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Freitag, 28.04.2017

„Ostmoderne wie aus dem Ei gepellt“

Der runderneuerte Kulturpalast setzt Maßstäbe, nicht nur mit seinem Konzertsaal. Eine Architekturkritik.

Von Falk Jaeger

20 Der Dresdner Kulturpalast

Warme Farben, originale Ausstattung: das erste Obergeschoss mit der „Moki“-Quadratform-Decke.
Warme Farben, originale Ausstattung: das erste Obergeschoss mit der „Moki“-Quadratform-Decke.

© André Wirsig

Es riecht ein wenig neu, wenn man in den renovierten Kulturpalast am Dresdner Altmarkt eintritt, aber ansonsten scheint die Zeit zurückgedreht ins Jahr 1969. Die absolute Denkmalpflege hat auf die Ostmoderne Zugriff genommen, wie die Errungenschaften der DDR-Architektur inzwischen genannt werden. Absolut soll heißen: Erhalten von originalen Bauteilen um (fast) jeden Preis, Wiedergewinnung historischer Ansichten und Oberflächen, geringe Kompromissbereitschaft gegenüber Finanzierungszwängen und Nutzerbedürfnissen. Alternative Entwürfe wurden als Kampfansage an die vom Kulturpalast repräsentierte Baukultur der DDR-Zeit empfunden und lösten Schockwellen aus. Gestrenger Denkmalschutz war eine wesentliche Vorgabe für den Wettbewerb zum Einbau eines Konzertsaals in den Palast, den das Berliner Büro gmp von Gerkan, Marg und Partner gewann.

Der Dresdner Kulturpalast

Die konsequente Vorgehensweise ist schon außen abzulesen. Es gab Schäden an der Natursteinwand des Erdgeschosses. Bei der Abnahme der roten Granitplatten gingen viele zu Bruch. Es gelang, das Originalmaterial zu besorgen, der Steinbruch in der Ukraine wurde ausfindig gemacht. In Mischsortierung und auf handwerkliche Art wurde es wie früher eingebaut.

Zwischenzeitlich geöffnete und verglaste Partien des Erdgeschosses wurden wieder mit der Natursteinwand geschlossen. Nicht nur dadurch wurde die bauzeitliche Raumwirkung der Eingangshalle und des dreigeschossigen Foyers wiedergewonnen. Natursteinböden und die Wandverkleidungen aus dem markanten Makassar-Holz wurden aufwendig aufgearbeitet, Deckenleuchten nach altem Muster gebaut und mit modernen Leuchtmitteln bestückt. Aber was tun mit der originellen, jedoch schadhaften Gipsrasterdecke? Eine moderne, abgehängte Systemdecke hätte den Raum-Charakter verändert. Die Architekten hatten mit einer Spezialfirma bereits eine Ersatzlösung entwickelt, als plötzlich vier originale Gussformen der „Moki-Decke“ auftauchten. Die Elemente konnten reproduziert werden.

Eine pfiffige und perfekt umgesetzte Idee hatten die Architekten bei den Treppen- und Galeriegeländern, die mangels Höhe und Stababstand nicht mehr den Sicherheitsanforderungen entsprachen und ersetzt werden sollten. Eine zweite Ebene aus Sicherheitsglas wurde eingesetzt, die über die Handläufe hinausreicht und die die erforderliche Höhe hat. Die randlosen Scheiben fallen kaum auf; Proportionen und Erscheinungsbild der originalen Geländer konnten beibehalten werden.

Ein Schildbürgerstreich war drin

Die transparente Raumschicht des Foyers mit freien Aus- und Einblicken in die Stadt umfängt den Saal im Kern des Gebäudes. Davon profitieren auch die Räume der Stadtbibliothek, die sich in den oberen Geschossen um den Saal legt. Im Übrigen gibt es auch wieder eine Studiobühne, die im Untergeschoss dem Kabarettensemble Herkuleskeule als Spielstätte dient.

Heftige Diskussionen hatte es um den Einbau eines neuen Konzertsaals gegeben. Manche pochten auf Denkmalschutz für den alten Saal, manche sahen das Urheberrecht des Architekten Wolfgang Hänsch missachtet. Ein Gericht entschied zugunsten des Neubaus. Die Alternative wäre gewesen, einen maroden, ungünstig proportionierten Multifunktionssaal, noch dazu mit problematischer Akustik, der brandschutz- und sicherheitstechnisch nicht zu halten war, fast vollständig neu zu bauen. Das wäre ein Schildbürgerstreich gewesen.

Stattdessen entstand in der denkmalgerecht sanierten Hülle ein neuer, strahlender Saal mit 1 800 Plätzen, der als Konzertsaal funktional und akustisch kompromisslos optimiert werden konnte. Dabei ist erwähnenswert, dass der Brandschutz hier einmal nicht unüberwindliche Hürden aufgebaut hat, sondern Bauaufsicht, Tragwerksplaner, Prüfstatiker und Brandschutzprüfer mit Augenmaß und realistischer Beurteilung des Risikos kompromissbereit eine gemeinsame Lösung gefunden haben.

