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Freitag, 08.04.2016

Noch mal gut gegangen

Endlich, das Asylproblem ist vorbei. Europa kann sich wieder mit sich selbst beschäftigen.

Von Michael Bittner

Michael Bittner
Michael Bittner

© Ronald Bonß

Jauchzet, frohlocket, ihr Deutschen! Die Flüchtlingskrise ist gelöst! Zwar nicht für die Flüchtlinge, aber für uns – und das ist ja die Hauptsache. Denn gute Politik verfährt nach der Maxime: Aus den Augen, aus dem Sinn. Zugegeben, der Krieg in Syrien und dem Irak geht weiter. Und in Jordanien, dem Libanon und der Türkei leben noch immer Millionen Kriegsflüchtlinge ohne Arbeit, ohne Schulbildung, ohne Hoffnung. Aber solche Details müssen uns nicht kümmern, solange nur die besorgten Bürger in Deutschland wieder etwas ruhiger schlafen. Was juckt es uns, wenn hinter der Türkei die Völker aufeinander schlagen?

Ein einfacher Wechsel der Strategie hat das Wunder ermöglicht. Statt Milliarden für die Unterstützung von Flüchtlingen auszugeben, bezahlen wir dem Diktator der Türkei jetzt Milliarden, um die Flüchtlinge von uns fernzuhalten. Die Flüchtlinge heißen jetzt auch nicht mehr Flüchtlinge, sondern „illegale Einwanderer“. So macht man aus Opfern Täter: Flucht ist ab sofort Verbrechen. Die Übeltäter kann man dann auch in Internierungslager sperren. Die heißen schlauerweise „Hotspots“ – das klingt nicht so hart, sondern nach mediterraner Wellness. In den Lagern lässt man die Menschen dann in Schlamm und Hoffnungslosigkeit versinken, bis sich die Verzweiflung Bahn bricht und Bilder produziert, die man daheim wieder als Rechtfertigung der Abschottung gebrauchen kann.

Die Ursache der gegenwärtigen Krise ist recht offenkundig: Europa ist einerseits ein Bundesstaat mit offenen Grenzen, andererseits aber auch nur ein Staatenbund ohne gemeinsame Einwanderungspolitik. Die Europäer müssten sich also stärker zusammenschließen und gemeinsame Lösungen finden. Oder aber die Europäische Union zerfällt wieder ganz in voneinander abgeschottete, konkurrierende Nationalstaaten.

Die Europäer scheinen sich gerade mit der zweiten Variante anzufreunden und wählen hasserfüllte Giftzwerge, die Sicherheit auf Kosten der Freiheit versprechen. So flüchten sich die Schafe, wenn’s draußen blitzt und donnert, freiwillig zurück in die Gefangenschaft des muffigen Stalles. Hinterm Gatter fühlen sie sich geborgen. Aber die Grenzschützer, die wir jetzt bewaffnen, werden vielleicht bald unsere eigenen Wärter und Henker. Und die „Festung Europa“ zum Hochsicherheitsgefängnis, in dem wir selbst einsitzen.

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