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Montag, 09.10.2017

Scherben und eine alte Pfeilspitze

Manfred Kegel aus Bernsdorf erhält den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Überreicht wird ihm dieser in der Schweiz.

Von Ralf Grunert

Das Bild zeigt Manfred Kegel bei der Bergung von beschädigten Gefäßen aus einem Grab aus der Bronzezeit, an der er vergangene Woche teilgenommen hat.
Das Bild zeigt Manfred Kegel bei der Bergung von beschädigten Gefäßen aus einem Grab aus der Bronzezeit, an der er vergangene Woche teilgenommen hat.

© privat

Was der Laie für einen gewöhnlichen Stein hält und drüber hinwegschaut, lässt das Herz von Manfred Kegel vor Freude schneller schlagen. Er erkennt in dem unscheinbaren Fundstück eine Tonscherbe, eine Pfeilspitze, einen Bohrer, einen Kratzer oder auch Teile davon. Das Besondere daran: Diese Dinge gewähren einen Blick weit zurück in die Vergangenheit. Und das fasziniert Manfred Kegel.

Der 78-jährige Bernsdorfer ist schon sein halbes Leben lang als Hobby-Archäologe unterwegs und seit vielen Jahren ehrenamtlich für das Landesamt für Bodendenkmalpflege tätig. Schon zahlreiche archäologische Fundstellen hat er vor der Zerstörung bewahrt. Vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz wird das nun mit der höchsten Auszeichnung, die es auf diesem Gebiet in Deutschland gibt, honoriert. Mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz in Form der Silbernen Halbkugel. Siebenmal wird dieser Preis im Jahr 2017 vergeben, fast ausschließlich an Vereine, nur einmal an eine Einzelperson.

Manfred Kegel war vor ein paar Tagen per Post darüber informiert worden, dass er für diese Ehrung ausgewählt wurde. „Mein erster Gedanke war: Die veralbern mich.“ Dass alles seine Richtigkeit hat, erfuhr er dann in einem Telefonat.

Das Faible für Geschichte und Altertumsforschung hatte er schon immer. Es beschränkte sich anfangs auf die Lektüre von Büchern. Erstmals in Berührung gekommen ist er damit in den 1980er Jahren. Manfred Kegel erinnert sich noch genau an die Situation: Es war im damaligen Sitz der AWG und heutigem Sitz der LebensRäume-Genossenschaft an der Niederkirchnerstraße. Da stand eine Vitrine mit Fundstücken von Ausgrabungen. „Ich habe gefragt, wer die Vitrine gestaltet hat.“ So lernte er Heinz Trost kennen, einen ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger. Und der nahm ihn mit auf die ersten Exkursionen. Die erfolgten, häufig im Vorfeld von Tagebauerschließungen, aber auch auf Landwirtschaftsflächen.

Einmal, das weiß Manfred Kegel noch wie heute, sollte er nach alten Scherben suchen. „Ich hatte nur bunte in der Hand.“ Wertloses Zeug. Aber Manfred Kegel lernte schnell. „Die unscheinbaren Sachen muss man aufheben, nicht die offensichtlichen.“

Anfang war Manfred Kegel im Raum Hoyerswerda unterwegs, meist in Begleitung, später dann auch allein und in einem größeren Umfeld. Heute betrachtet er die östliche Lausitz als sein Suchgebiet, das reicht bis Bautzen und zum Tagebau Nochten. Woran er sich bei der Suche orientiert? „Es ist wie beim Pilzesuchen. Man bekommt ein Gefühl dafür, wo etwas zu finden ist.“ Gern ist Manfred Kegel abseits der bekannten Fundstellen unterwegs. „Es ist schön, wenn man etwas an einem Ort findet, wo noch niemand etwas gefunden hat.“ Was dabei in seinen mit GPS-Daten versehenen Plastikbeuteln landet, ist ihm nicht so wichtig. „Ich finde alles toll, was ich finde. Das ist meine Grundeinstellung.“

Sein ältestes Fundstück stammt übrigens aus den Dünen bei Klitten. Es handelt sich um eine Pfeilspitze vom Ende der Altsteinzeit, etwa 9 000 Jahre vor Christus. Zu erkennen an einer ganz speziellen Form.

Manfred Kegel ist einer von mehreren ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern in der Region. Ihre fachliche Anleitung erhalten sie vom Landesamt für Bodendenkmalpflege. Von diesem werden sie auch immer wieder mal gezielt eingesetzt, wenn es „Rettungsaktionen“ von Fundstätten vor einem nahenden Straßenbau oder Abraumbagger im Tagebau durchzuführen gilt. Fundstücke sind generell abzugeben und werden beim Landesamt aufgearbeitet, katalogisiert und eingelagert. Manche finden dann auch den Weg in Ausstellungen. Mehrere von Manfred Kegel entdeckte Pfeilspitzen und Steinbeile aus Feuerstein sind zum Beispiel im Kulturhistorischen Museum in Görlitz zu bestaunen.

Die Hobby-Archäologie kostet Aufwand, Zeit und auch Geld. Für den 78-jährigen einstigen Unternehmer geht das in Ordnung. „Ich mache das nicht, um eine Auszeichnung zu bekommen, sondern weil ich Freude daran habe. Weil es wichtig ist, nicht nur an das Heute zu denken, sondern nach unseren Wurzeln zu suchen.“

Die ihm nun zuteil werdende Auszeichnung weiß Manfred Kegel einzuordnen. „Das ist zwar eine Ehrung für mich, aber im gleichen Maße eine Ehrung für alle ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger in Sachsen und speziell im hiesigen Bereich.“ Zur Übergabe der Silbernen Halbkugel wird ihn seine Frau Barbara begleiten, die allzu oft auf ihn verzichten muss, wenn er im Auftrag der Bodendenkmalpflege unterwegs ist. Gemeinsam geht es für beide nach Basel in die Schweiz. Dort findet am 13. November die Preisverleihung statt.

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