sz-online.de | Sachsen im Netz

Schlingel unter sich

Der Bürger ist nicht weniger gebrechlich als seine Vertreter. Deshalb ist es gut, dass uns die Gewaltenteilung vor unserer eigenen Dummheit schützt.

12.08.2016
Von Michael Bittner

 unter sich
SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© ronaldbonss.com

Wie man aus München erfährt, wird der frisch aus der Haft entlassene Steuerhinterzieher Uli Hoeneß demnächst wieder für das Amt des Präsidenten beim FC Bayern München kandidieren. Und kaum jemand zweifelt daran, dass die Vereinsmitglieder ihn auch wieder auf diesen Posten wählen werden. Manch einer erinnert sich vielleicht noch daran, wie Uli Hoeneß einst dekretierte, im Fußball hätten Kriminelle nichts zu suchen. Damals ging es aber um die Nase von Christoph Daum. Mit solch kleinen Unstimmigkeiten wird man sich in Bayern nicht aufhalten, zu groß ist die Freude über eine Resozialisierung in Rekordzeit. Die Sachsen sollten nun aber auch nicht über die Bayern spotten, die einen kriminellen Bratwurstfabrikanten beklatschen. Schließlich wurde in Dresden zwei Jahre lang sogar ein kleinkrimineller Bratwurstverkäufer bejubelt.

Die Bürger fordern von Amtsträgern immer sehr laut Ehrlichkeit, aber ich fürchte, manche meinen das nicht ganz ehrlich. In der brandenburgischen Grenzstadt Guben haben die Bürger vor Kurzem einen Mann zum Bürgermeister wiedergewählt, der zuvor wegen Korruption verurteilt worden war. Er hatte einer Firma städtische Aufträge zugeschanzt, die dafür freundlicherweise seinen Privatgarten kostenlos pflegte. Die meisten Bürger verziehen ihm das aber. Denn der Berlusconi von der Neiße hatte vorher im Amt ordentlich Schulden gemacht und mit diesem Geld eine Stadtverschönerung bezahlt, von der viele profitierten. Ein Verbrecher erscheint eben gleich in günstigerem Licht, wenn er etwas von seiner Beute abgibt.

Es gibt dieser Tage viele Menschen, die „das Volk“ für unfehlbar halten und nach einer „direkten Demokratie“ rufen, womit sie oft die Direktwahl eines machtvollen Führers meinen. Mir scheint da ein wenig Skepsis angebracht, denn der Bürger ist nicht weniger gebrechlich als seine Vertreter. Leicht siegt bei direkten Wahlen ein starker Mann, der große Töne spuckt und fleißig Geschenke austeilt. Ist so einer aber erst einmal am Ruder, bekommt man ihn schwer wieder da weg.

In unserer indirekten Demokratie mit ihrer geteilten Gewalt wacht immerhin ein Schlingel eifersüchtig über den anderen, sodass selbst Neid und Ehrgeiz zum Guten ausschlagen. Behalten wir lieber eine Demokratie, die das Volk auch vor den Dummheiten des Volkes bewahrt.