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Donnerstag, 12.01.2017

Old Shatterhand im Shitstorm

Nach seinem TV-Dreiteiler „Winnetou“ bringt Philipp Stölzl in Dresden das Stück „Der Phantast“ über Karl Mays letzte Jahre zur Uraufführung.

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Gestatten: Dr. Karl May (Götz Schubert) im wilden Sachsistan.
Gestatten: Dr. Karl May (Götz Schubert) im wilden Sachsistan.

© Krafft Angerer

  • Gestatten: Dr. Karl May (Götz Schubert) im wilden Sachsistan.
    Gestatten: Dr. Karl May (Götz Schubert) im wilden Sachsistan.
  • Philipp Stölzl (49) ist als einer der wenigen Regisseure im Kino, im Theater und an der Oper gleichermaßen erfolgreich.
    Philipp Stölzl (49) ist als einer der wenigen Regisseure im Kino, im Theater und an der Oper gleichermaßen erfolgreich.

Er drehte Werbe- und Musikvideos für Westernhagen, Rammstein, Madonna. Er brachte „Nordwand“, „Goethe!“ und „Der Medicus“ ins Kino. Er inszeniert Opern an großen Häusern, darunter „Cavalleria Rusticana“ an der Semperoper. Kurz nach der TV-Ausstrahlung von „Winnetou“ inszeniert Philipp Stölzl an Dresdens Staatsschauspiel nun seine zweite Theaterarbeit „Der Phantast – Leben und Sterben des Dr. Karl May“. Wir sprachen mit dem vielseitigen Regisseur über seine Gründe und den Reiz, die tragischen Jahre eines unterschätzten sächsischen Schriftstellers, Lügenbarons, Utopisten und „Gutmenschen“ auf die Bühne zu bringen.

Herr Stölzl, erst legen Sie auf RTL Ihren neuen „Winnetou“-Dreiteiler vor, dann kommen Sie nach Dresden und inszenieren am Staatsschauspiel „Der Phantast – Leben und Sterben des Dr. Karl May“. Ist das eine lange geplante May-Großaktion?

Nein. Ein Projekt über die letzten Lebensjahre von Karl May plane ich schon seit vielen Jahren – ursprünglich sollte auch das übrigens ein Film werden –, hatte es aber nie zu Ende geführt. Erst als ich nach Fertigstellung des Films vom Staatsschauspiel gefragt wurde, ob ich Lust hätte, in Dresden etwas über May zu machen, sind wir die Sache angegangen. Es hat sich mehr so ergeben, als dass es geplant gewesen wäre.

Was fasziniert Sie so sehr am späten Karl May?

Die große Tragik dieser Person. Sie müssen sich das mal vorstellen: Da kommt einer aus ärmsten Verhältnissen, gewissermaßen aus der Gosse, gerät früh auf die schräge Bahn, wird dafür unverhältnismäßig hart bestraft, kann sich aus diesem Sumpf aber herausarbeiten, macht eine einzigartige Karriere als Schriftsteller – und wird dann als alter Mann durch einen Shitstorm von Neidern und Konkurrenten gesellschaftlich völlig ruiniert. Die letzten zehn Jahre seines Lebens hat May seine Kraft zum großen Teil andauernden Prozessen widmen müssen. Trotzdem wurde er nicht zum Menschenfeind. Im Gegenteil.

Im bis heute anhaltenden Konflikt um Rolle und Bedeutung von May schlagen Sie sich ja schon recht bedingungslos auf seine Seite, oder?

Absolut. Trotz seiner Selbststilisierungen, seiner Münchhausiaden, seiner Lügen. Weil er ein Fantast war, der trotz allem nie aufgehört hat, an das Gute im Menschen zu glauben. Ich denke, seine wahre Bedeutung wird heutzutage noch immer völlig unterschätzt. Was man auch daran sehen kann, dass dieser Autor, der die Sicht von Generationen auf die Urvölker Amerikas und des Orients so sehr geprägt hat, an seinem Geburtsort zwar ein schönes Museum hat, das aber eigentlich viel größer sein und viel stärker gefördert werden müsste.

Worin liegt Ihrer Meinung nach seine größte Bedeutung?

