, ein Stuhl, eine Flasche Wasser: Fertig ist das Bühnenbild. Schaller trägt Bart, Brille, offenes Hemd und Jeans. Mal sitzt er, schlägt lässig die Beine übereinander, mal steht er auf, geht ein paar Schritte, reagiert schlagfertig auf Rufe aus dem Publikum. Mehr Regie ist nicht. Mit Charme, Witz und Chuzpe bringt Schaller sein Programm über die Rampe, spürbar inspiriert vom Kabarettisten Hagen Rether. Schaller ist im Vortrag souveräner geworden, nichts erinnert an die Anfänge, als er seine Texte brav ablas. Freilich, ein Bühnenmensch ist er nicht, er schlüpft nicht in andere Rollen, spielt keine Figuren. Da ist kabarettmäßig noch viel Luft nach oben.

Mut gehört dazu, wenn man sich 120 Minuten mutterseelenallein auf die Bretter stellt. Doch es geht gut, wenn sich auch manche Länge, manche Wiederholung in den Abend schleicht. Schaller kann sich auf seine intelligenten, bissigen und schwarzhumorigen Texte verlassen. Die Pointen sitzen, sind hochpolitisch und weisen über den Tag hinaus. Die Themen sind weit gespannt, sparen weder Trump noch Merkel, weder Terror noch Flüchtlinge aus.

Schaller stellt sich janusköpfig: Links haut er eine These raus, rechts widerlegt er sie. Er versteht sich als Aufklärer, ohne belehrend zu sein. Der Papst, sagt er, warnt jetzt vor Fake-News. „Als wäre die Nachricht von der Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria nicht die erste Fake-News in der Weltgeschichte.“ Gern schickt Schaller seinen chinesischen Nachbarn Lutz vor, wenn er auf besorgten Bürger macht: „Jeder aus dem Mittelmeer gerettete Neger ermutigt zwei neue Neger.“

Nach der Pause stellt der Alleinunterhalter süffisant fest, dass er bisher nicht tiefgründig genug war und leitet zum „ernsteren Teil“ über. Das wird ein munterer Streifzug durch den Alltag mit Konsumwahn, Kaufzwang, Smartphone-Allergie und Schulsorgen. Wenn er von den Problemen seines Sohnes Karl-Joseph aus der vierten Klasse erzählt, der zu allen möglichen Anlässen Schuhkartons gestalten muss, sind die Zuschauer aus dem Häuschen. Nicht minder vergnüglich, wenn sich Schaller als Widerstandskämpfer outet, der im zarten Alter von fünf Jahren im DDR-Kindergarten tapfer den „Töpfchenzwang“ verweigerte. Sein Antrag auf Opferrente wurde unverständlicherweise abgewiesen.

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