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Sonntag, 24.02.2013

Schantall, tu ma die Omma winken!

Viele Sachbücher und Ratgeber sind auf das Niveau von Dokusoaps gesunken – und liefern ein trostloses Abbild der Nation.

Von Katrin Saft

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Einblicke in die Unterschichtenfamilie. Zeichnung: Susanne Granas aus dem Buch „Schantall, tu ma die Omma winken!“
Einblicke in die Unterschichtenfamilie. Zeichnung: Susanne Granas aus dem Buch „Schantall, tu ma die Omma winken!“
  • Einblicke in die Unterschichtenfamilie. Zeichnung: Susanne Granas aus dem Buch „Schantall, tu ma die Omma winken!“
    Einblicke in die Unterschichtenfamilie. Zeichnung: Susanne Granas aus dem Buch „Schantall, tu ma die Omma winken!“
  • Die Autorin: Katrin Saft (46) hat Journalistik studiert und leitet bei der Sächsischen Zeitung das Ressort Leben & Stil.
    Die Autorin: Katrin Saft (46) hat Journalistik studiert und leitet bei der Sächsischen Zeitung das Ressort Leben & Stil.

Cindy aus Marzahn hat abgewirtschaftet. Jetzt kommt Schantall. Schantall, das bildungsferne Mädchen, das immerhin weiß, dass Kartoffeln lang und dünn sind und in die Fritteuse gehören. Endlich lässt uns ein erschütterter Sozialarbeiter am Härtefall Unterschichten-Familie partizipieren. Er nimmt uns mit in die Welt der Sonnenbänke, getunten Autos und Rückentattoos – auf mehr als 200 Seiten, soeben erschienen als Sachbuch „Schantall, tu ma die Omma winken!“.

Doch während Autor Kai Twilfer versichert, mit dieser Art von Lektüre die Welle der Geschmacksverarmung in Deutschland noch aufhalten zu wollen, ist er längst ein Teil davon. Die Frühjahrsvorschau diverser Verlage lässt befürchten, dass sich immer mehr Sachbücher auf das Niveau von Dokusoaps und Castingshows herabbegeben. Viele der Neuerscheinungen lesen sich wie der Auswurf von Neurotikern, die auf diesem Weg ihre ganz persönlichen Traumata verarbeiten wollen. Selbsternannte Insider packen aus. Nur fragt sich, wer daran teilhaben will.

Beispielsweise am Leben des Pornostars Till Kraemer, der in „Pornojahre“ von Gangbang und seiner „geilsten Zeit“ erzählt. Oder an den Anekdoten von Bodypiercer Tarek Ehlail, der „schonungslos ehrlich“ über nekrotische Brustwarzen, spritzende Eiterbrünnchen und die Gefahren beim Stechen eines Hodenrings aufklärt. In „Fuck me now and love me later“ plaudern 33 Frauen unverblümt über ihre One-Night-Stands. Der Verlag verspricht „prickelnde Unterhaltung – natürlich auch für Männer!“ Und Otto Normalfrau fragt sich besorgt, ob sie mit ihrer „Liebe mich erst“-Einstellung überhaupt noch dem Zeitgeist entspricht.

Da heulen sich plötzlich ganze Berufsgruppen mit erklärtem literarischen Anspruch über das Elend ihres Jobs aus. Der Bremer Einzelhändler Hans-Jürgen Hofmann zum Beispiel hat ein Buch „für alle Verkäufer in Deutschland“ geschrieben. In „Der Ladenhüter“, der ab März die Läden hütet, klagt er über Kunden, die sich beraten lassen und dann – wie gemein – billiger im Internet bestellen. „Shopping ist zum Entertainment ohne Kaufverpflichtung und der Verkäufer zum Darsteller geworden“, sagt Hofmann. Nun sei ihm der Kragen geplatzt. Deshalb dieses Buch, überraschend mit Happy End. Das letzte Kapitel heißt mannhaft: „Warum ich meinen Beruf trotzdem gern mache“.

Anna Dogadkina, Jahrgang 1983, hat nicht so viel Ausdauer und hingeschmissen. In „Evil Bitches“ verspricht die ehemalige Redakteurin eines Frauenmagazins einen „erschreckenden Blick hinter die Kulissen, wo das Böse auf High Heels herumstolziert“. Ihr angeblicher Insiderbericht über intrigenspinnende Kolleginnen im Glamourland erweckt den Eindruck, als wolle sie auf der Erfolgswelle von „Der Teufel trägt Prada“ schwimmen lernen.

