Sonntag, 11.11.2012

Nicht ohne meine Stasi

Kein Spielfilm über die DDR ohne Schlapphüte: Das und die Reaktionen darauf sagen viel aus über uns und unsere DDR-Bilder.

Von Oliver Reinhard

Entzückendes Paar: Heino Ferch (l.) als Stasioffizier Moll und Andreas Schmidt alias Genosse Schoen nehmen heute Abend für die ZDF-Räuberpistole „Deckname Luna“ Anna Maria Mühe in die Mangel. Foto: ZDF
Entzückendes Paar: Heino Ferch (l.) als Stasioffizier Moll und Andreas Schmidt alias Genosse Schoen nehmen heute Abend für die ZDF-Räuberpistole „Deckname Luna“ Anna Maria Mühe in die Mangel. Foto: ZDF

Über zwanzig Jahre nach ihrem Ende führen Mielkes Mannen ein umtriebiges Weiterleben. Nach wie vor spitzeln und drohen, schnüffeln und rüffeln, erpressen und verraten die Herren von der Stasi ihre Mitbürger, was das Zeug hält. Die Genossen Horch & Guck sind einfach überall und womöglich omnipräsenter, als sie es jemals wirklich waren – in den unzähligen Kino- und Fernsehfilmen über die DDR, die jedes Jahr im Multipack entstehen.

„Deckname Luna“ über eine Ostdeutsche, die in den Sechzigern abwechselnd von DDR- und BRD-Geheimdienstlern in die Mangel genommen wird (Teil 2 heute Abend im ZDF), ist dafür nur ein Beispiel. Ob Heiner Carows „Verfehlung“ von 1994 oder Frank Beyers „Nikolaikirche“ von 1995, ob „Sonnenallee“ oder „Helden wie wir“, ob „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ oder „Das Leben der Anderen“, ob „Barbara“ oder „Der Turm“; die Stasi ist stets dabei. Seit ihrem Ableben gibt es kaum einen in der DDR spielenden Spielfilm ohne mindestens einen Schlapphut auf der Besetzungsliste.

Nun könnte man diese Stasi-Überwürzung schulterzuckend hinnehmen: Na und? Sind halt nur Spielfilme, die größtenteils frei erfundene Geschichten erzählen und trotz aller Verankerung in der historischen Realität keinen Anspruch erheben, die Realität selbst darzustellen. Doch diese Filme treffen teils auf heftige Ablehnung.

„Das war nicht unsere DDR“, „So was habe ich damals nie erlebt“ und „Geschichtsklitterung“, hört man immer wieder Zuschauer klagen. Diese Verwechslung ausgedachter Film-Storys mit wissenschaftlich fundierten Dokumentationen über „die DDR“ ist keine Frage von Intelligenz. Selbst klügste Zeitgenossen reagieren etwa auf „Der Turm“, als wolle er nicht nur die dramatisch zugespitzte Geschichte zweier Dresdner Bürgerfamilien erzählen. Sondern die ganze Wahrheit über die ganze Republik. Hinzu kommt, dass wir oft dazu neigen, unsere ganz persönlichen und notgedrungen ausschnitthaften Erinnerungen an das Vergangene im Streitfall so zu führen, als fußten sie auf jahrzehntelangen Forschungen eines Großkollektivs von Soziologen und Historikern.

Aber unsere individuelle Erinnerung richtet sich nicht allein an harten Fakten und sachlichen Analysen aus. Sie speist sich vor allem daraus, wie wir die Vergangenheit empfunden haben. Genau dorthin, auf unsere Emotionen, zielt auch der Film. Deshalb kann er uns, immer wenn die von ihm über das sensible Leitungssystem der Gefühle und Befindlichkeiten transportierten Bilder unsere eigenen Bilder der Vergangenheit infrage stellen, treffen und verletzen.

