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Montag, 12.02.2018 Der Krimi am Sonntag

Schluss mit Süßigkeit

Liebeserklärung an Nora Tschirner: Dank ihr wird Weimar zur „Tatort“-Hauptstadt.

Von Johanna Lemke

Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen, rechts) haben auch für den letzten Loser noch ein kaltes „Och“ übrig. Wie für Steinbruchbesitzer Martin Schröder (Sascha Alexander Geršak).
Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen, rechts) haben auch für den letzten Loser noch ein kaltes „Och“ übrig. Wie für Steinbruchbesitzer Martin Schröder (Sascha Alexander Geršak).

© MDR/Wiedemann & Berg/Anke Neugeb

Es soll sie ja geben, die Menschen, die keinen „Tatort“ gucken. Denen dieses immer gleiche Gesuche, Gefinde und dann doch wieder Geirre auf den Geist geht, die auf falsch imitierte Dialekte keine Lust haben und gelangweilt sind von Kommissarzickereien und Pathologengeschwätz. Absolut verständlich.

All diesen Muffeln, sollten sie doch den Weg in diesen Text gefunden haben, sei gesagt: Schauen Sie den „Tatort“ aus Weimar! Im Ernst, Nora Tschirner und Christian Ulmen sind das ultimative Mittel, dem Krimiverdruss ein Ende zu bereiten, das wurde am Sonntag wieder klar. Weil sie kein „Wo waren sie zwischen 3 Uhr und 4.36 Uhr?“ unironisch über die Lippen kriegen. Weil es keine Kinderleichen gibt. Und weil sie nicht mal versuchen, einen irgendwie glaubwürdigen Fall zu zeigen.

Denn das ist es ja, was beim „Tatort“ nervt: dass alles hinten und vorne nicht stimmen kann. In Weimar wird das zum Prinzip gemacht. Das Ermittlerteam Kira Dorn und Lessing hatte auch am Sonntag wieder mit einem Arsenal an absolut unglaubwürdigen Gestalten zu tun: Ein Milliardär mit einem Kandinsky überm Bett wird ermordet. Seine Jahrzehnte jüngere Frau ist das Klischee im Morgenmantel, ehemals Tänzerin in einem Nachtclub, dessen Besitzer unaufhörlich Geld zählt. Sein Bruder, Steinbruchbesitzer, verliert seine Frau an einen Architekturprofessor. Kein bisschen plausibel, darum umso unterhaltsamer.

Dorn und Lessing haben null Respekt gegenüber allen Beteiligten, ihnen rutscht sogar vor dem letzten Loser noch ein kaltes „Och“ raus. Zueinander allerdings sind sie ziemlich süß. Endlich ein Kommissarenpaar, das sich nicht gegenseitig zerfleischt, dafür umso liebevoller anfrotzelt. Der Standardsatz von Lessing: „Frau Dorn“, wenn sie es wieder übertreibt mit den Vulgarismen, ist ja auch eher eine Liebeserklärung. Die sie verdient hat.

Nora Tschirner ist angeblich die beliebteste „Tatort“-Komissarin, und das zu Recht. Sie hat endgültig ihre „Keinohrhasen“-Süßigkeit abgelegt, rempelt durch die Ermittlungen, doch im Gegensatz zu allen Serienkolleginnen ist ihre Genervtheit nie zickig, sondern immer nur: genervt. Tschirner, die sich privat übrigens gegen Heidi Klums Mädchen-Zerfleischung einsetzt, ist das wichtigste Argument dafür, es mal wieder mit dem „Tatort“ zu versuchen. „Der kalte Fritte“ steht auch noch eine Weile in der Mediathek.

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