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Donnerstag, 01.12.2016

Nein zur Homophobie, ja zum Sozialismus

Der Dresdner Kameramann Johannes Praus lässt den famosen Dokfilm „Transit Havana“ über Transsexuelle auf Kuba leuchten.

Von Oliver Reinhard

Malú (r.) wurde in den falschen Körper eines Mannes hineingeboren. Nun wartet die Kubanerin auf einen Platz im Programm von Raul Castros Tochter Mariela, die jedes Jahr fünf geschlechtsumwandelnde OPs finanziert.
Malú (r.) wurde in den falschen Körper eines Mannes hineingeboren. Nun wartet die Kubanerin auf einen Platz im Programm von Raul Castros Tochter Mariela, die jedes Jahr fünf geschlechtsumwandelnde OPs finanziert.

© PR

Malú und ihre Freundinnen sind Augenweiden. Herrliches Haar, leuchtende Augen, geschmeidige Körper, aus jeder Pore ihrer Haut dringt feminines Selbstbewusstsein, wenn die Kubanerinnen zum Strand flanieren. Obwohl man sie eigentlich Noch-nicht-ganz-Kubanerinnen nennen müsste. Denn Malú und ihre Freundinnen sind zwar Frauen, die allerdings in den falschen, in einen männlichen Körper hineingeboren wurden. Ein Schritt, die entscheidende Operation, fehlt ihnen noch. Also warten sie. Und warten.

Um die Transgender-Aktivistin Malú, die christliche Dörflerin Odette und den als Frau geborenen Juani geht es in Daniel Abmas deutsch-holländischem Dokumentarfilm „Transit Havana“. Und um den Wandel, das Warten. Sie warten auf einen Platz im Programm von Mariela Castro, die jedes Jahr fünf geschlechtsumwandelnde OPs finanziert. Für die Tochter des kubanischen Präsidenten hat ihr Engagement außer sozialen auch hochpolitische Gründe. Sie ist überzeugt, dass Sozialismus und Homophobie Gegensätze sind. Ihr Motto: „Nein zur Homophobie, ja zum Sozialismus!“

„Transit Havana“ ist ein äußerlich zurückhaltender, subtil inszenierter, intensiver und berührender Film. Das liegt zum guten Teil an den Bildern des gebürtigen Dresdner Kameramanns Johannes Praus. „Wir wollten kein typisches Kuba-Klischee-Bild reproduzieren“, sagt der 33-Jährige. „Wir haben uns bei der visuellen Gestaltung ganz nach den Menschen gerichtet, die wir porträtieren.“ So ist um die aktive Malú herum immer irgendetwas in Bewegung, und wenn es der Strandwind ist. Was ihre stilleren Momente umso stärker hervorhebt. Noch kunstvoller arbeitete Praus mit Odette. Als die tief religiöse Ex-Panzerfahrerin fast daran verzweifelt, dass ihre Mutter wie „ihre“ Kirche gegen die ersehnte, aber „unnatürliche“ Veränderung ihres „gottgegebenen“ Körpers ist, zerhackt im Hintergrund ein Ventilator die Luft. Kehrt mit Odettes Zuversicht auch das Strahlen auf ihr Gesicht zurück, fängt die Kamera sie vor offenen Fenstern ein.

Und immer wieder: Aufnahmen von Menschen in den Straßen, gedreht aus fahrenden Wagen heraus. Einerseits eine schöne Visualisierung des Motivs jener Reise, auf die sich alle drei Protagonisten begeben haben. Andererseits will „Transit Havana“ damit auch „den Blick der kubanischen Gesellschaft auf transsexuelle Menschen“ reflektieren, wie Johannes Praus sagt. Die Entscheidung von Daniel Abma und seinem Team für die Inselrepublik als Drehort ist spätestens auf den zweiten Blick wenig erstaunlich. Schließlich sind in kaum einem Land die Gegensätze so stark zwischen sozialistischem Selbstverständnis und zaghafter Öffnung einerseits und tiefer Religiosität sowie traditionellem Machotum auf der anderen. Wie man solche Konflikte für einen Film dingfest machen kann, auch das verrät die Kamera von Johannes Praus: mit Respekt und Geduld, mit dem Mut zu langen, aber nicht aufdringlichen Betrachtungen, mit dem Wunsch, auch wirklich verstehen zu wollen.

Noch etwas versinnbildlicht „Transit Havana“: Malú, Odette, Juani – sie sind im Grunde wie ihr Land selbst, sind unterwegs, auf Reisen, mitten im Wandel. Es dürfte spannend werden, zu beobachten, ob nicht vielleicht auch die Seele Kubas bisher im falschen Körper gesteckt hat.

Am 1.12. um 20.15 Uhr stellen Johannes Praus, Regisseur Daniel Abma und Autor Alex Bakker „Transit Havana“ im Dresdner Kino im Dach vor (Schandauer Straße 64)