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Schluss mit Kinkerlitzchen

Allen geht es gut, und trotzdem haben alle schlechte Laune. Wirtschaftswachstum allein macht eben nicht glücklich.

08.09.2017
Von Michael Bittner

it Kinkerlitzchen
SZ-Kolumnist Michael Bittner

© Ronald Bonß

Eine halbe Stunde stand ich wartend am Empfang beim Mieterverein, bevor ich auch nur erzählen konnte, welche Sorge mich dorthin geführt hatte. „Eine Mieterhöhung? Dann setzen Sie sich mal. Es kann aber eine Weile dauern, hier sind lauter Leute wegen Mieterhöhungen. Es ist wie eine Grippewelle.“

Im Wartezimmer saß ich noch einmal zwei Stunden, bevor ich mit einer Beraterin sprechen konnte. „Der Vermieter will plötzlich zehn Prozent mehr Miete“, erzählte ich. „Er könne das verlangen, denn der Mietspiegel sei gestiegen. Ist das nicht absurd? Die Miete darf erhöht werden, weil überall die Mieten erhöht werden?“ Die Beraterin machte mir wenig Hoffnung, ein bisschen was abknapsen könne man vielleicht von der Erhöhung. Auf dem Heimweg machte ich mir schon mal Gedanken, wie lange ich mir meine Wohnung noch leisten kann, bevor ich ausziehen oder – schlimmer Gedanke! – doch noch einen vernünftigen Beruf ergreifen muss.

Der Wahlkampf sei langweilig, weil es den Deutschen eben gutgehe, so hört man dieser Tage oft. Und im Vergleich mit anderen Ländern geht es Deutschland gewiss sehr gut. Aber wenn bei uns alles in Butter ist – woher stammt nur die verbreitete schlechte Laune? Tatsächlich gibt es eine Menge Probleme, trotz oder gerade wegen des Aufschwungs: Millionen Arbeiter mit geringen Einkommen und in unsicheren Arbeitsverhältnissen oder zerbröckelnde Schulen und überlastete Polizisten wegen endloser Sparmaßnahmen.

Überhaupt ist es ein Irrglaube, anzunehmen, Wachstum allein mache glücklich. In einer kapitalistischen Gesellschaft wächst mit dem Reichtum, solange der Staat nicht ausgleichend eingreift, immer auch die Ungleichheit. Und Ungleichheit macht unglücklich, wenn sie als ungerecht empfunden wird.

Von einer linken Volkspartei wäre zu erwarten, dass sie ein Problem wie das auf dem Wohnungsmarkt entschieden angeht – zum Beispiel ein großes staatliches Bauprogramm fordert oder die Enteignung von Häusern, die Spekulanten absichtlich leerstehen lassen. Leider ist die SPD so leisetreterisch geworden, dass von ihr so etwas nicht zu erwarten ist. Sie begnügt sich mit symbolpolitischen Kinkerlitzchen wie einer „Mietpreisbremse“, die gar nichts bremst. Aber Wähler begeistert man nun mal nicht durch Vorsicht, sondern eher durch Mut.