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Mittwoch, 29.06.2011

Sachsen erobern Potsdam

„Dresden“ war dieses Jahr Motto der Musikfestspiele Sanssouci. Mit „Il Paride“ wurde an ein historisches Opernereignis erinnert.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Der Name der sächsischen Hauptstadt war in Potsdam präsent wie nie zuvor. „Dresden“ zog als Motto der diesjährigen Musikfestspiele von Sanssouci 13.000 Besucher an, die 93 Veranstaltungen waren zu 92 Prozent ausgelastet – eine Traumquote. Festivalleiterin Andrea Palent, gebürtige Leipzigerin, holte mit der Staatskapelle und dem Vocal Concert Dresden nicht nur Prominenz von der Elbe an die Havel, sie grub zum Slogan „Sachsens Glanz trifft Preußens Gloria“ auch tief in der sächsischen Musikgeschichte.

Das Konzert „Spitzentöne“ mit Mezzosopranistin Vivica Genaux und Countertenor Filippo Mineccia war den Barockstars Faustina Bordoni und Senesino gewidmet, die einst in Dresden Opernglanz verbreiteten. Kurprinz Friedrich August hatte die Sänger auf seiner Kavalierstour in Venedig kennengelernt. Sie wurden anlässlich seiner Hochzeit mit der Habsburgerin Maria Josepha 1719 nach Dresden verpflichtet. 1733 wurde die Bordoni, nun Gattin von Hofkapellmeister Hasse, in Dresden sesshaft. In der Friedenskirche Sanssouci erklangen Arien von Lotti, Hasse, Händel und Vivaldi. Begleitet vom Concerto Köln, steigerten sich Genaux und Mineccia in einen wahren Sangesrausch und ernteten Ovationen.

Zur Hochzeit eine Oper

Großen Erfolg feierte auch das Opernprojekt der Festspiele. Giovanni Andrea Bontempis „Il Paride – Paris“, vom Komponisten selbst als „Spiel von der Liebe, in Musik gesetzt“ umschrieben, wurde fünfmal aufgeführt. Die rund 200 Plätze des historischen Schlosstheaters waren stets ausverkauft, und doch kamen viel weniger Besucher in den Genuss des Spektakels als einst am 3. November 1662 in Dresden – als erstmals eine italienische Oper so hoch im Norden erklang.

Es sollen, der Hofstaat von Johann Georg II. und all seine Gäste zusammengerechnet, bis zu 2.500 Menschen im Riesensaal des Schlosses zugegen gewesen sein. Anlass der Inszenierung um Paris und Helena, die über 300.000 Taler kostete, war ebenfalls eine Hochzeit: Kurfürstentochter Erdmuthe Sophie – eine Tante Augusts des Starken, der freilich noch nicht geboren war – heiratete den Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth. Der Kastrat Bontempi, Schüler von Monteverdi, war schon mit Mitte Zwanzig 1650 nach Dresden geholt worden. Er agierte unter anderem als Sänger, Kapellmeister und Theaterinspektor. Den opulenten Fünfakter, der sich über fünf Stunden hingezogen haben soll, komponierte er auf ein eigenes Libretto.

Festivalchefin Andrea Palent, auch hier federführend, schuf mit Regisseur Christoph von Bernuth und Christina Pluhar, deren Ensemble L’Arpeggiata „im Stile der Epoche“ musizierte, eine auf zweieinhalb Stunden gestraffte Version. Das Personal wurde von 31 auf 23 reduziert, verkörpert von neun Sängern und einer Mimin. So hatten die Tenöre Emiliano Gonzales Toro und Fernando Guimaraes jeweils vier Rollen zu stemmen. Allein Countertenor David Hansen, der den Paris sang, und Mezzosopranistin Luciana Mancini als seine verstoßene Liebste, durften sich auf Einzelrollen konzentrieren, und das taten sie mit Bravour. Durchweg stark präsentierten sich auch die Soprane Raquel Andueza (Helena, Athene), Hannah Morrison und Mariana Flores.

„Paris“ gehört nach Dresden

Neben der sängerischen Klasse, mit der das schwierige historische Material bewältigt wurde, und der exzellenten Begleitung überzeugten die szenische Dichte, die souveräne Balance zwischen Wucht und Heiterkeit, Derbheit und Poesie, das Gespür der Regie, die frühbarocken Zeitgeist buchstäblich tanzen ließ, für starke Affekte und zarte Zwischentöne. Hoffentlich ist dieses Prachtstück auch einmal in Dresden zu erleben, wo es vor knapp 350 Jahren entstand.