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Mittwoch, 10.01.2018

Panik auf den Schienen

Auf ein Neues: Mit „The Commuter“ bleibt Liam Neeson Hollywoods Topmann für Hochgeschwindigkeits-Action.

Von Oliver Reinhard

Der brave Versicherungsverkäufer Michael MacCauley (Liam Neeson) ist in der Hand von Verschwörern. Nur – wer im Zug gehört zu den Bösen, wer zu den Guten?
Der brave Versicherungsverkäufer Michael MacCauley (Liam Neeson) ist in der Hand von Verschwörern. Nur – wer im Zug gehört zu den Bösen, wer zu den Guten?

© Studiocanal

Er war nicht der Erste, aber sein Name Programm: „Speed“. 1994 stieg Keanu Reeves in einen vollbesetzten Bus, unter dem eine Bombe platziert war. Die, so ein Erpresser, würde explodieren, sobald das fahrende Vehikel eine bestimmte Zahl auf dem Tacho unterschreiten würde. „Speed“ setzte neue Maßstäbe im Genre jener Hochgeschwindigkeits-Action, die sich hauptsächlich im Inneren eines dahinrasenden Gefährts abspielt. Da zwecks maximalen Bangens möglichst viele Leben auf dem Spiel stehen sollten, steigen die Regisseure dafür gern in gut gefüllte Züge. Wie bei „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3“, „Unstoppable“ oder „Snowpiercer“.

Jetzt löste auch ein Traumpaar der klassischen Hollywoodaction sein Ticket: Zwei Jahre nach dem Flugzeugthriller „Non Stop“ setzen Jaume Collet-Serra und dessen Lieblingsdarsteller Liam Neeson in ihrer vierten Zusammenarbeit auf die Schiene. In „The Commuter“ spielt Neeson den alternden New Yorker Versicherungsmanager Michael MacCauley. Der pendelt jeden Tag mit einem Vorortzug zwischen Heim und Arbeit, viele der „Commuter“ und das Personal kennen sich seit Jahren. Ausgerechnet an jenem Tag, als Michael und seine Frau sich über ihre prekäre Finanzlage im Klaren werden, verliert er seinen Job.

Zergrübelt und verzweifelt, spricht ihn auf der Rückfahrt eine mysteriöse Schöne an (die wundervolle Vera Farmiga hat leider nur zwei Filmszenen). Offenbar kennt sie seine missliche Lage bereits und macht ein verlockendes Angebot: Im Zug säße eine Person unbekannten Alters und Geschlechts namens Prynne. Wenn Michael herausfände, um wen es sich handele, und Prynne an der Endstation der dort wartenden Polizei verraten würde, bekäme er dafür 100 000 Dollar, die bereits auf der Zugtoilette deponiert seien. Kaum ist die Frau ausgestiegen, schnappt sich Michael das Geld und macht sich auf die Suche.

Zunächst arbeitet Serra ganz hitchcockmäßig mit altmodischer Spannung, schickt Michael durch die Sitzreihen, lässt ihn die Passagiere beobachten und belauschen. Wer ist Prynne? Hier der ekelhafte Yuppie? Das nervöse Teeniemädchen dort? Oder drüben der grimmige Cowboy? Wieder einmal kann er sich auf Liam Neeson voll verlassen, der zum Karrierebeginn endlose Charakterrollen spielte, aber schon vor über zehn Jahren ins Actionfach wechselte und beides ziemlich gut beherrscht.

Bald schon darf er wieder sein Thrillerbesteck herausholen. Erste Bekannte sterben im Zug oder nach dem Aussteigen, unter den Passagieren verstecken sich Komplizen der schönen Unbekannten, und Michael findet allmählich raus: „Prynne“ ist ein Kronzeuge oder eine -zeugin, hat einen Mord beobachtet, hinter dem eine korrupte Mafia steht, mit Verbindungen bis tief in die Polizei hinein. Was Liam Neeson, mal wieder, zum Einzelkämpfer macht, der niemandem vertrauen kann.

Schließlich erreicht auch „The Commuter“ die Hochspannungsgeschwindigkeit von Klassikern wie „Speed“, „Pelham“, „Unstoppable“. Irgendwann wird der Zug führerlos, rast durch die Dämmerung, Michaels Feinde sitzen drinnen und warten draußen, in Kürze werden sie die Endstation erreichen samt Kurve, die der viel zu schnelle Zug nicht schaffen kann, und dann ... Aber vorher schon verlässt „The Commuter“ die Extraklasse, den Hitchcock-Suspense, das Rätselraten, das unterschwellig Packende, und verlegt seine Hochspannungsleitung komplett aufs Äußere. Der Rest ist solide, aber letztlich eher handelsübliche Action, unschön garniert mit einigen erstaunlich billig geratenen Tricksequenzen beim finalen Crash und einem etwas zu Happy End.

Immerhin bleibt, auch nachdem für Michael und den Zuschauer alles klar ist, die Spannung auf einem ordentlichen Niveau. Das ist nicht zuletzt dem exzellenten Cutter Nicolas de Toth zu danken sowie dem erfahrenen Rumsbumsfilm-Kameramann Paul Cameron. Sie sind neben Serra und Leeson die dritte und vierte verlässliche Größe bei „The Commuter“, der nicht ganz die Klasse von „Non Stop“ hat, aber trotzdem eine gute Wahl für Actionfreunde ist.