Ähnlich überraschungsfrei auch das gerade erschienene Werk „Einsatz am Wurstregal“ über die Höhepunkte aus dem Leben einer Nebenjobberin: schlechte Verträge, Kaffee ausschenken und schuften für einen Hungerlohn. Schweinerei im Kurzweilstil.

Unterdessen scheint kein Thema mehr zu blöd, um es öffentlich durchzuhecheln. Christof Dörr regt sich über Mitmenschen auf, die in der Bahn hemmungslos laut am Handy ihr Liebesleben besprechen oder hämisch über Kollegen lästern. Seine tägliche unfreiwillige Talkshow auf Schienen macht er ab März in „Nö, Du störst nicht, ich bin gerade in der Bahn“ der gesamten Menschheit zugänglich. Natürlich nicht ohne die scheinheilige Frage: Haben die denn gar kein Schamgefühl?

Aber es kommt noch härter. In „Schattenparker, Bordsteinrammer und andere Fahrschüler“ lässt uns ein leidgeprüfter Fahrlehrer seinen Alltag nachfühlen. Bei Kevin hilft nur noch die Höchststrafe: Er muss für jeden Stundenkilometer zu schnell eine Minute Schrittgeschwindigkeit fahren. Mit solcherart pädagogischer Konsequenz passt das Buch ganz wunderbar in die neue Generation von Erziehungsratgebern, die dann obercool heißen: „Pimp your Kid“. Das Pendant kommt im Mai von Mutter Sabine Bohlmann heraus: „52 wunderbare Wochenenden – lustige Ideen für die ganze Familie.“ Im rosa Einband, Sie ahnten es.

Wer auffallen will im Potpourri der guten Ratschläge, muss schon beim Titel für ein „Hä?“ sorgen. Und so darf sich der Leser über weitere Neuerscheinungen wie „Denken ist dumm“, „Warum Bratkartoffeln schlank machen“ oder „Arschlöcher zähmen“ freuen. Anglismen in der Überschrift lassen Sachbücher und Ratgeber nicht mehr ganz so unsachlich klingen. Wer würde schon bei „Emotional Boosting“, „Downshifting“ oder „Brain View“ an der Substanz zweifeln?

Doch nicht nur das Anderssein um jeden Preis nervt, sondern auch die Pseudolustigkeit, mit der jedes noch so ernste Thema auf Unterhaltung getrimmt wird. In „Wechseljahre einer Blondine“ erklärt die blonde Autorin Danielle Rohrer, warum Platinblond ab einem gewissen Alter Friedhofsblond heißt. Hitzewallungen und Hängebusen werden mit Komik bekämpft und auch noch vom Verlag mit dem Zusatz beworben: „Lesevergnügen für Frauen ab 40 und für Fans von ,Runzel-Ich‘“.

Ein schwacher Trost nur, dass auch Mannsein vor dem Altersproblem nicht schützt, wie das sogenannte Mutmacherbuch „50 Dinge, die Mann bis 50 unbedingt tun muss“ offenbart. Autor Clemens Hagen ist – Überraschung – 50 und fühlt sich überraschend fantastisch in seiner nicht mehr ganz so faltenfreien Haut. In einer Art Abenteueranleitung verrät er ab Mai, wie er das schafft: Für Sex, Frauen, Hummer und Hangover sei es doch nie zu spät. Fazit für alle sich nicht so fantastisch Fühlenden: Jetzt aber ran an den Speck, Männer! Klammer auf „und bloß nicht an den Brokkoli“, lachen,   Klammer zu. Dann doch lieber zurück zum guten alten Fuchsberger, der ehrlich bekennt: „Alt werden ist nichts für Feiglinge“.

Eine Kategorie für sich sind die Ernährungs- und Diätratgeber, die uns im Frühjahr wieder zahlreich verwirren. Früher war die Theorie klar: Wer mehr isst, als er verbrennt, nimmt zu. Mit Jo-Jo und immer mehr Dicken werden die Schuldigen nun gern auch außerhalb des Kühlschranks gesucht: in den Genen oder im Gehirn. Dr. Lutz Bannasch verspricht jedem sein individuelles Stoffwechselprogramm. Und Ronald Pierre Schweppe rät zum Abnehmen durch Achtsamkeit: Essen im Hier und Jetzt statt bei McDonald's.

