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Mittwoch, 17.05.2017

Nackt und frei in Moritzburg

Mit einer Novelle über die wahre Liebe kehrt der Autor Ralf Günther nach Dresden zurück.

Von Karin Großmann

Ernst Ludwig Kirchner wollte die Kunst aus allen Zwängen befreien, das galt auch für seine Modelle. Mit Bleistift und Aquarellfarbe hielt er sie fest. „Badende am Moritzburger See“ entstand um 1908
Ernst Ludwig Kirchner wollte die Kunst aus allen Zwängen befreien, das galt auch für seine Modelle. Mit Bleistift und Aquarellfarbe hielt er sie fest. „Badende am Moritzburger See“ entstand um 1908

© akg-images

Eine brave Berliner Bürgertochter zieht Kleid und Korsett aus und hüpft bei Moritzburg in den Teich, wo nackte Künstler ihre Modelle beim Planschen malen. So nimmt jene unerhörte Begebenheit ihren Lauf, die ein Merkmal jeder Novelle ist.

Die „Sommernovelle“ steht im Untertitel des neuen Buchs, mit dem der Schriftsteller Ralf Günther nach Sachsen zurückkehrt. Vor anderthalb Jahren war er mit seiner Familie nach Hamburg gewechselt. Er kümmerte sich um minderjährige Flüchtlinge und entzog sich für eine Weile den Zwängen des Buchmarkts. Für voluminöse Historienromane wie „Der Leibarzt“ und „Die Pestburg“, die ihn bekannt gemacht haben, fehlte nun ohnehin die Zeit. So entstand das schmale Buch, das ins Jahr 1910 führt und vom Aufbegehren gegen Zwänge erzählt. Günther, gebürtiger Kölner, hat sich tief in die sächsische Geschichte eingegraben. Schlüssig verbindet er die Heilmethoden von Bilz und Lahmann mit den Reformbewegungen von Hellerau und dem Expressionismus der Künstlergruppe „Die Brücke“. Überall wird rebelliert gegen Konventionen. Es ist die frühe Stunde der Aussteiger. Sie propagieren Freiheit und alternative Lebensweisen, ein neues Menschenbild, zurück zur Natur. Im Nachwort erinnert der Autor an die Kommune auf dem Monte Verità im Tessin, wo sich Exzentriker aller Länder vereinigten.

Davon hat die brave Bürgertochter Clara Schimmelpfenninck wohl nie gehört. Im Sanatorium auf dem Weißen Hirsch in Dresden soll sie bei Licht, Luft und Rohkost ihre Atemnot heilen. Ein junger Mediziner analysiert Clara nach den Regeln von Freud und entdeckt im Handumdrehen die seelische Ursache ihres Leidens. Er lädt sie zu einem Ausflug nach Moritzburg ein. Am Teich feiern die Maler Heckel, Kirchner und Pechstein die Zwanglosigkeit. Clara folgt ihnen eine rauschhafte Nacht lang, erlebt eine Explosion aus Farben und Leidenschaften – während der Mediziner vergeblich zum Dinieren bei Kerzenschein auf sie wartet. Das hatte er sich anders gedacht.

Eine Novelle bietet keinen Raum, damit sich Charaktere entwickeln. Sie setzt gerade auf das Unvorhersehbare und Unerwartete. Günther baut seinen Text nach allen Regeln des Genres. Glaubhaft beschreibt er die Schlüsselszene, in der Clara außer sich gerät und zu sich selbst kommt.

Maler oder Mediziner? Claras Entscheidung ist grundsätzlicher Art, und so verhandelt der Autor sie auch. Es ist die Entscheidung zwischen einem unsicheren, wilden, aufregenden Leben auf der einen Seite und einem geordneten Dasein in Anstand und Wohlstand auf der anderen. Das eine kann in den Ruin führen. Das andere in die Langeweile. Am Ende ist es auch eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand. Sie lässt sich auf die Frage reduzieren, die leicht in eine Midlife-Crisis mündet: Was ist einem wirklich wichtig im Leben? Der 49-jährige Autor lässt ahnen, wie seine Antwort heißt. Sein Buch widmet er „all jenen, die furchtlos lieben“.

Fast beiläufig macht er einen ganz anderen Konflikt bewusst. Der Mediziner aus Lahmanns Sanatorium hatte als Stabsarzt der kaiserlichen Kolonialtruppen empört die Verbrechen an den Herero und Nama miterlebt, die abgrundtiefe Verachtung für afrikanische Völker. Eben diese Völker aber wurden von den „Brücke“-Malern wegen ihrer Naturnähe als echte Wilde verklärt. Afrikanische Masken dienten als Inspiration; ihre Bedeutung interessierte nicht weiter in selbstverständlicher Ignoranz. Da gewinnt das Buch, das am Freitag erscheint, eine feine zusätzliche aktuelle Dimension.

Ralf Günther: Die Badende von Moritzburg. Kindler Verlag, 112 Seiten, 15 Euro

Lesung am 7. 6., 20 Uhr, Kulturhaus Dresden Loschwitz