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Mittwoch, 27.07.2016

Schluss mit der Religion

Vor der Türe Polizei, auf der Bühne Militär: Beim neuen Parsifal in Bayreuth trifft Terrorangst auf Glaubenskritik.

Von Heinrich Maria Löbbers

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Wie Jesus erscheint der verwundete Gralshüter Amfortas (Ryan McKinny), an dessen Blut sich die Gralsritter laben.
Wie Jesus erscheint der verwundete Gralshüter Amfortas (Ryan McKinny), an dessen Blut sich die Gralsritter laben.

© dpa

  • Wie Jesus erscheint der verwundete Gralshüter Amfortas (Ryan McKinny), an dessen Blut sich die Gralsritter laben.
    Wie Jesus erscheint der verwundete Gralshüter Amfortas (Ryan McKinny), an dessen Blut sich die Gralsritter laben.
  • Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen vorm Festspielhaus Bayreuth. Die Premiere war gewidmet den „Opfern der Gewalttaten der vergangenen Tage“.
    Verschärfte Sicherheitsvorkehrungen vorm Festspielhaus Bayreuth. Die Premiere war gewidmet den „Opfern der Gewalttaten der vergangenen Tage“.

Wer sich auskennt in Bayreuth, geht in der Pause ins Freiluftbad gleich hinterm Festspielhaus. Die Liegewiese mit Kneippbecken ist Kult, und die obligatorischen Pausenwürstchen kosten hier am Kiosk nicht mal die Hälfte. Genau das macht den skurrilen Charme der Festspiele aus, dass die Herrschaften in Festgarderobe vorm Holzbüdchen für ein Paar Wiener und ein Spezi anstehen, während die Damen schwärmen, was für einen sexy Body doch Amfortas hat, als er im ersten Akt des Parsifal wie Jesus am Kreuz dasteht, mit Dornenkrone und blutenden Wundmalen.

Nackte Jungfrauen im Regen

Die Kioskverkäuferin macht sich ganz andere Gedanken an diesem Montag. „So viel Polizei hatten wir noch nie“, sagt sie. „Das ist bedrückend.“ Nach den jüngsten Anschlägen ist der Grüne Hügel Hochsicherheitstrakt geworden. Überall Absperrungen, Trauerwimpel an Fahnenmasten, Polizisten patrouillieren, kontrollieren Tickets, linsen den schicken Damen in ihre noch schickeren Handtaschen. Alles sehr höflich und entspannt, auch die Gäste nehmen’s gelassen. Gelöste Stimmung selbst ohne roten Teppich und Staatsempfang, Politiker haben abgesagt, Premierenpromis auch. Abgesehen von Fürstin Gloria, gehört einer wie Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl schon zu den Bekannteren, deshalb sind auch die Schaulustigen überschaubar.

Draußen vor der Türe wacht die Polizei, drinnen auf der Bühne tauchen immer wieder Soldaten auf. Es herrscht wohl Krieg in der Welt, in der Regisseur Uwe Eric Laufenberg Parsifal ansiedelt. Eine Welt, in der der Glaube ebenso bedroht wie pervertiert ist, in der es nicht mehr um die Erlösung in der Religion gehen kann, sondern um Erlösung von der Religion. Im Programmheft zu Richard Wagners Erlösungsoper wird der Dalai Lama zitiert: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.“

Es ist eine Inszenierung, die politisch gesehen aktueller kaum sein könnte und doch an vielen Stellen plakativ und banal, verstaubt und kitschig daherkommt. Etwa wenn zum Schluss Christen, Muslime und Juden ihre sakralen Utensilien in einen Sarg legen und gemeinsam friedlich ins gleißende Licht ziehen, dorthin, wo zuvor in einem Paradiesgarten die nackten Jungfrauen im Regen Ringelreihen tanzten. Auch ziehen sich bisweilen die vier Stunden auf den harten Holzsitzen im stickigen Festspielhaus. Viel wird vom Bühnenrand aus gesungen, statt zu agieren. Dass der ein oder andere Zuschauer mal einnickt, auch das gehört dazu – vornehmlich die Herren, die Damen halten sich mit Fächern wach.

