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Mittwoch, 03.02.2016

Pittiplatsch und Todesschuss

Der Leipziger Künstler Schwarwel macht Trickfilme über die DDR. Und will Jugendliche zum freien Denken bewegen. Ein neues Projekt steht schon in den Startlöchern.

Von Nina Schirmer

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Schwarwel zeichnet seine Figuren nicht am Computer, sondern auf Papier. Das gibt es in seiner Branche nur noch selten.
Schwarwel zeichnet seine Figuren nicht am Computer, sondern auf Papier. Das gibt es in seiner Branche nur noch selten.

© Robert Michael

  • Schwarwel zeichnet seine Figuren nicht am Computer, sondern auf Papier. Das gibt es in seiner Branche nur noch selten.
    Schwarwel zeichnet seine Figuren nicht am Computer, sondern auf Papier. Das gibt es in seiner Branche nur noch selten.
  • 25 Jahre nach der Wende hat der Künstler sich selbst gezeichnet.
    25 Jahre nach der Wende hat der Künstler sich selbst gezeichnet.

Was für die eine Generation das halbe Leben war, sind für die andere ein paar Seiten im Geschichtsbuch. 15-Jährige fühlen sich von der DDR und dem Fall der Mauer heute so weit entfernt wie Jugendliche in den 70ern von Naziherrschaft und Zweitem Weltkrieg . Eltern und Großeltern erzählen von damals – mehr oder weniger. Oft weniger. Mit der eigenen Lebenswelt hat das nichts mehr zu tun.

Stimmt nicht, findet der Leipziger Künstler Schwarwel. Als die Mauer fiel, war er 21 Jahre alt. Schwarwel heißt Schwarwel, weil er einen bürgerlichen Namen nicht braucht. Für den Comiczeichner ist das eine Konsequenz daraus, dass er selbst kein bisschen bürgerlich ist und sein will. Er ist nicht der Typ, der mit der Masse mitzieht. Gegen das politische Regime der DDR hat er rebelliert. Den unmenschlichen Kapitalismus von heute lehnt er genauso ab. Eine Mauer sei zwar gefallen, sagt Schwarwel. Andere würden dafür heute umso höher gezogen. Deshalb gibt der Grafiker Workshops in Schulen, um mit Jugendlichen über die DDR und die Friedliche Revolution zu sprechen. Auch darüber, warum Pegida nicht „Wir sind das Volk“ rufen darf. Das Interesse der Schüler versucht der Leipziger auf seine eigene Art zu wecken – mit Trickfilmen.

Keine Ahnung von der DDR

In seinem Grafikstudio „Glücklicher Montag“ im Leipziger Linken-Viertel Connewitz herrscht wohlgeordnetes Chaos. Schwarwel sitzt in schwarzer Kapuzenjacke und mit Kippe in der Hand zwischen Papierbergen. Zwei Hunde schlafen auf dem Boden. Gerade hat das Studio von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einen Förderbescheid über 30 000 Euro bekommen. Damit will er bis Juni elf kurze Trickfilme mit einer Länge von drei Minuten produzieren, die dann im Unterricht gezeigt werden können. Pro Film wird ein spezielles Thema vorgestellt. Beispielsweise die Jugendkulturen in der DDR mit der Einstufung von Bands und dem Verbot kritischer Liedtexte. Oder die Mangelwirtschaft mit fehlenden Südfrüchten und jahrelangen Wartezeiten auf einen Neuwagen. Die kurzen Episoden sollen an Schwarwels Film „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ anknüpfen, der 2014 im MDR ausgestrahlt wurde. Darin zeigte er basierend auf seiner eigenen Biografie im Schnelldurchlauf die Geschichte der DDR. In 16 Schulklassen in 16 Bundesländern hat der Künstler den Trickfilm im vergangenen Jahr vorgeführt. Und anschließend die Schüler angeleitet, sich selbst mit den Themen Diktatur und Demokratie auseinanderzusetzen mit Illustrationen, Comics oder Kurzfilmen.

Das Interesse musste sich der Zeichner in den Klassen hart erarbeiten. „Das Wissen der Jugendlichen liegt knapp über null“, sagt er. Auch in den ostdeutschen Bundesländern. „Es ist erstaunlich, wie wenig die Leute mit ihren Kindern über ihr Leben sprechen.“ Die Nachlässigkeit der Erwachsenenwelt könne er aber nicht der jungen Generation ankreiden. Deshalb sollen die neuen Trickfilme, genau wie der Erste, unterhalten. „Sonst guckt es keiner“, sagt Schwarwel. Dafür brauche es zuweilen drastische Stilmittel. Beispielsweise wenn das kleine niedliche Zeichentrickmännlein mit Knollennase auf die Mauer zudackelt und erschossen wird.

Schwarwel, der selbst damals in der Polytechnischen Oberschule kein Freund von Frontalunterricht und Auswendiglernen war, möchte den Schülern in seinen Workshops vor allem eines mit auf den Weg geben: Denkt selbst, stellt Fragen, hört Gegenstimmen, bildet euch eure eigene Meinung. Das bedeutet Bildung für den Künstler. Nicht das sture Fitmachen der jungen Leute für die freie Marktwirtschaft. Die größte Herausforderung beim Schreiben der Drehbücher für die Trickfilme sei es, die Zuschauer in ihrer Lebenswelt abzuholen. Animation Novel nennt der Künstler sein Genre. Geschichten, die Fachwissen vermitteln, ohne dass es für den Zuschauer zu offensichtlich ist. Die menschliche Nichtperfektion gehört ebenfalls zu Schwarwels Stilmitteln. Deshalb, weil er seine Figuren ganz klassisch mit dem Bleistift zu Papier bringt und nicht am Computer zeichnet. Nur zum Einscannen und Colorieren wird der PC genutzt. Für zehn Minuten Trickfilm müssen mindestens 5 000 Blatt Papier voll gezeichnet werden.

Für den Künstler bedeutet das Projekt auch eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ihn selbst zog es nach der Wende nach Berlin. Viele Jahre arbeitete er als Grafiker in der Musikindustrie. Produzierte Musikvideoclips für bekannte Künstler wie die Ärzte, Rosenstolz und Sido. Kreierte Werbeplakate und Flyer. Vor ein paar Jahren schließlich stieg er aus. „Ich wollte keine sinnlose Werbung mehr machen.“ Das war keine leichte Entscheidung – auch aus finanzieller Sicht. Dass er sich heute ausschließlich mit Themen beschäftigt, die ihn selbst bewegen, war dennoch der richtige Schritt. Weil er nun das Gefühl hat, der Gesellschaft mit seiner Kunst etwas Sinnvolles zu geben.

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