Der aufmerksame Ess-Ratgeber-Konsument fragt sich allerdings, was er überhaupt noch zu sich nehmen darf. Zucker, Fleisch, Milch und Fertigprodukte haben längst ein Geschmäckle. Und jetzt kommt auch noch Dr. William Davis aus den USA, der in seinem neuen Buch „Weizenwampe“ behauptet: Brot, Gebäck, Pizza & Pasta machen dick und krank. Bier ja sowieso.

Renée und Bruno Weihsbrodt rufen deshalb in ihrem Ratgeber „Intelligente Ernährung“ die Rohvolution aus – Entgiften durch Rohkost. Sie folgen damit dem Trend zum Extremen. Durften sich Vegetarier bis vor Kurzem noch für die besseren Esser halten, müssen sie sich heute verächtlich von Veganern fragen lassen: „Igitt, Du isst Ei vom Tier?“ Dem Radikal-Trend folgt dann auch das gerade erschienene Buch von Wolf-Dieter Storl „Der Selbstversorger“. Leben vom Garten und von der freien Natur. Praktisch auch in der Wirtschaftskrise. Denn was nützt schon Gold, wenn‘s hart kommt.

Natürlich ereilen uns auch wieder jede Menge Persönlichkeits- und Erfolgsratgeber: Erfolg durch Faulenzen etwa oder Erfolg durch die richtige innere Haltung. Burn-out ist out. Resilienz (zu deutsch Widerstandsfähigkeit) und Selbstkontrolle heißen die Modeworte. Selbst blamieren soll man sich heute selbstbewusst, wie Autorin Gitte Härter empfiehlt – mit der Anti-Blamier-Formel gegen offene Hosenställe zum Beispiel. Nach dem Ende der Busen-füllt-Dirndl-Debatte hat Deutschland auf diesen Tipp gerade noch gewartet. Bewegt die Nation denn wirklich kein anderes Problem? Das Sachthema scheint tot! Dafür haben wir jetzt Bücher wie „Überzeugen ohne Sachargumente“ von Gudrun Fey.

Schenkt man Autorin Stefanie Demann Glauben, reicht ohnehin ein einziger Standardratgeber im Schrank: „Selbstcoaching“ heißt ihr Buch und zeigt, wie man Denken, Verhalten und Gefühle mit 80 Tools selbst optimiert. Das optimale Selbst. Klingt fantastisch! Also weg mit all den anderen Büchern?

Zum Glück gibt es sie noch zwischen all der Fast-Food-Ware: Sachbücher, die sich an Problemthemen reiben, die provozieren und zum Widerspruch reizen – so wie Frank Schirrmachers Theorie vom „Ego“ zum Beispiel. Und vielleicht ist sogar das Buch mit der Schantall, die die Omma winken tut, ja doch ein Nachdenken wert. Denn ein bisschen Schantall, meint der Autor, steckt schon in jedem von uns.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. H. Böttcher

    Wen wundert das Niveau von Sachbüchern und Ratgebern, wenn z.B. solch Ekel-Buch wie "Feuchtgebiete" in Deutschland verlegt und sogar literarischer Bestseller wird ? Dort fängt doch das trostlose Abbild der Dichter- und Denker-Nation an, am besten dokumentiert in den wöchentlichen Bestseller-Listen. Je hirnloser und prolliger der Inhalt, um so gewinnversprechender für die Verlage.

  2. Gert Krautkrämer

    Sehr geehrte Frau Saft, ich empfinde Ihren Artikel als bemerkenswert schön formuliert. (Ääährlich!) Andererseits, was ist dagegen zu sagen, dass Leute sich für ihnen unfromm oder geschmacklos erscheinende Phänomene und Geschichten interessieren? Ob anspruchsvolle Literatur oder nicht - wenn doch Lesen bilden soll? Von "Feuchtgebiete" hörte ich, dass einige Frauen darin noch Aufklärung gefunden haben. Marquis de Sade (u.a.) mit seinen beispielsweise ekelhaften "120 Tage..." wurde damit berühmt... Mit freundlichen Grüßen, Gert Krautkrämer

  3. Julia

    Anglismen in der Überschrift lassen Sachbücher und Ratgeber nicht mehr ganz so unsachlich klingen. --------Ebenso wie Artikel deutscher Journalisten bewappnet mit "Anglismen" im Kampf gegen die literarische Niveaulosigkeit. ("Anglismen" gibt es nicht).

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