Schon auf dem Heimweg fällt im Autoradio das vernichtende Urteil der Großkritiker für die Regiearbeit: „Schlechtes Stadttheaterniveau“. Dem Publikum dagegen gefiel’s durchaus. Es gab wahre Jubelstürme nicht nur für Solisten, Chor und Orchester. Viel Applaus auch für Regisseur Laufenberg, was in Bayreuth keine Selbstverständlichkeit ist – wie immer blieben aber auch dieses Mal einige obligatorische Buhs nicht aus.

So ernüchternd für viele die Inszenierung, so fast einhellig das Lob für die Musik: Der strahlende Tenor Klaus Florian Vogt als Parsifal ist ohnehin Publikumsliebling, Elena Pankratova überzeugte vielseitig als Kundry, am meisten umjubelt wurde indes Georg Zeppenfeld, Kammersänger an der Dresdner Semperoper, mit seinem wuchtigen und dennoch klaren Bass in der Rolle des Gurnemanz. Und obwohl er nur wenige Probentage hatte, überzeugte auch Dirigent Hartmut Haenchen, der das Orchester straff und zügig durch das eher langsame Bühnenweihfestspiel führte. Von wegen Lückenbüßer. Noch so eine Bayreuther Skurrilität: Zum Schlussapplaus stehen die Musiker in kurzen Hosen, T-Shirt und Sandalen auf der Bühne. Wozu im Graben Anzug tragen, wenn einen dort doch keiner sieht.

Der aus Dresden stammende Haenchen war ja in letzter Minute für den vom Grünen Hügel geflüchteten Dirigenten Andris Nelsons eingesprungen. Ebenso wie Laufenberg vor zwei Jahren für den gefeuerten Skandalkünstler Jonathan Meese eingesprungen war.

Es werde eine islamkritische Inszenierung, hatte es vorher geheißen; es klang fast sensationslüstern. Am Ende wurde Religion im Allgemeinen mit all ihren Ritualen kritisiert. Im ersten Akt leben die Gralsritter wie Mönche in einer katholischen Kirche, wo sie Flüchtlingen auf Feldbetten Asyl gewähren. Ein eingespielter Film zoomt heraus aus der kleinen Kirche ins Weltall und wieder zurück irgendwo in das Gebiet zwischen Syrien und dem Irak.

Blutrünstige Gralsritter

Hier zelebrieren die Mönchsritter ein blutrünstiges Ritual, indem sie dem scheinbar unheilbar verwundeten Gralshüter Amfortas Blut aus seinen Wunden zapfen, um es zu trinken. Amfortas verkörpert hier einen Jesus, an dessen Leiden sich die Gläubigen laben. Parsifal schaut unbeteiligt zu.

Der zweite Teil spielt in muslimischem Ambiente, in dem der verstoßene Klingsor sich an Kruzifixen ergötzt und sich selbst geißelt. Hier sind die Frauen zunächst schwarz verschleiert, um dann ihr Gewand abzuwerfen und Parsifal im Bauchtanzdress in einem orientalischen Harem seine Unschuld zu rauben. Der „reine Tor“ Parsifal widersteht jedoch den Verführungen. Er raubt Klingsor jenen Speer, der die Wunden des Amfortas heilen kann. Im dritten Teil kehrt Parsifal in die Kirche zurück, die inzwischen nur noch eine Ruine ist, hinter der besagtes Paradies zum Vorschein kommt und Erlösung erreichbar erscheint.

Nach all den Skandalen und Schlagzeilen wurde es dann am Montagabend eine zwar musikalisch gelungene, sonst aber unspektakuläre Premiere. Bayreuths Anspruch ist ein anderer.