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Schön ist der verzweifelte Mut

Der neue Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro liebt die Irritation und die Grenzüberschreitung.

05.10.2017
Von Karin Großmann

 der verzweifelte Mut
Modern und konservativ, fantastisch und bürgerlich: Kazuo Ishiguro beherrscht das literarische Doppelspiel.

© Andreu Dalmau/Rex/Shutterstock

Es ist fantastisch, unterhaltsam, historisch, absurd, verstörend und gesellschaftlich relevant – für das Werk von Kazuo Ishiguro trifft eins wie das andere zu. Das Literaturnobelpreis-Komitee in Stockholm hat sich für einen Schriftsteller entschieden, der kräftig erzählen kann und weltweit zu den Auflagenmillionären gehört. Ein Global Player. Diese Entscheidung wirkt beinahe sensationell. Zuletzt fischte das Komitee gern an den Rändern und gab den Preis an einen amerikanischen Rockpoeten und an eine weißrussische Dokumentaristin. Der Name Kazuo Ishiguro stand in den Wettbüros auf keinem der vorderen Plätze. Und wieder gehen die ewigen Kandidaten leer aus.

Der 62-jährige Autor Ishiguro ist auch auf dem deutschen Buchmarkt gut vertreten. Seine Bücher erscheinen in den Münchner Verlagen Heyne und Blessing, die sonst eher selten nobelpreisverdächtige Geschichten herausbringen. Mancher Leser wird sich vielleicht nicht an den Namen des Autors, aber an den Titel seines berühmtesten Romans erinnern: „Was vom Tage übrig blieb“. Das Buch erschien 1989, wurde mit dem Booker Prize ausgezeichnet und mit Emma Thompson und Anthony Hopkins in den Hauptrollen verfilmt.

Es ist das doppeldeutige Porträt eines Butlers in der Provinz, der über seine eigene Loyalität stolpert. Er ahnt zwar die möglichen Naziverstrickungen seines einstigen Dienstherrn und die Liebe einer Kollegin, doch er will und kann das nicht sehen. Diese seltsame Unbeholfenheit hat er gemeinsam mit vielen anderen Figuren des Autors. Es sind Grübler und Zauderer, die sich in britischen Nebelschwaden wohler fühlen als in der grellen Sonne.

Unterwegs in die falsche Richtung

Die Figuren sind gefangen in der Vergeblichkeit ihres Tuns. Obwohl sie die Guten sind, gehen sie in die Irre. Sie geben sich Mühe und werden schuldig. Sie haben Chancen und greifen nicht zu. Sie betrügen sich selbst – und sie sind sich darüber sogar im Klaren. Doch es hat keine Konsequenz. „Meine Charaktere zeigen eine Art von verzweifeltem Mut“, sagte der Autor in einem Gespräch: „Sie machen weiter, obwohl sie sehen, dass sie einen großen Teil ihres Lebens etwas getan haben, was nicht so gut war. Ich bewundere sie. Sie waren in der Lage, sich zu erkennen. Ich habe versucht, in meinen Büchern immer respektvoll mit denjenigen umzugehen, die diesen Mut aufbringen.“

Angeblich soll Jeff Bezos nach der Lektüre dieses Buches beschlossen haben, sein Leben zu ändern. Der Amerikaner gründete den Weltkonzern Amazon. Spricht das nun für oder gegen Kazuo Ishiguro?

Aber in solchen Alternativ-Kategorien scheint der Schriftsteller nicht zu denken. Er sucht nach dem, was die Dinge verbindet, die Vergangenheit mit der Gegenwart, den Osten mit dem Westen. Da spielt seine Herkunft eine Rolle. Ishiguro wurde 1954 im japanischen Nagasaki geboren und zog als Fünfjähriger mit den Eltern und zwei Schwestern ins Vereinigte Königreich. Sein Vater arbeitete als Ozeanograf im Auftrag der britischen Regierung auf den Ölfeldern in der Nordsee.

Kazuo Ishiguro machte zunächst Musik, er spielte Gitarre in einer Band. 1974 entschied er sich für ein Studium der Anglistik und Philosophie an der Universität Kent. Er belegte einen Studiengang für Kreatives Schreiben, verfasste seine ersten Kurzgeschichten und Drehbücher fürs Fernsehen. Sein Credo: „Man muss sich auf seinen Instinkt verlassen.“ Seinen Unterhalt verdiente er zunächst als Sozialarbeiter in Schottland. Zu Beginn der Achtzigerjahre widmete er sich ganz dem Schreiben. Er lebt heute mit Frau und Tochter im Norden Londons.

Das Nobelpreis-Komitee würdigt die „starke emotionale Kraft“ seiner Texte. Sie könnten beginnen wie ein Jane-Austen-Roman und enden wie Franz Kafka. Sie seien durch eine zurückhaltende Art des Erzählens gekennzeichnet, was auch immer passiere. Und da passiert Unerhörtes, etwa in einem Internat für Organspende-Klone. Die Klone wachsen im Reagenzglas auf und haben trotzdem Gefühle. Sie spielen miteinander, schließen Freundschaft, verlieben sich und begreifen erst allmählich, dass der Tod der Sinn ihrer Existenz ist. Irgendwann wird ihnen ein Organ nach dem anderen entnommen und ihrer menschlichen Kopiervorlage eingesetzt. Und was ist mit der Seele? Lässt sie sich auch transplantieren? Was also macht den Menschen aus? Und warum opponieren die Klone nicht gegen ihr Schicksal? Der Roman „Alles, was wir geben mussten“ erschien 2005 und gilt als klassisches Beispiel für das Modegenre der Dystopie, der düsteren Utopie.

Etwa alle fünf Jahre bringt Kazuo Ishiguro ein neues Buch heraus, sieben Romane sind es inzwischen. Die Themen wechseln, doch der melodiöse, leise, klare Erzählton bleibt. „Es muss immer etwas geben, das mich persönlich anspricht. Es ist fast so, als wäre ich auf der Suche nach einer bestimmten Musik, die ich nirgendwo sonst auf der Welt hören kann und daher selbst erzeugen muss.“

Bei Rittern und Drachen

Diese Beschreibung trifft unbedingt auf den jüngsten Roman des Autors zu, „Der begrabene Riese“ von 2015. Er sprengt alle Grenzen, die sonst fein überschaubar die literarischen Gattungen trennen. Ishiguro wechselt souverän zwischen Ernst und Unterhaltung, mischt Fantasyelemente in die Hochliteratur und scheut weder vor Rittern noch schnaubenden Drachen und Menschenfressern zurück. Die Geschichte ereignet sich in England im 6. Jahrhundert, wo ein merkwürdiger Nebel den Menschen die Erinnerung raubt. Das führt zu Irritationen. Was ist wahr und was Lüge? Ist das Vergessen mitunter nicht hilfreicher als das Erinnern? Könnte das dem Einzelnen und auch den Völkern nützen?

Und wieder buchstabiert sich der Autor durch den Konflikt zwischen Pflicht und Freiheit, so wie er es schon mit seinem Butler in Cornwall tat. Die Erkenntnisse, die er auf diesem Weg findet, sind tiefgründig, philosophisch, komplex, hoch aktuell und nie wirklich erwartbar.