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Sonntag, 30.12.2012

„Nicht weit vom Sterben weg“

Uli Borowkas Buch über seine Alkoholsucht ist der größte Sieg des Ex-Nationalspielers - Besuch bei einer Selbsthilfegruppe in Berlin.

Berlin. In der Bundesliga nannten sie ihn „die Axt“. Er war in seinen besten Tagen einer der kompromisslosesten Verteidiger des Landes. Uli Borowka grätschte, was das Zeug hielt. Nun sitzt er in einer Runde von Frauen und Männern zwischen 35 und 65 Jahren, die sich in der „Wohnhilfe“ am Chamissoplatz in Berlin regelmäßig treffen. In der Selbsthilfegruppe soll Borowka von seinen Erfahrungen als Alkoholiker berichten.

Als Bundesliga-Fußballer in Mönchengladbach und Bremen hatte der Nationalspieler und EM-Teilnehmer Millionen verdient. Doch er verjubelte und versoff alles und landete ganz unten. Freunde verschafften dem aus der Spur geratenen Alkoholiker einen Therapieplatz, er kämpfte sich ins Leben zurück. Zwölf Jahre ist Borowka nun „trocken“. Über seinen Absturz, über das Siegen und Grätschen, das Saufen und das Nein-Sagen hat er ein Buch geschrieben. „Volle Pulle“ kam vor einigen Wochen auf den Markt. Seither ist Borowka ein gefragter Ratgeber und Gesprächspartner.

Der 50-Jährige ist ein guter Zuhörer. Er stützt das Kinn in die rechte Hand und lässt die anderen in der Runde erzählen. Er trägt einen Dreitagebart, lässige Jeans und einen Kapuzenpullover. Das kurze Haar steht stramm. Borowka kommt daher wie ein freundlicher Rebell. Er ist ausgesucht höflich und bescheiden - und er behandelt seine Frau Claudia, die ihn begleitet, mit großer Galanterie.

Abstürze und Katastrophen

Die anderen Teilnehmer haben viel zu erzählen. Eine Hausfrau mit aparten Zügen ist da, ein Tischler mit schaufelgroßen Händen, ein Musiker mit randloser Brille, ein Rentner mit dem drollig in die Glatze gekämmten Resthaar und eine Sekretärin, die leicht sächselt.

Wenn einer redet, nicken die anderen immer wieder. Sie kennen diese Geschichten zur Genüge. Die Anfänge des heiteren Trinkens, das Abdriften in die Sucht, die Hilflosigkeit, die vergeblichen Versuche aufzuhören, die kleinen und die großen Abstürze. Und die Geschichten münden in die persönliche Lebens-Katastrophe: vom Auseinanderbrechen der Familie über den Verlust des Jobs bis hin zur Einweisung in die Psychiatrie oder der Verurteilung zu einer Haftstrafe.

Borowka muss nicht einmal nicken. Er fühlt die Geschichten der anderen mit. Seine Augen sind aufmerksam und ein bisschen traurig. Dann fragt die Sekretärin, ob denn auch alles wahr sei, was in dem Buch stehe.

Das ist dann der Moment, in dem Borowka ein wenig aus dem verkorksten Teil seines Lebens berichtet. Er wähnte sich auf der ewigen Überholspur. Er konnte bis um 2.00 Uhr morgens picheln, das machte gar nichts. Um 10.00 Uhr stand er „mit total klarer Birne“ auf dem Platz und grätschte im Training alle Kollegen nieder, die ihm in den Weg kamen. Er hörte weg, wenn Freunde sagten, er solle sich beim Trinken zurück halten. „Die waren dann nicht mehr meine Kumpels“, erzählt der Ex-Profi.

Crash auf der Überholspur

Borowka erklärte den Journalisten, dass außer ihm in Deutschland kein Verteidiger der Liga sein Geld wert sei. Er fuhr einen Wagen im Rausch zu Schrott, er schlug seine Frau. Seine Familie wandte sich von ihm ab und er stürzte tiefer und tiefer.

Borowka erinnert sich an den Moment, als er in einer leer geräumten Wohnung inmitten von Schnaps-, Wodka-, Whisky-Flaschen aufwachte und seine Kinder im Nebenraum lachen hörte. Er schleppte sich dorthin - das Zimmer war leer. Da schleppte er sich zurück zu den Flaschen. Einen Rest hatte er immer. Borowka sagt: „Da war ich nicht mehr weit vom Sterben weg.“

Ein Freund brachte ihn zur Entziehung. Der frühere Leistungssportler musste ackern wie noch nie. Er musste begreifen lernen, dass er verloren hatte. „Volle Pulle“ hatte er sein Leben an die Wand gefahren. Für den neuen Lebensabschnitt musste er nun beinhart trainieren.

Seit zwölf Jahren trinkt der ehemalige Fußballprofi Borowka nicht mehr. Er sieht in die Runde von Menschen, die das gleiche Problem haben wie er. Sie blicken ihn froh an. Borowka lächelt ein wenig und nimmt die Hand seiner Frau.

„Ich habe halt meine Lektion eine Zeit lang vergessen“

Der Rentner fragt: „Hast du bereut, dass du das Buch geschrieben hast?“ Borowka verneint: „Ich wollte das. Das war ein Teil des Fights. Jetzt ist alles raus, und es gibt tolle Augenblicke. Vor einer Woche hat mich einer angerufen und gesagt, er hat das Buch gelesen und danach mit dem Saufen aufgehört. Ist doch klasse, oder?“

Alle nicken. Dann reden sie Silvester. Alle werden anstoßen, der Schampus wird perlen, und man muss in dieser rauschhaften Nacht nüchtern bleiben. Geht ja nicht anders. Oder, Uli?

Borowka lächelt sein kleines, ein wenig trauriges Lächeln. „Für viele ist das vielleicht anstrengend. Für mich nicht“, sagt er und erzählt von der Kneipe seiner Eltern. „Bei denen konnte ich lernen, wie es geht, nüchtern zu bleiben, auch wenn alle saufen. Ich habe halt meine Lektion eine Zeit lang vergessen. Aber jetzt kann ich sie. Ich sehe meinen Sohn und Claudia an und weiß, was richtig und was falsch ist. Basta.“ (dapd)

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