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Freitag, 08.12.2017

Ritterschlag für Sachsens Orgeln

Die Unesco erklärt die Königin der Instrumente zum Welterbe. Vielleicht hilft das gegen einen mysteriösen Pilz.

Von Bernd Klempnow

Königin im prächtigen Gewand – die Orgel der Dresdner Frauenkirche.
Königin im prächtigen Gewand – die Orgel der Dresdner Frauenkirche.

© SZ/Lösel

Was haben die neapolitanische Pizza, die türkische Pfeifsprache, das indische Krugfest „Kumbh Mela“ und die deutsche Orgel gemeinsam? All diese Kulturformen sind in der Donnerstagnacht vom Unesco-Komitee im südkoreanischen Jeju auf die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Damit umfasst diese fast 400 lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Gelistet sind unter anderem das Genossenschaftswesen aus Deutschland, der Tango aus Argentinien, die traditionelle chinesische Medizin und die italienische Geigenbaukunst.

Selten dürfte hierzulande eine Welterbe-Aufnahme so euphorisch begrüßt worden sein. Politiker, Instrumentenbauer und Musiker hatten diesen Tag über die Jahre des Antrages hinweg herbeigesehnt, denn Orgelbau und -musik sind nirgendwo so präsent. „Die vielen regionalspezifischen Baustile, Kompositionen und Aufführungsformen sowie staatliche und kirchliche Ausbildungsmöglichkeiten seien Belege dafür, wie lebendig diese Kultur in unserem Land ist“, sagte der Vizechef der Deutschen Unesco-Kommission, Christoph Wulf.

Dabei hatte das Instrument seinen Ursprung vor mehr als 2 000 Jahren im hellenistischen Ägypten. Seit dem Mittelalter aber ist es vor allem in Deutschland weiterentwickelt worden. Gut 50 000 Instrumente und rund 400 Orgelbaufirmen gibt es bundesweit. Kenner schätzen es als ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Technik und Klang – es geht um Feinmechanik, aber auch um Hightech, jedes wird individuell für einen Raum gebaut. Kein anderes Instrument kann solche Glanzpunkte von orchestraler Strahlkraft bieten. Und kein anderes Instrument stellt so enorme Spielanforderungen. Wer eine so hochkomplexe Maschine bedienen will, muss enorme Denkarbeit leisten. „Um sich zu koordinieren, müssen Kopf und Körper im Einklang sein“, sagen Organisten. „Der Atem muss fließen, dann fließt auch die Musik.“ Für den Freistaat Sachsen ist die Aufnahme der Orgel als Welterbe gewissermaßen ein Ritterschlag. Wohl gibt es Regionen, die mehr dieser „Königinnen der Instrumente“ vorweisen können. Aber kaum eine Orgellandschaft hat so wertvolle und besondere wie die in Sachsen. Deshalb sieht Kunstministerin Eva-Maria Stange die Aufnahme als „eine Auszeichnung und Wertschätzung für die sächsische Tradition“. Die Ursprünge der Orgellandschaft reichten ja bis in die Spätgotik zurück. „Ihrer hohen Qualität und einem früh einsetzenden denkmalpflegerischen Bewusstsein ist es zu verdanken, dass zahlreiche historische Orgeln erhalten sind.“ Von den mehr als 2 500 Orgeln landesweit sind über 130 historische Instrumente vom 17. bis 19. Jahrhundert vollständig oder großteils erhalten. Nachhaltig wurde die Region von Gottfried Silbermann (1683 – 1753) und seiner Schule geprägt. Konzerte und Festivals wie die Silbermann-Tage haben den Ruf sächsischer Orgeln vermehrt und ziehen Künstler und Bauer aus aller Welt an. Längst sind die Instrumente nicht mehr nur fester Bestandteil der Kirchenmusik, sondern werden auch in weltlichen Konzerten geschätzt. Eine der jüngsten Konzertorgeln ist die Eule-Orgel im neuen Dresdner Kulturpalast. Gerade wurde im Paulinum der Leipziger Universität eine Jehmlich-Orgel übergeben.

Trotz aller Freude über die Unesco-Ehrung betonten Orgelfreunde zugleich, dass diese Anerkennung genutzt werden müsse, um personelle und finanzielle Ressourcen für den Erhalt und die Fortschreibung dieser Kultur zu eröffnen. „In der Verantwortung sind nicht nur die Kirchengemeinden als Eigentümer von Orgeln, sondern auch der Staat“, sagte Orgelsachverständiger Michael Kaufmann aus Heidelberg, der den Unesco-Antrag formuliert hatte. „Immer weniger Gemeinden sind in der Lage, ihre Orgeln allein zu unterhalten.“

Diese Situation wurde in den vergangenen Jahren verschärft, weil ein mysteriöser Schimmelpilz immer mehr Instrumente befällt – mittlerweile ist es jedes dritte in Sachsen. Die Ursachen sind unklar. Liegt es an der seit der Wende sauberer gewordenen Luft, weil keine Chemieabgase mehr den Pilz „auffressen“? Haben vielleicht die früher eingesetzten, heute verbotenen Holzschutzmittel dem Pilz dereinst den Garaus gemacht? Liegt es an Klimaveränderungen in den total sanierten und gedämmten Gotteshäusern?

Ein mehrjähriges Forschungsprojekt von Evangelischer Kirche, Denkmalpflegern und Umweltexperten brachte zumindest jetzt die Erkenntnis, dass der Pilz für den Menschen nicht gesundheitsgefährdend und nicht holzzerstörend ist. Derzeit bleibt nur, die Orgeln zu reinigen und besser zu lüften.. Doch allein die Reinigung kostet an die 20 000 Euro. Das kann kaum noch eine Gemeinde stemmen. Eine Art Orgelfond ist überfällig.

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