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Samstag, 06.02.2016

Palucca machte ihn zum Ritter

Ein Ballett-Märchen geschieht in Leipzig. Mario Schröder choreografiert unterhaltsam, mit Schauwert und Tiefe. Er liebt seine Truppe und das Publikum.

Von Bernd Klempnow

Tanzbilder, die zu farbreichem Kopfkino anregen, das zeichnet auch den neuen „Lobgesang“ des Leipziger Balletts aus. Inszeniert hat Mario Schröder, neben der Regisseurin Ruth Berghaus der erfolgreichste Schüler von Gret Palucca.
Tanzbilder, die zu farbreichem Kopfkino anregen, das zeichnet auch den neuen „Lobgesang“ des Leipziger Balletts aus. Inszeniert hat Mario Schröder, neben der Regisseurin Ruth Berghaus der erfolgreichste Schüler von Gret Palucca.

© Ida Zenna

Charlie Chaplin ist der Grund und Gret Palucca Schuld. Als Zehnjähriger hatte Mario Schröder keinen Bock mehr auf Fußball, fand aber toll, „sprachlos und nur über Gesten Dinge zu erzählen“. Also kam er zur Aufnahmeprüfung an die Palucca Schule Dresden. Die Schulgründerin schaffte es, den verschüchterten Jungen aufzumuntern und überredete ihn, der bis dahin nicht wusste, was Tanz ist, zu einer kleinen Choreografie. Schröder tanzte dann, wie ein Junge beim Lesen in einem Buch zum Ritter wird – ein Schlüsselerlebnis.

Vier Jahrzehnte später ist Mario Schröder – nach einer langen Tänzerkarriere – zu einem der innovativsten Choreografen Deutschlands avanciert. Seine Compagnie, das Leipziger Ballett, ist die leistungsmäßig ausgeglichenste und mit ihren Produktionen die stilistisch vielseitigste in Sachsen.

An diesem Wochenende erweitert Schröder das Repertoire um den Abend „Lobgesang“. Der vereint opulente Musik von Mendelssohn mit minimalistischer von Poulenc, was interessante Kontraste der klanglichen Körperlichkeit ermöglicht. Premiere ist am Sonnabend. Mal sehen, wie Publikum und Kritik auf die assoziationsreichen Bilder mit faszinierenden Tänzerknäulen und -linien reagieren.

Das Besondere dieser Produktion ist wie bei fast allen Inszenierungen seit Amtsantritt 2010, dass Schröder die Compagnie wie das Publikum bedient. Wo andere mit Kopflastigkeit und Präsentationsgehabe Eindruck schinden wollen, da bekennt sich der 50-Jährige dazu, „zu unterhalten, den Zuschauer mit seelisch-emotionalen Momenten zu berühren“. Die stilistisch edle Tanzsprache seines prägenden Vorgängers Uwe Scholz hat er inhaliert, macht sie aber mit natürlichen, ungemein fließenden Bewegungen menschlicher, verständlicher.

Und da er in „Lobgesang“ die Kompositionen mixt, öffnen sich durch das Spröde von Poulenc in der gefälligen Musik von Mendelssohn neue Räume. Man hört den beliebten Leipziger Komponisten neu. Auch das ist typisch für Schröder und selten im Tanz. Er inszeniert nicht nur die üblichen Ballette oder eigenen Befindlichkeiten. Er sucht vielfach sinfonische Gesänge und bewusst Musiker, die aus Leipzig stammen oder hier Bahnbrechendes schufen.

Schröder choreografiert wenig mit Musik vom Band, aber viele Sachen für Chor, was „auch an unserem fantastischen Opernchor und dem sehr engagierten Gewandhausorchester liegt“. So schafft er es, dass das Leipziger Ballett, das zeitweise eher Gurkentruppe war, mittlerweile zum führenden in Ostdeutschland avanciert ist.

Und dieses Ballett-Märchen könnte noch lange dauern. Schröder jedenfalls will „in Leipzig, wo noch so viel möglich ist, am liebsten bis zum Ruhestand tätig sein“. Als würden Ritter je in Rente gehen!

„Lobgesang“ am 6., 19. und 27. 2. sowie im April und Juni; Kartentel. 0341 1261261

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