Er war einer der großen romantischen Utopisten des 19. Jahrhunderts, den ich von der kulturellen Bedeutung her auf eine Stufe mit Richard Wagner stellen würde. Was mich besonders beeindruckt: May hat zu Hochzeiten des deutschen Kolonialismus, die ja geprägt waren von der massenhaften Verbreitung rassistischer Stereotypen über Indianer, Araber, Afrikaner und so weiter, etwas sehr Ungewöhnliches getan. Er hat, obwohl auch er nicht völlig frei von den Prägungen seiner Zeit war, diese Menschen nicht von oben herab als minderwertig betrachtet. Sondern auf Augenhöhe, mit Respekt und Achtung. Und er hat gesagt, dass wir angeblich zivilisierten Völker eher etwas von ihnen lernen könnten. Er prägte von ihnen das Bild des Edelmenschen.

Das ja ebenfalls etwas verzerrt war.

Natürlich. Aber Karl May hat der weit verbreiteten Verachtung der „Wilden“ massenhaft ganz andere, von einem tiefen Humanismus geprägte Bilder entgegengesetzt, was man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Mag sein, dass er diese Bilder nur hat entwerfen können, weil er die Menschen beim Schreiben gar nicht aus eigener Anschauung kannte.

Warum haben Sie sich letztlich entschieden, den „Phantast“ doch nicht zu verfilmen, sondern als Drama auf die Bühne zu bringen?

Ich denke, das Fantastische, das Fellini-hafte der Person Karl Mays, passt viel besser ins Theater. Wie stark sich in seiner Person Fakten und Fiktion verschränken, das leicht Schizophrene an ihm, auch das Charmant-Lächerliche seiner Behauptungen wie „Ich bin Old Shatterhand“, macht ihn zu einer reizvollen und wunderbaren Bühnenfigur. Außerdem habe ich zwar weiterhin große Lust aufs Theater, bin aber inzwischen etwas opernmüde.

Warum?

Weil durch die Musik schon viel festgelegt ist und man als Regisseur dadurch eingeengt wird. Außerdem müssen die Sänger sich auf ihre Einsätze und die richtige Position konzentrieren, wodurch das Schauspielen meist ganz schnell auf der Strecke bleibt. Es gibt ohnehin wenige Sänger, die gut schauspielern können. Am Staatsschauspiel Dresden ist das anders. Ob
Götz Schubert als Gast in der Rolle von Karl May oder Ahmad Mesgarha als Winnetou oder Nele Rosetz als Mays erste Frau Emma Pollmer – die können’s einfach, die sind alle super.

Das Stück „Der Phantast“ hat Ihr langjähriger Freund und Kreativpartner Jan Dvorak geschrieben. Was für Material haben Sie dafür verwendet?

Da konnten wir zum Glück aus dem Vollen schöpfen. Es sind ja viele Briefe und private Aufzeichnungen erhalten, wir haben Karl Mays autobiografische Schrift „Ich“, außerdem sind da all die Romane, in denen viel Karl May steckt.

Welche davon nutzen Sie?

Zum Beispiel „Durch die Wüste“, „Winnetou 3“ und „Krüger Bey“. Natürlich auch seinen letzten Vortrag „Empor ins Reich der Edelmenschen“. Den hat Karl May 1912 mit 70 Jahren kurz vor seinem Tod in Wien gehalten. Es war eine durch und durch pazifistische Rede, beseelt vom Glauben an das Gute im Menschen und an eine Welt des Friedens. Und ich glaube, der tosende Applaus dafür war für Karl May nach all den Jahren der gesellschaftlichen Ächtung dann doch noch das Zeichen für eine beginnende Rehabilitierung seiner Person. Leider ist er zu früh gestorben, um mehr als dieses Zeichen erleben zu können.

Andererseits: Hätte Karl May, der ja nicht mehr bei bester Gesundheit war, den endgültigen Untergang seiner Ideale im zwei Jahre später losbrechenden Ersten Weltkrieg wohl überstanden?

Hm. Interessanter Gedanke. Gut möglich, dass diese Erfahrung wirklich zu viel für ihn gewesen wäre.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard.

„Der Phantast – Leben und Sterben des Dr. Karl May“ kommt am Freitag um 19.30 Uhr zur Uraufführung im Großen Haus des Dresdner Staatsschauspiels.

Die nächsten Termine: 16., 24. und 31. Januar jeweils um 19.30 Uhr sowie am 22. Januar um 16 Uhr. Kartentelefon: 0351 4913555