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Montag, 26.09.2016

Rettet die Fabeltiere!

Cornelia Funke schreibt einen spannenden Fantasyroman mit ernsthaftem Hintergrund.

Von Karin Großmann

Cornelia Funke zog 2005 von Hamburg nach Los Angeles.
Cornelia Funke zog 2005 von Hamburg nach Los Angeles.

© dpa

Drei silberne Pegasus-Eier liegen im Nest. Es sind die letzten ihrer Art. Damit die Eier wachsen können, brauchen sie die Spucke der Stute, doch die Stute stirbt. Sollten die fabelhaften geflügelten Pferde endgültig von der Erde verschwinden? Es wäre ein doppelt problematischer Verlust, denn der Pegasus symbolisiert die Poesie. Eine dramatische Rettungsaktion beginnt. Darin sind nicht nur Menschen, sondern auch ein zaubernder Fjordtroll, ein winziger Homunkulus und eine reisende Ratte verwickelt. Und ein Drache, mit dem die Schriftstellerin Cornelia Funke schon einmal unterwegs war.

Es ist fast zwanzig Jahre her, dass ihr Jugendroman „Drachenreiter“ Erfolge feierte. Seitdem sind mit der Tinten-Trilogie und der Serie über die Brüder Reckless noch viel mehr erfolgreiche Titel erschienen. Keine andere deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin wurde auch im Ausland so mit Lorbeer bedacht. Die Auflage der Funke-Bücher liegt bei 26 Millionen Stück.

Wie ein Schnitt durchs Herz

Der neue Band „Die Feder eines Greifs“, der an diesem Montag erscheint, wird die Bestsellerlisten aufräumen. Denn hier ist alles drin: Spannendes und Märchenhaftes, etwas Herzweh und ein bärenstarkes Personal, das auch schwach sein und an sich zweifeln darf. Die Geschichte ist für Leser ab zehn gedacht, aber glücklicherweise müssen die Gören ja mal ins Bett. Dann dürfen die Großen ran und nachdenken über Sätze wie: „Vielleicht sollte man seine Freunde nicht danach aussuchen, welcher Art sie angehören, sondern danach, wie ihre Herzen beschaffen sind?“ Das ist die Weisheit eines indonesischen Greifs. Fast wäre er König geworden, aber weil er eben weise genug ist, lehnt er ab. Statt stundenlang auf dem Thron zu hocken, fliegt er lieber himmelwärts frei.

Bis es so weit ist, inszeniert Cornelia Funke nach den Regeln ihrer Kunst eine Zauberwelt, die nichts und doch alles mit der Gegenwart zu tun hat. Es ist die Welt von Barnabas Wiesengrund. Er hat sie selbst eingerichtet. Sie heißt Mimameidr wie ein mythischer Weltenbaum und liegt weit oben im Norden verborgen. Barnabas Wiesengrund, seine Frau, seine Tochter und der Adoptivsohn Ben versammeln dort alle Fabeltiere, die vom Aussterben bedroht sind: Feen, Elfen, Kobolde, Trolle, Drachen, Rieseneichhörnchen, Nebelraben, Zentauren, Steinzwerge und wer weiß was noch. Ohne das Schutzprogramm würde man diese fabelhaften Figuren bald nur noch aus Märchenbüchern kennen. So wie vielleicht bald die Orang-Utans.

Cornelia Funke gibt ihren Büchern oft eine pädagogische Botschaft mit, mehr oder weniger gut versteckt. Diesmal zeigt sie ihr Anliegen deutlich. Sie kämpft für die Artenvielfalt und plädiert für mehr Achtsamkeit vor der Natur. Das Engagement, das sie in verschiedenen Organisationen und als Botschafterin für die UN-Dekade „Biologische Vielfalt“ beweist, überträgt sie im Roman auf den Verein Freefab – rettet die Fabeltiere.

Der Pegasus-Nachwuchs braucht sofort Hilfe. Nur die goldene Feder eines Greifs kann die fehlende Mutter ersetzen. Allerdings sind die Greife unauffindbar verschwunden, als Reaktion auf die zwei G der menschlichen Spezies: Gier und Größenwahn. Nur auf einer indonesischen Insel soll es noch einige geben. Als Barnabas Wiesengrund das hört, fliegt er mit seinen Verbündeten los. Ben muss sich entscheiden zwischen seinem Adoptivvater und seinem Lieblingsdrachen, der nach Hause will ins Himalayatal. Wie kann man zwei gleich stark lieben, fragt sich Ben und hat das Gefühl, als wollte er sein Herz in der Mitte durchschneiden. Kann sein, dass es manchem Scheidungskind ähnlich geht.

Greif und Drache im Gefecht

Cornelia Funke ist allen Erfindern von Abenteuern baumhoch überlegen. Mehrfach geraten die Pegasus-Retter aus Mimameidr in Lebensgefahr. Als sie endlich die richtige Insel finden, werden sie in einen Machtkampf der Greife verwickelt. Der garstige Kraa verteidigt seinen Reichtum und Einfluss, das Übliche halt. Es ist bloß eine Frage der Zeit, ob er Barnabas Wiesengrund und die Seinen frisst oder als Sklaven verkauft, und den kleinen Indonesier gleich mit. Winston heißt er, wie der Junge, der Cornelia Funke auf ihrer Website von Fabelwesen erzählte. Andere reale Figuren wie der Naturforscher Sir Attenborough treten verkleidet auf.

Im letzten Gefecht schlagen sich Greif und Drache, und Barnabas Wiesengrund sieht alles verraten, was ihm wichtig ist: Friedfertigkeit statt Hass, Schutz statt Zerstörung. Seinetwegen würden zwei Fabelwesen einander töten. In dieser Szene liegt ein Erfolgsgeheimnis der Autorin. Sie zeigt Verzweiflung und Traurigkeit, Schwierigkeiten und Widersprüche, sie glättet nicht mehr als unbedingt nötig. Auch in der Fabelwelt scheint nicht nur die Sonne.

Cornelia Funke: Die Feder eines Greifs. Dressler Verlag, 416 Seiten, 18,99 Euro

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