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Montag, 11.01.2016

Profitgier legt den Kreativen das Handwerk

Als Goldquelle der Filmindustrie gefeiert, von anderen Regisseuren verhasst: An Blockbustern wie „Star Wars“ scheiden sich die Geister.

Von Johannes Schmitt-Tegge

Künstliche Helden: R2-D2 und C-3PO (r.) gehören zum „Star Wars“-Personal und sind längst Kult.
Künstliche Helden: R2-D2 und C-3PO (r.) gehören zum „Star Wars“-Personal und sind längst Kult.

© dpa

Einer der Ersten war „Der weiße Hai“. Zwar stand der junge Steven Spielberg bei einer Voraufführung in Texas 1975 nervös und nagelkauend am Saalende, weil er den Erfolg seines Horrorstreifen noch nicht ahnte. Und als ein Zuschauer bald nach Filmbeginn den Saal verließ, dachte der Regisseur, es mit dem Blut übertrieben zu haben. Doch der Mann lief zur Toilette, übergab sich und kehrte sofort an seinen Platz zurück. Es war die Geburt des Blockbusters.

Die Traumfabrik Hollywood wäre ohne den Blockbuster heute undenkbar. Große Studios wie Warner Bros. und Sony pumpen Millionen in einige wenige Projekte, die im großen Stil entwickelt und vermarktet werden. Statt Ressourcen gleichmäßig zu verteilen, wetten sie auf einzelne Hits für die Massen und geben für zweit- oder drittklassige Filme deutlich weniger aus. Es ist der „sicherste Weg für bleibenden Erfolg im Showbusiness“, schreibt Anita Elberse in „Blockbusters: Why Big Hits – and Big Risks – are the Future of the Entertainment Business.“

Alles ist berechnet

Ein Beispiel: 2010 veröffentlichte Warner Bros. 22 Filme. Von den rund 1,5 Milliarden Dollar (1,38 Milliarden Euro) Produktionskosten entfiel rund ein Drittel auf nur drei Streifen: „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 1“ (rund 250 Millionen Dollar), „Inception“ (rund 175 Millionen Dollar) und „Kampf der Titanen“ (rund 125 Millionen Dollar). Weitere 100 Millionen Dollar wurden für „Sex and the City 2“ verbraten. Vier, fünf Filme bekommen in dem Studio dank satter Geldspritzen jedes Jahr die Chance, die Umsatzmarke von einer Milliarde Dollar zu knacken, schreibt Elberse unter Berufung auf einen Warner-Bros.-Vorsitzenden.

Dass der siebte Teil der „Star Wars“-Filmreihe Bestmarken erreichen und „Avatar“ als erfolgreichsten Streifen der Filmgeschichte ablösen würde, war schon durch den Kultstatus und den Hype vorab klar. Doch wie bei etlichen Sequels, Reboots, Remakes und Spin-offs gilt auch beim „Erwachen der Macht“, dass die Jagd nach Profit durch das Disney-Studio den Kreativen teils das Handwerk gelegt haben könnte.

Ausgerechnet George Lucas, Schöpfer des Weltraummärchens, kritisierte den Film als „Retro“ und sprach von den „weißen Sklavenhändlern“ bei Disney. Er vermisst neue Planeten, neue Raumschiffe – kurzum, eine wirklich neue Geschichte. Und wie wichtig Umsatzzahlen beim „Erwachen der Macht“ waren, zeigte allein die unaufhaltbare Franchise-Maschine: Orangen, Weintrauben, Wasser, selbst Mascara, Rasierer und Lippenstift wurden vorab mit C-3PO, Han Solo und Chewbacca beworben. Disney hatte laut Forbes rund vier Milliarden Dollar investiert. Ob sich nun ähnlicher Erfolg in China einstellt, bleibt abzuwarten. Dass sich vielen Regisseuren und Cineasten trotz oder gerade wegen des Geldregens der Magen umdreht, ist altbekannt. „,Star Wars’ war in, Spielberg war in. Wir waren erledigt“, sagte Star-Regisseur Martin Scorsese schon Ende der 90er-Jahre. „,Star Wars’ räumte alles ab“, beschwerte sich damals auch Oscar-Preisträger William Friedkin. „Es war, wie wenn McDonald’s festen Fuß fasst, der Geschmack für gutes Essen verschwand einfach… alles läuft zurück zu einem großen, saugenden Loch.“

Bombe an der Kasse

So ist der Erfolg des einen immer auch das Leid des anderen, was auch die Wortherkunft zeigt: Zu Kriegszeiten waren Blockbuster vier bis acht Tonnen schwere Sprengbomben, die aus der Luft großen Schaden anrichten konnten. Weil klingelnde Kassen (nicht zwingend gute Kritiken) heute mit Erfolg gleichgesetzt werden, wandelte sich der Begriff im Kino ins Positive. So definiert der Duden: „Etwas, was außergewöhnlich erfolgreich ist, sich auf dem Markt gut verkauft“.

Dass die Rechnung nicht immer aufgeht und hoch Fliegende tief fallen können, zeigte 2012 „John Carter“: Mehr als 250 Millionen Dollar (230 Millionen Euro) pumpte Disney in das Fantasy-Spektakel, in dem es einen Soldaten aus dem US-Bürgerkrieg auf den Mars verschlägt. Doch trotz der steilen Vorlage von „Tarzan“-Erfinder Edgar Rice Burroughs und dem Können von Regisseur Andrew Stanton, der bei Pixar mit „Findet Nemo“ und „Wall-E“ große Trickfilm-Erfolge gefeiert hatte, erzeugte Disney nicht genügend Hype. Die Fanbasis blieb zu klein. Es wurde einer der teuersten Flops der Kinogeschichte. (dpa)

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