Gleichwohl verläuft die Schmerzgrenze bei Stasi-Filmen nicht nur, wie vielfach angenommen wird, in Ost-West-Richtung. Sie mäandert großteils – wie bei der Stasi-Debatte überhaupt – zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen diesseits der damaligen Grenze. „Ein Film, der Stasi-Tätern moralische Regungen oder die Fähigkeit zur Differenzierung unterstellt, bleibt unglaubwürdig“, schrieb ein Ostberliner über „Das Leben der Anderen“. Zum gleichen Film befand eine SZ-Leserin: „Dieses Machwerk macht aus der Staatssicherheit mit einer einzigen Ausnahme einen Haufen gewissenloser Subjekte. Die Realität sah anders aus.“

Der Regisseur Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“, „Halt auf freier Strecke“) hat sich derlei grundsätzliche Stasifilm-Sekpsis so erklärt: „Viele im Osten wollen an die schmerzhaften Seiten der DDR-Geschichte nur ungern zurückdenken. Sie versuchen, in der Gegenwart anzukommen. Die Wunden sollen verheilen, die Enttäuschungen vergessen werden.“

Das Hindernis dabei ist nur: Aktuelle Spielfilme über deutsche Nachkriegsvergangenheit brauchen das dramatische Moment und reflektieren deshalb ausschließlich Dramatisches. Geht es um die alte Bundesrepublik, handeln sie von Polit- und Pharmaskandalen, von Grubenunglücken, Staats- und RAF-Terror – obwohl sich allein daraus das ganze Wesen „der BRD“ nicht destillieren lässt. Aus dem gleichen Grund nehmen Filme über „die DDR“ mit Vorliebe die Stasi und deren Untaten ins Visier. „Deckname Luna“ tut gleich beides, indem er Stasi und BND als nahezu gleichberechtigte Schurkenbanden darstellt. Er ist, wie so viele Genre-Genossen, eine lediglich unterhaltsame Räuberpistole, die vor dem grob skizzierten Hintergrund deutsch-deutscher Geschichte abgefeuert wird.

Aber: Dieser Umgang des Films mit Geschichte ist völlig normal. Er betrifft alle historischen Epochen. Und auch er ist ein Ausdruck einer Demokratie. Sie erlaubt ihn nicht nur, vielmehr fordert sie uns damit auf, Fragen an Entscheidungen von Künstlern ebenso zu stellen wie an Medienmechanismen. Gerade in Bezug auf die Schlapphüterei.

Schließlich ist die Stasi, was auch immer man davon halten mag, seit 1990 faktisch zu einem Symbol für die DDR geworden. Und die Art ihrer filmischen Inszenierung erlaubt durchaus Rückschlüsse darüber, auf welche Weise wir uns an „die Sicherheit“ und „die DDR“ erinnern – und was das über unsere gegenwärtige Gesellschaft aussagt.

Die Antworten fallen unterschiedlich aus. Je nachdem, ob es sich um „schlechtere“ oder „bessere“ Stasi-Filme handelt. In die erste Kategorie fallen Produktionen wie „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ oder „Wir wollten ans Meer“: Sie begreifen DDR-Geschichte als ein einziges großes Materiallager, suchen sich darin nur die schwärzesten und weißesten Relikte aus und schustern sie allein unter der Maxime zusammen, dass es beim Clash der Klischees tüchtig raucht.

In die zweite Kategorie gehören etwa „12 heißt: Ich liebe Dich“ und „Barbara“, die das Schwarzweißmalen zumindest größtenteils vermeiden und ihre Pinsel eher in graue Zwischenfarben tauchen. Gerade sie suchen und befördern die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und erinnern uns eben dadurch daran: Verrat und Opportunismus sind auch in der wiedervereinigten Gegenwart keine unbekannten Größen. Während Filme wie „Deckname Luna“ die Vergangenheit lediglich benutzen, um sie auf dem Altar des Entertainment zu opfern, und sie damit zugleich zu entsorgen. Wie es viele Deutsche in Ost und West so gerne tun.

Trotz aller Dramentauglichkeit der Stasi sind indes auch Fragen erlaubt wie diese: Wann wird das Zwickauer Grubenunglück von 1960 verfilmt? Oder die Interflug-Katastrophe nahe Königs-Wusterhausen anno 1972? Oder der Fall des dreifachen Eberswalde-Mörders Erwin Hagedorn? Kurzum: Wann entstehen sie, die großen dramatischen, aber gänzlich schlapphutlosen Spielfilme über „die DDR“?