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Mittwoch, 11.10.2017

Schnörkelloses aus dem königlichen Keller

Sido und Kool Savas sind zwei Schwergewichte des deutschen Rap. Jetzt machen sie auf einem Album gemeinsame Sache.

Von Tom Nebe

Sido (l.) und Kool Savas haben ein Album aufgenommen und es damit aus dem Stand auf Platz eins der Charts geschafft.
Sido (l.) und Kool Savas haben ein Album aufgenommen und es damit aus dem Stand auf Platz eins der Charts geschafft.

© Universal

Beide kommen aus Berlin, beide sind Rapper, beide schon Jahrzehnte im Geschäft, doch dass Sido und Kool Savas einmal eine gemeinsame Platte machen würden, damit war kaum zu rechnen. Jetzt brachten die beiden Rap-Stars unter dem Namen Savas & Sido ihr Album „Royal Bunker“ heraus. Die überraschende Ankündigung der Kollaboration sorgte schon im Sommer für Aufsehen.

Auf der einen Seite also Sido, zunächst der Mann mit der Maske, das Aushängeschild des Hauptstadt-Labels „Aggro Berlin“, bei dem der Name mindestens in den Texten Programm war, danach mit Hymnen wie „Astronaut“ und „Bilder im Kopf“ auch im Mainstream präsent. Auf der anderen Seite Kool Savas, der im Vergleich zu Sido eher selten die ganz große Aufmerksamkeit der Massen auf sich zog, im deutschen Hip-Hop aber ein Schwergewicht ist. Die Selbstauszeichnung als „King of Rap“, die er sich 2000 im gleichnamigen Song gab, würden viele Rap-Fans und auch Rapper wohl unterschreiben.

Sexkino statt Szenetreff

Der gemeinsame Nenner der beiden ist der „Royal Bunker“. Was nach Exklusivität und Goldketten klingt, war tatsächlich eine Kneipe in Berlin-Kreuzberg, ohne jeden Blingbling-Faktor. Ende der 90er traf sich dort die Rap-Szene der Hauptstadt: immer sonntags um 19 Uhr, wie Sido im Gespräch sagt. Dann wurden neue Lieder präsentiert oder spontan im Freestyle losgerappt.

Kool Savas und Sido trafen sich zum ersten Mal in dem Schuppen, zu einer Zeit, als ihre Namen nur Kennern ein Begriff waren. Wo die Kneipe früher war, steht heute ein Sexkino. Der Einfluss des „Royal Bunker“ auf deutschen Rap überdauerte den Ort aber, weil die Songs der dort aufgetretenen Rapper sich zur Jahrtausendwende in ganz Deutschland verbreiteten. „Für uns war es eine wichtige Zeit, auch für Berliner Hip-Hop und deutschen Hip-Hop“, blickt Kool Savas zurück. „Es war extrem roh.“

Das Album von Savas & Sido ist stellenweise eine Hommage an diese alte Zeit. Aber exakt danach klingen sollte die Platte nicht. „Wir haben nicht versucht, den alten Sound zu reproduzieren und irgendetwas zu machen, was schon einmal da war“, betont Savas. Für junge Leute dürfte das Album dennoch ein wenig musikalischer Geschichtsunterricht sein, während ältere Fans sich kopfnickend zurück in die 90er- und 00er-Jahre träumen können.

In Zeiten, in denen viele Rapper ihre Stimmen mit Autotune verzerren, eher singen als rappen, wenig Text und umso mehr Pausen in ihre Strophen packen, bleiben Savas & Sido schnörkellos. „Für uns war klar, dass wir nicht Trends folgen, sondern, dass es eher klassisch wird“, sagt Kool Savas. „Aber das machen wir ja immer so, das ist unser Sound.“ Darüber haben beide nicht viel sprechen müssen. „Wir haben halt einen ähnlichen Geschmack.“

Entsprechend klassisch klingt „Royal Bunker“ dann auch. Die Beats pumpen, die Rap-Passagen sind lang und voll mit Seitenhieben auf die Konkurrenz, Selbstüberhöhungen und lyrischen Schmuckstücken. „Meine Texte sind zu wertvoll / Nicht umsonst nennt man es Wortschatz“, rappt Sido im Song „Jedes Wort ist Gold wert“. Liebhaber ausgefeilter Reimkunst dürften zustimmen. Savas & Sido geizen nicht mit überraschenden und kreativen Vergleichen und Metaphern, die häufiger auch mal unter die Gürtellinie gehen.

Beide haben unterschiedliche Stile. Kool Savas rappt sehr schnell, manchmal fast atemlos, klingt oft wütend, Sido reimt langsamer und eher in einem lakonischen Ton. Wie ging das zusammen? „Wir haben erst überlegt, ob man einen Kompromiss findet und sich irgendwo in der Mitte trifft“, sagt Kool Savas. Am Ende lag der Kompromiss im Thema der Platte und in seinen Beats, „aber nicht im Rap-Stil“. Das sei auch, was das Publikum erwarte.

Das Nebeneinander der beiden Stile geht auf. In jedem der 14 Songs teilen sich Sido und Kool Savas die Textpassagen auf. Der mitunter etwas radiotauglichere Ansatz Sidos scheint bei Tracks wie „Wenn ich oben bin“ (über die Kehrseite von Partyexzessen) oder „Leben geben“ (eine sanfte Hommage an die Familie) durch.

Kein Stoff für den Schulhof

Dass sie sich für Aushängeschilder und Originale des deutschen Rap halten, ist ein Grundthema, das das Album durchzieht. Da heißt es im Song „Alles noch beim Alten“ an die Adresse jüngerer Rapper: „Du bist mein Klon / glotz nicht so, wasch den Thron!“. Deutschrap sei nur noch „blabla“, hält Sido in „Normale Leute“ fest.

Also alles schlecht im deutschen Rap? Sido verneint. „Ich mag das moderne Zeug. Ich muss mir nur die Rosinen rauspicken“, sagt er. Die Flut sei sehr groß, es gebe sehr viel nichtssagende Musik, in der es nur um den „Turn-up-Faktor“ gehe: aufpeitschen, rumhüpfen, abgehen. „Ich bin zu alt für Turn-up-Faktor.“ Wie? Zu alt? Sido zählt 36 Jahre, Kool Savas 42. Beide gehören zu den absolut prägenden Gestalten des deutschen Sprechgesangs. Inzwischen gehören sie aber auch zur „ältesten Generation Rapper“, sagt Sido. Ihre Fans seien mit ihnen älter geworden, „mitgereift“, vermutet er. Ob junge Fans noch massenhaft das Album hören werden? Sido hat seine Zweifel daran. Vereinzelt gebe es sicher noch Kids, die ihre Musik feiern. „Aber auf den Schulhöfen wird sie kaum gehört.“ (dpa)

Savas & Sido, Royal Bunker. Goldzweig/Universal

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