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Donnerstag, 18.05.2017

Politisch, poetisch oder doch eher beliebig?

Die Anfeindungen im Vorfeld haben ihn verletzt, sagt der neue Volksbühnen-Chef Chris Dercon. Er will nun mit leisen Tönen in seine erste Spielzeit starten.

Von Elke Vogel

Jetzt ist es raus. Der umstrittene neue Berliner Volksbühnenchef Chris Dercon und sein Team haben ihr mit Spannung und einiger Skepsis erwartetes erstes Programm vorgestellt. Politisch, poetisch und sehr international werden die mehr als ein Dutzend Premieren der ersten sechs Dercon-Monate sein. Künstler wie der Franzose Boris Charmatz, die Syrer Mohammad al Attar und Omar Abusaada zeigen ihre Arbeiten. Gespielt wird im Stammhaus, auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof, im Berliner Stadtraum und im Internet.

Der Belgier Dercon löst Intendant Frank Castorf ab, der die Volksbühne nach 25 Jahren verlässt und sich ein explizit politisches Theater auf die Fahnen geschrieben hatte. „Die Volksbühne bleibt ein politisches und ein sozial engagiertes Theater“, beruhigt Dercon die aufgeregten Volksbühnen-Fans. Aber natürlich werde es einen Bruch geben. „Die Castorf-Maschine hat konstant gebrummt. Wir fangen mit sehr leisen Tönen an“, sagt Dercon.

Und die Angst der Kritiker, Dercon wolle das Ensemble-Theater abschaffen und aus der Volksbühne eine „Eventbude“ für Gastspielproduktionen machen? Aktuell seien von 27 Ensemblestellen an der Volksbühne elf besetzt, sagt der neue Theaterchef. Von diesen elf werden drei weiter an der Volksbühne mit Dercon arbeiten: Sir John Henry, Silvia Rieger und Sophie Rois – Letztere hat allerdings erst mal „Gastierurlaub“, das heißt, sie ist für TV-Drehs oder andere Theaterauftritte freigestellt. Rois gehörte übrigens zu jenen Volksbühnen-Mitarbeitern, die sich in einem offenen Brief gegen Dercon stellten.

Das Ensemble soll ab Beginn der ersten Spielzeit langsam wieder aufgebaut werden, aber eben nicht nur mit Schauspielern, sondern auch mit Kreativen anderer Kunstformen wie Tanz, Performance oder Bildender Kunst. „Wie bei Castorf werden wir mit einem gemischten Ensemble arbeiten, mit fest engagierten Künstlern und mit Gästen, mit denen wir immer wieder zusammenarbeiten wollen“, so Dercon.

Bis Ende Januar stehen insgesamt 16 Premieren auf dem Programm. Davon seien 13 Eigenproduktionen der Volksbühne, so Dercon. Zum Auftakt am 10. September wird der Franzose Boris Charmatz die Zuschauer unter dem Motto „Fous de danse – Ganz Berlin tanzt“ auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof zum Mitmachen animieren. Ebenfalls am temporären Tempelhofer Spielort zeigen Mohammad al Attar und Omar Abusaada die Uraufführung von „Iphigenie“ (30. September) nach Euripides mit 15 syrischen Flüchtlingsfrauen.

Es ist von Schauspiel über Performance und Musik bis Tanz ein riesiger, bunter Strauß, den die neuen Volksbühnenmacher bieten. Ein thematischer roter Faden ist schwer auszumachen. Die Volksbühne – die jetzt Volksbühne Berlin heißen soll – sehe sich nicht in Konkurrenz zum Hebbel am Ufer, den Berliner Festspielen oder den Sophiensälen, die bereits internationale, oft experimentelle Produktionen in die Hauptstadt holen. Und wird Chris Dercon Lampenfieber haben, wenn sein großes Volksbühnen-Theater beginnt? „Nein“, sagt er. „Ich fühle mich dann aufgehoben, weil ich Teil eines Teams bin. Ich bin kein Einzelgänger.“ (dpa)

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