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Montag, 11.01.2016 Der Krimi am Sonntag

Niemand ist wie du

Der Konstanzer „Tatort“ erinnert an eine reale Kindesentführung. Darf ein Fernsehkrimi so etwas?

Von Nina Schirmer

Ein Haar ist das einzige Zeichen, das Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) an ihre frühere Mitgefangene erinnert. Szene aus dem „Tatort“ Konstanz. Es war der vorletzte Fall der Ermittler vom Bodensee.
Ein Haar ist das einzige Zeichen, das Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) an ihre frühere Mitgefangene erinnert. Szene aus dem „Tatort“ Konstanz. Es war der vorletzte Fall der Ermittler vom Bodensee.

© ARD

Als Natascha Kampusch 2006 ihrem Entführer nach mehr als acht Jahren entkommen konnte, löste ihre Geschichte Entsetzen aus. Zu unvorstellbar waren die menschlichen Abgründe des Wolfgang Priklopil, der die damals Zehnjährige entführte, in seinem Haus gefangen hielt, sie missbrauchte und einem perfiden Bestrafungssystem unterwarf. Der „Tatort“ vom Sonntagabend bediente sich einer ganz ähnlichen Geschichte. Allerdings wird die Hauptfigur Rebecca mit nur zwei Jahren entführt und kommt erst nach 15 Jahren unfreiwillig frei. Der grausame reale Fall von Natascha Kampusch wurde im „Tatort“ damit sogar noch gesteigert. Darf ein Fernsehkrimi das? Die Antwort heißt in diesem Fall eindeutig ja. Denn Regisseur Umut Dag inszeniert die Geschichte sorgsam und respektvoll, stellt das Opfer in den Mittelpunkt. Dabei kommt der Film ohne brutale Szenen aus der Gefangenschaft aus. Keine Misshandlungen sind zu sehen. Keine horrorfilmartigen Schreie aus dem Keller zu hören. Der Zuschauer begreift auch ohne gewollt gruselige Einstellungen, welche körperlichen und psychischen Qualen die Hauptfigur durchlaufen haben muss. Der eigentliche Krimi findet im Kopf statt.

Es ist verstörend, wenn sich Rebecca unterwürfig auf die Knie wirft. Wenn sie die Hand von Ermittler Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) nimmt und sich damit mit all ihrer Kraft selbst ohrfeigt. Dabei lebt der Film von der eindrucksvollen Leistung der Rebecca-Darstellerin Gro Swantje Kohlhof. Die 21 Jahre alte Hamburgerin spielt das traumatisierte Mädchen mit großer Intensität. Vor allem dann, wenn sie mit fassungslosem Blick nach und nach erkennen muss, dass ihre bisherige Welt die Lüge zweier perverser Fanatiker war.

„Rebecca“ war der vorletzte „Tatort“, vom Team Bodensee, der in diesem Jahr eingestellt wird. Qualität und Spannung haben sich zum Schluss im Vergleich zu den letzten Fällen noch einmal gesteigert. Selten gelingt ja so ist ein dichtes, intensives Krimi-Drama, das dem Zuschauer harte Kost zumutet und zugleich einfühlsam und vorsichtig mit den Themen Entführung, Missbrauch und Verletzlichkeit umgeht. Ohne die reale Vorlage auszuschlachten. Auch weil die große Katastrophe am Ende des Films ausbleibt. Ein Happy End ist es trotzdem nicht. Der Fall wirkt nach – beklemmend.

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