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Dienstag, 16.04.2013

Nur Angsthasen drehen sich nicht um

Wie und wieso alles begann: Zum 25. Jubiläum blickt das Filmfest Dresden zurück auf seine aufregenden Anfänge.

Von Andreas Körner

Reizvolles aus der Region: Der kleine Robert (r.) ist eine Bangbüchse. Doch er weiß sich zu helfen: Er flieht vor seinen Neurosen – aber rückwärts. Das bringt sogar den Tod aus dem Takt ... davon erzählt auf dem Filmfest der Puppentrickfilm „Zurück auf Schwarz“ der Hallenserin Sonja Gebhardt in der „Mitteldeutschen Filmnacht“. Foto: Filmfest
Reizvolles aus der Region: Der kleine Robert (r.) ist eine Bangbüchse. Doch er weiß sich zu helfen: Er flieht vor seinen Neurosen – aber rückwärts. Das bringt sogar den Tod aus dem Takt ... davon erzählt auf dem Filmfest der Puppentrickfilm „Zurück auf Schwarz“ der Hallenserin Sonja Gebhardt in der „Mitteldeutschen Filmnacht“. Foto: Filmfest

Kino in Dresden hat immer zuerst mit Menschen zu tun, mit ihrer hartnäckigen Liebe zur Stadt und zum Medium Film. Das war in den letzten Tagen der DDR nicht anders als heute. Die meisten der Protagonisten der späten 1980er sind noch hier. Sie betreiben Spielstätten, Kinokalender, Festivals oder sind in Initiativen, haben mittelständische Unternehmen oder ehrenamtliche Funktionen. Schon damals kamen sie zumeist aus bestehenden Strukturen des Kultursystems, die sie auch zum „Ausbruch“ nutzten. Zumindest waren sie hellwach auf der Suche nach Nischen.

Es mussten nicht immer Subversion und Untergrund sein, um echte Interessen zu bündeln und Wirkung zu erzielen. Bezirksfilmdirektion, Kulturkabinette, Kulturbund – es gab sie, die Möglichkeiten. Sie wurden IG Populäre Musik genannt, IG Jazz oder Filmfest Dresden-Süd. Letzteres war die Wiege des internationalen Kurzfilm-Festivals, das heute Abend zum 25. Mal eröffnet wird.

1989 hieß ein wichtiges Codewort „halboffiziell“, Jörg Polenz war im Stadtbezirkskabinett für Kulturarbeit Dresden-Süd angestellt und hatte die Klubhausleiterschule absolviert. Es sah ja so aus, als gäbe es noch auf lange Zeit Klubhäuser zu leiten. Sein Schulfreund Andrej Krabbe arbeitete im Sachsenwerk als Betriebsingenieur, Matthias Pfitzner, der Dritte im Bunde, war Klempner. Dieses Trio, erweitert um eine Handvoll andere junge Menschen, trieb die Idee für ein Filmfest um. Krabbe erinnert sich: „Begrifflichkeiten wie subversiv standen für uns gar nicht zur Debatte. Wir wollten einfach was Gemeinsames machen, und es gab einen Rahmen, in dem wir uns bewegen konnten. Die Ernüchterung kam erst mit dem Ärger darüber, was alles nicht ging. Dass zum Beispiel Filme aus dem sozialistischen Lager nicht mehr gezeigt werden durften, war schon ein Ding.“

Über Kontakte in die DDR-Kulturzentren Ungarns und Polens sowie über „Sov-export“ aus der Sowjetunion wurden trotzdem alle Wunschfilme gelistet, von der FDJ zunächst abgesegnet, Sondergenehmigungen für den Plakatdruck erwirkt. Trotzdem flogen zwölf Streifen, davon neun aus dem „sozialistischen Wirtschaftsgebiet“, kurzfristig wieder heraus. Doch das Filmfest als solches abzusagen kam keinem in den Sinn. Auch mit Konzerten und Diskussionsrunden in zwei heute nicht mehr existierenden Kinos (Filmtheater Reick, Olympia) und einem TU-Hörsaal wollte man sehen, was daraus werden könnte.

Die Organisatoren kamen also nicht aus der Totalopposition, eher aus der Frustration. Im Herbst 1989 wich dieser Frust der freien Aktion. Wo sich schnell Strukturen aufzulösen begannen, nutzte die neu formierte „Filmkunst-Agentur“ samt „Orgbüro Filmfest“ andere Strukturen. Ein ehemaliges Parteizimmer (mit ständig überlastetem Telefon bei Gesprächen in den Westen) diente als Büro, bundesdeutsche Verleihe, namhafte Einzelpersonen und Festivals wurden angezapft. Wenn man sich heute das „Extrablatt“ (das übrigens in den Redaktionsräumen der SZ entstand) mit dem Programm des 1990er-Filmfests betrachtet, sieht es so aus, als hätte damals die Skepsis vorgeherrscht, es würde kein Morgen geben.

An 16 Tagen im März wurden über 150 Filme mit 70 Prozent DDR-Erstaufführungen in elf Spielstätten gezeigt, gab es 20-mal Theater und Konzert, Reihen zu Wim Wenders und der Deutsch-Argentinierin Jeanine Meerapfel (die persönlich mit mehreren Autos aus Nürnberg abgeholt wurde), deutsch-deutschem Nachwuchs (mit Andreas Dresen), Kurzfilme aus Clermont-Ferrand und endlich die noch vor Jahresfrist verbotenen Werke unter anderem von Andrzej Wajda. Dass Film würde verbinden können, war eine Hoffnung. Heute ist es Gewissheit.

Von der Filmfest-Organisation ausgehend, gründete sich die Filminitiative Dresden e.V., veranstaltete im Haus der Kultur und Bildung, heute Wechselbad, regelmäßig Kinoabende, brachte „Monty Python“ in die Stadt, kämpfte lange um eine eigene Spielstätte, wobei die Idee eines kommunalen Kinos mehr und mehr als Anachronismus galt und man eigentlich nach neuen Modellen suchte. Doch in der Profilierung des Filmfestes zum heute weltweit anerkannten Wettbewerbs- und Publikumsmagneten hatte die „Filmini“ ihre Aufgabe längst gefunden.

Anfangs wurden auch neue Filme koproduziert, so Ula Stöckls „Das alte Lied“, der jetzt zur Wiederaufführung gelangt. Andrej Krabbe räumt ein: „Wir hatten keine Ahnung, wie das westliche Filmfördersystem funktioniert, aber wir hatten Kontakte, kannten die Orte. Ula wollte eigentlich in Bulgarien drehen, warum aber nicht das Drehbuch auf Dresden umschreiben?“ So sieht man heute mit sehr eigener Spannung die Stadt in den frühen 1990ern, Dresdner Gesichter und Schauspieler, verblasste Erinnerungen. Krabbe: „Es war schon eine lustige Zeit. Da kann man noch heute schmunzeln darüber.“ Auch über sich selbst, denn Andrej Krabbe spielt in „Das alte Lied“ mit. Als Dampferpassagier.

Das Filmfest Dresden zeigt bis Sonntag über 260 Beiträge in Wettbewerben und Sonderprogrammen. Um die Preise der „Goldenen Reiter“ konkurrieren 29 Animations- und 37 Kurzspielfilme.

„Das alte Lied“: Freitag um 20 Uhr in der St. Pauli-Ruine und Sonntag um 17.30 Uhr in der Schauburg.

Unter den ersten Anrufern der Nummer 0351 48642281 verlosen wir heute ab 16 Uhr 20 Freikarten für jeweils ein Programm des Filmfests.

www.filmfest-dresden.de

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