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Donnerstag, 14.09.2017

Russische Birnen für Dresdens Bühne der Zukunft

Viele Künstler halten das Festspielhaus Hellerau für den besten Tanzraum der Welt. Eine spektakuläre Rekonstruktion lässt ihn jetzt wieder neu erstrahlen.

Von Johanna Lemke

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Avatâra Ayuso lässt Körper, Raum und Licht tänzerisch lebendig werden.
Avatâra Ayuso lässt Körper, Raum und Licht tänzerisch lebendig werden.

© Adam Dreesen

  • Avatâra Ayuso lässt Körper, Raum und Licht tänzerisch lebendig werden.
    Avatâra Ayuso lässt Körper, Raum und Licht tänzerisch lebendig werden.
  • Das Festspielhaus Hellerau war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schmelztigel des kreativen Europas.
    Das Festspielhaus Hellerau war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schmelztigel des kreativen Europas.

Dresden. Wer bei der Geschichte Dresdens an Barock denkt, vergisst mitunter Wesentliches. Beharrlich hält sich der Mythos, alles Moderne sei am Tal der Ahnungslosen vorbeigezogen wie das Westfernsehen. Dabei kommt von hier nicht nur das Porzellan, sondern auch die Basis für das, was wir sehen, wenn wir heutzutage ins Theater gehen. Nun ja, nicht direkt aus dem Elbtal. Doch oben auf dem Hügel, im Festspielhaus Hellerau, wurden die Grundlagen der modernen Theaterbühne entwickelt.

Wenn in Weimar und Dessau in zwei Jahren das 100. Bauhaus-Jubiläum gefeiert wird, weiß man in Hellerau: „Hier wurde das Bauhaus gezeugt“. Das behauptet Dieter Jaenicke, Intendant des Europäischen Zentrums der Künste. „Zumindest fand hier der erste Flirt statt“, sagt er. Die Folge dieser Romanze ist der große Saal im Festspielhaus, der als einer der besten Säle der Welt für zeitgenössischen Tanz und modernes Theater gilt. Der extrem hohe, offene Raum mit zur Bühne abfallenden Zuschauertribühnen geht auf die Konstruktion des Architekten und Bühnenbildners Adolphe Appia zurück, eine der wichtigsten Figuren im kreativen Schmelztigel, der Hellerau zu Beginn des 20. Jahrhunderts war.

Gemeinsam mit Alexander von Salzmann konstruierte der Architekt und Theoretiker Appia einen Raum, der Atmosphäre im Theater zum zentralen Faktor machte. Das Licht wurde zum wesentlichen Bestandteil: Appia und Salzmann wollten einen schattenfreien Bühnenraum, in dem Darsteller und Zuschauer gleichermaßen beleuchtet wurden. Die vierte Wand, die Bühne und Zuschauerraum bisher getrennt hatte, fiel in dem durchgehend beleuchteten Raum weg.

„Hier wurde der Prototyp der neuen Theaterbühne des 20. Jahrhunderts erfunden“, sagt Dieter Jaenicke. Darum begann er vor zwei Jahren, an einer Rekonstruktion dieses Raums zu arbeiten. Das Mammutprojekt „Rekonstruktion der Zukunft“, das die Appia-Bühne von 1911 mit ihrem ursprünglichen Beleuchtungskonzept in Hellerau nachbaut, ist nun fast vollendet und ab Oktober zu besichtigen. Der Architekt und Videokünstler Héctor Solari, Kurator des Projektes, recherchierte, bastelte und tüftelte monatelang, bis er eine Ahnung davon hatte, wie die Appia-Bühne ausgesehen haben könnte.

Es gibt selbstverständlich keine Augenzeugen, außerdem war das historische Material mehr als dürftig. Dazu kamen die technischen Herausforderungen: Techniker trieben 5 000 Glühbirnen in Weißrussland auf – Glühbirnen sind in Deutschland nicht mehr so leicht zu kriegen. Einst waren die Wände in dem Raum mit gewachstem Stoff bezogen – nach heutigen Brandschutzregeln ein Unding. Die rekonstruierte Bühne, die ab dem 17. Oktober in Hellerau zu sehen ist, nimmt sich also einen gewissen Interpretationsspielraum heraus.

Wenn demnächst also Scharen von Architekturstudenten nach Dresden pilgern werden, dann liegt das ausnahmsweise mal nicht an August dem Starken. Sondern an dem Appia-Raum und dem beeindruckenden Rahmenprogramm. Die Eröffnungsrede hält der Architekt Daniel Libeskind, Theaterstar Robert Wilson kommt. Choreografen wie Richard Siegal oder Constanza Macras bespielen die Bühne, Avatara Ayuso tanzt zu einem Vortrag eines Theaterwissenschaftlers. Es gibt Ausstellungen, Musik und Vorträge zum Thema. Und in der Nacht auf den 12. Oktober kann, wer mag, in der Appia-Bühne übernachten. Unter 5 000 verlöschenden Glühbirnen.

„Rekonstruktion der Zukunft“: 17.10. bis 11.11. im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau. Karten: 0351 26462 46

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