Die Mehrzahl der jüngeren Konzertsäle, beispielsweise die Elbphilharmonie, orientiert sich mittlerweile an der 1956 von Hans Scharoun für die Berliner Philharmonie entwickelten Raumkonzeption. Ein Orchester bedarf keiner Bühne, und wo Musik gemacht wird, schließen sich die Menschen zu einem Kreis zusammen, beobachtete Scharoun, positionierte das Orchester (nicht genau) in der Mitte und umgab es mit den Zuschauern. Parkett und Ränge unterteilte er in Blöcke, die gerade so groß sein sollten, damit die Menschen Blickkontakt aufnehmen können. „Weinbergterrassen“ hat man diese Anordnung genannt.

Die Architekten von gmp übernahmen dieses Prinzip, teilten das Parkett in drei Blöcke und umfingen das Orchesterpodium mit zwei Etagen „Weinbergterrassen“. Blickfang in der Hauptachse ist eine mächtige Konzertorgel mit 4 000 Pfeifen, deren Prospekt ähnlich gegliedert ist.

Die im Vergleich zu Hamburg wärmere Atmosphäre des Saals wird von den korallenrot gepolsterten Sitzen und vom Farbton der Roteiche der Fußböden und Wandpaneele bestimmt, wobei Letztere aus Gründen des Brandschutzes und der Akustik aus Mineralfaserplatten bestehen und nur furniert wurden. Die oberen Wandpartien und Deckenspiegel, aus akustischen Gründen vielfach gestaffelt und getreppt, schreiben die Formensprache fort. So gesehen ist der Saal eine harmonischere Komposition als jener der Elbphilharmonie, deren gekräuselte Wandoberflächen mit der übrigen Architektur nichts zu tun haben.

Erste Orchesterproben stimmten die Verantwortlichen euphorisch. Der angestrebte „warme Dresdner Klang“ sei von dem niederländisch-deutschen Akustikbüro Peutz erzielt worden. Der Erste Konzertmeister testiert einen „fantastischen Orchestersound“ und rühmt den Klang als „kraftvoll und geschmeidig“. Ab diesem Wochenende werden neutralere Besucher ihr Urteil abgeben können, und man darf gespannt sein, ob es zu vernehmlichem Murren wie bei der Elbphilharmonie kommt. Diese hatte freilich mit enormen Vorschusslorbeeren zu tun. Der Dresdner Konzertsaal könnte, was die Akustik betrifft, zur großen Überraschung werden.

Ein Kulturhaus der ersten Liga

Architektonisch ist der runderneuerte Kulturpalast ein Gewinn. Als Ostmoderne wie aus dem Ei gepellt, ist er eine Genugtuung für all jene, die die Errungenschaften der DDR-Architektur durch die vom Westen dominierte Nachwendearchitektur entwertet sahen. Ein lebendiger Kulturstandort mit Ganztagsnutzung am Altmarkt wurde wiedergewonnen und ein attraktives Konzerthaus, das national in der ersten Liga ganz oben mitspielt.

Zum Livestream des Eröffnungskonzerts (ab 19 Uhr)

Leser-Kommentare

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Insgesamt 20 Kommentare

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  1. Norman Ehrlich

    Das klingt doch alles sehr schön und ist für unsere Stadt ganz sicher ein Gewinn. Was jedoch äußerst bedauerlich ist – und hier ist ein ganz großer Unterschied zur Elbphilharmonie – das die Stadt Dresden es nicht in Betracht zieht, zur Eröffnung Dresdner Bürger einzuladen bzw. einen Teil der Plätze an Bürger zu vergeben oder zu verlosen. Statt dessen sonnen ich Stadtangestellte und Eigenbetriebe in der wohligen Steuerzahlersonne und lassen das gemeine Volk gleich mal draussen. So wird das nichts mit Bürgersinn.

  2. Kalle

    @Norman Ehrlich Finde ich auch, ein echtes Stück Geschichte ist tausend mal besser als irgendwelche Retro-Nachbauten. Dass man Dresdner Bürger nicht zu allem einladen kann, haben wir leider diese Woche wieder erleben müssen. Auch die schönste Eröffnungs-Party ist nichts wert, wenn am Ende eine Handvoll Wut-Sachsen alles kaputt brüllt und nur für Negativschlagzeilen sorgt.

  3. Asthmatiker

    Was soll ich sagen? Ich freue mich auf die Akkustik

  4. Berg

    Meine Zweifel richten sich an die Ankündigung "von allen Plätzen gleich gute Klangqualität". Das müsste mal ein Akustiker erklären. 1. Trompeter, Posaunen blasen nunmal in eine bestimmte Richtung. Da klingt es vor dem Musiker bestimmt anders als hinter ihm. 2. Da Geigen und Bratschen an verschiedenen Stellen rechts und links sitzen, klingt es links neben der Bühne bestimmt anders als rechts davon. - Ich erwarte, dass man von vorn, hinten, links, rechts UNTERSCHIEDLICHES hört. (Es ist z.B. ein großer Klangunterschied, ob man in der Semperoper 3. Reihe Parkett auf dem rechten Randplatz sitzt oder im 1. Rang in der Mittelloge.)

  5. Gunnar

    Was sagen eigentlich die kreischenden Wutrentner mit Trillerpfeife zum Kulturpalast? Der hat ja was mit Kultur zu tun. Da zeigt man ja neuerdings jedem seine Meinung. Ich freue mich schon auf die Debatte zur Bewerbung um die Kulturhauptstadt Europas ...

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