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Dienstag, 21.11.2017

Neue Geschichten um die berühmte Kammerzofe

Dresdens Kunstsammlungen planen 2018 eine Sonderschau zum Schokoladenmädchen, freien Eintritt am Sonntagnachmittag – und eine Kinder-Biennale.

Von Birgit Grimm

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Dem Schokoladenmädchen von Jean-Etienne Liotard aus dem Jahr 1744/45, wird im Herbst 2018 eine Sonderschau gewidmet.
Dem Schokoladenmädchen von Jean-Etienne Liotard aus dem Jahr 1744/45, wird im Herbst 2018 eine Sonderschau gewidmet.

© SKD

Francesco Graf Algarotti hatte das Bild 1745 für die Dresdner Gemäldegalerie gekauft und schwärmte von diesem „jungen deutschen Kammermädchen im Profil, das ein Tablett mit einem Glas und einer Tasse Schokolade darauf trägt“, es sei „ein Holbein in Pastell“. Mehr braucht es nicht, um Bescheid zu wissen: Die Rede ist von Jean-Etienne Liotards „Schokoladenmädchen“. Diesem „schönsten Pastell, das man je gesehen hat“ widmet die Gemäldegalerie Alte Meister im Herbst 2018 eine Ausstellung, kündigte Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), auf der Jahrespressekonferenz am Montag an.

Da derzeit noch keine Jahresbilanz mit Besucherzahlen vorliegt, wagte Dirk Burghardt, Kaufmännischer Direktor der SKD, eine Prognose: 2017 könnten es 70 000 Besucher mehr werden als 2016. Derart positiv gestimmt, gaben die SKD einen Ausblick auf das, was die Kunstfreunde im nächsten Jahr erwartet. Außer der Schau zum „Schokoladenmädchen“ spielen Künstlerinnen eine wesentliche Rolle: Im Lipsiusbau, der sich künftig komplett der zeitgenössischen Kunst widmen will, am Jahresanfang mit Susan Philipsz, einer schottischen Klangkünstlerin, und am Jahresende mit Künstlerinnen „jenseits des Eisernen Vorhangs“. Wenn damit Künstlerinnen aus der DDR und Osteuropa gemeint sind, dann lebten und arbeiteten sie allerdings diesseits des Eisernen Vorhangs.

Die Ernst-Rietschel-Kunstpreisträgerin Nevin Aladag stellt im Albertinum aus, ebenso die DDR-Mail-Art-Künstlerin Ruth-Wolf Rehfeldt zusammen mit David Horvitz. Designerinnen aus den Deutschen Werkstätten ziehen ins Japanische Palais und Sybillen – also Mode und Fotografie der DDR-Frauenzeitschrift Sibylle – ins Schloss Pillnitz.

In Familie auf Drachenjagd

Das Albertinum zeigt u. a. eine große Carl-Lohse-Ausstellung, und das Japanische Palais wird zum „Museum der nicht erzählten Erzählungen“. Das ist ein Gemeinschaftsprojekt aller Mitarbeiter der SKD, ob Wachmann, Sekretärin oder Restauratorin. Marion Ackermann hat ihre Kollegen und Kolleginnen gebeten, für diese Ausstellung Stücke aus dem Depot auszuwählen, die selten oder noch nie öffentlich zu sehen waren und dazu ihre ganz persönliche Geschichte, ihre individuelle Sicht auf das Kunstwerk zu schildern.

Überhaupt soll das Japanische Palais ein lebendiger Ort sein, obwohl oder gerade weil es in nächster Zeit nicht generalsaniert wird, wie Sachsens Wissenschafts- und Kunstministerin Eva-Maria Stange erklärte. Ressourcenschonend wollen die SKD dort arbeiten, offen, prozessual, mit einfachen Mitteln, aber publikumswirksam. So, wie es die Ausstellungsreihe „Prolog“ des Völkerkundemuseums in diesem Jahr schon praktiziert.

Das Damaskuszimmer soll nach mehr als 20-jähriger Restaurierung komplett zu bewundern sein. Außerdem gewährt im Palais das Archiv der Avantgarden Einblicke, bevor es in etwa vier Jahren sein Domizil im sanierten Blockhaus bezieht.

Am lebendigsten dürfte es im Japanischen Palais zugehen, wenn dort die erste Kinder-Biennale stattfindet. Sie wird gemeinsam mit und nach dem Vorbild einer Kinder-Biennale in Singapur organisiert.

Insgesamt legen die SKD großen Wert darauf, ihre Häuser nicht nur für Touristen, sondern für Kinder und Jugendliche, für Familien aus Sachsen attraktiv zu machen. So will ein besonderes Führungsprogramm deutsch-deutsche Geschichten anhand ausgewählter Exponate präsentieren. Diese Erzählungen dürften noch spannender werden, wenn sich auch das Publikum selbst einbringt.

„Sonntags frei ab drei“ heißt eine neue Reihe, die im regelmäßigen Wechsel am Sonntagnachmittag ab 15 Uhr freien Eintritt in ein Museum gewährt. Ab Januar geht jeden ersten Sonntag im Monat die Böttger-Bande auf Drachenjagd in der Porzellansammlung. Gedruckt, geschnitzt, gespielt wird an jedem zweiten Sonntag im Museum für Sächsische Volkskunst. Das Albertinum wird zum Atelier am dritten Sonntag, und am vierten wird im Mathematisch-Physikalischen Salon experimentiert. Im April, Juli und September, wenn es einen fünften Sonntag gibt, lädt das Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz zu einer Entdeckungsreise ein. Die Sparkasse, Hauptsponsor der SKD, unterstützt Sonderschauen und Restaurierungsprojekte und gewährt ihren Kunden auch weiterhin 25 Prozent Rabatt auf SKD-Tickets.

Auf Wieder- und Neueröffnungen darf man sich im Jahr 2019 freuen: Die Alten Meister werden nach der Sanierung der Sempergalerie im Sommer endlich wieder komplett zu sehen sein. Im Herbst öffnet der barock rekonstruierte Paradeflügel l im Residenzschloss.

Von der in der vorigen Woche angekündigten Ausstellung zur Kunst aus der Zeit der DDR im Albertinum war auf der Jahrespressekonferenz keine Rede. Am Rande war zu erfahren, dass die Schau im Frühjahr gezeigt werden soll – ein sportliches Vorhaben als unmittelbare Reaktion auf die aktuelle Debatte in der Sächsischen Zeitung. Zeit für gründliche wissenschaftliche Arbeit, die zu jeder guten Ausstellung gehört und auf die die SKD generell großen Wert legen, bleibt allerdings nicht.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Hobbyhistoriker

    Werte Birgit Grimm - Ihre Überschrift Kammerzofe ist falsch. Es handelt sich um die Bedienung eines Wiener Kaffehauses man nannte solche damals Stoubenmensche (Stubenmädchen) Liotard der sich auf Einladung der österreich.Kaiserin in Wien aufhielt malte sie da sie eine der anmutigsten war.Auch ist bekannt das sie 1730 geboren war u. Nandl baldauf hieß ,Tochter eines Kutschers.

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