Samstag, 15.12.2012

Mythos und Wirklichkeit - Bundeswehr-Museum widmet sich Stalingrad

Hunger, Erfrierungen und Tod in Stalingrad: Das Militärhistorische Museum in Dresden zeigt Einzelschicksale der Entscheidungsschlacht vor 70 Jahren. Die Sicht der Deutschen interessiert auch die Russen.

Ein deutsches Maschinengewehr in der neuen Sonderausstellung "Stalingrad" im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Foto: dpa
Ein deutsches Maschinengewehr in der neuen Sonderausstellung "Stalingrad" im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Foto: dpa

Dresden. Am 19. Januar 1943 schreibt der deutsche Soldat Otto Kirschner an seine Frau: „Nur Dir allein schreibe ich es, wir befinden uns hier in einer hoffnungslosen Lage. (...) Solltest Du 2 Monate weiter gerechnet keine Post mehr von mir erhalten, so kannst Du mit Sicherheit annehmen, dass ich nicht mehr bin, in russische Gefangenschaft würde ich mich nicht begeben."

Zeilen wie diese sind Beleg für die kollektive Hoffnungslosigkeit der 6. Armee, an deren Seite auch andere deutsche Soldaten und Verbände aus Rumänien, Ungarn und Italien im Kessel von Stalingrad bei eisiger Kälte ausharrten. Nur ein Bruchteil der deutschen Soldaten überlebte.

70 Jahre später gewährt eine Ausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden jetzt Einblicke in eine Tragödie, die Deutschland verschuldete und an der zehntausende Deutsche zugrunde gingen. Genaue Opferzahlen zu der Schlacht gibt es nicht, je nach Zählweise ihrer Dauer schwanken sie zwischen 60.000 und 150.000. Die Sowjetunion beziffert ihre eigenen Verluste auf rund 500.000. Nach Angaben des Deutschen Historischen Museums gerieten rund 91.000 Mann in sowjetische Kriegsgefangenschaft, nur 6.000 Überlebende kehrten bis 1956 nach Deutschland zurück. All diese Zahlen können die Tragödie aber nur unzureichend dokumentieren.

Am Ende war jeder Tag Überleben wie ein Lottogewinn

Deshalb setzt das Museum in Dresden auf eine andere Perspektive - und lässt viele Soldaten in ihren Feldpostbriefen zu Wort kommen. Es sind gerade die sehr persönlichen Exponate, die für das wahre Ausmaß des Grauens in Stalingrad stehen. Zum Beispiel ein Lotterielos aus Rumänien. Viele Soldaten im Kessel bewahrten solche privaten Dinge auf, die an das Leben daheim erinnerten. Am Ende war jeder Tag Überleben wie ein Lottogewinn. Denn das Sterben in Stalingrad wurde Alltag. Unzählige Soldaten erfroren im russischen Winter, vielen wurden wegen Erfrierungen Körperteile amputiert - ein abgetrennter Fuß ist das vielleicht grausigste Ausstellungsstück.

„Für viele Menschen ist Stalingrad bis heute das Symbol für die Wende des Krieges. Das ist es mit Sicherheit nicht. Es war psychologisch eine Wende, aber nicht strategisch", sagt der Direktor des Museums, Matthias Rogg. Die Mythen und Legenden um Stalingrad würden sich zäh halten, aber vieles sei durch die Wissenschaft inzwischen revidiert oder deutlich relativiert.

Auch für den Historiker und Kurator Jens Wehner setzt der Anfang vom Ende schon früher ein - mit der Schlacht um Moskau 1941. Schon dort geriet der Vormarsch der Wehrmacht ins Stocken, die Rote Armee setzte zur Gegenoffensive an, die schließlich 1945 in Berlin siegreich endete.

Wehner ist in den vergangenen Monaten zweimal nach Wolgograd gereist, wie Stalingrad heute heißt. Wie ein Detektiv hat Wehner in russischen Sammlungen nach geeigneten Exponaten gesucht. „Viel Überzeugungsarbeit musste ich eigentlich nicht leisten", sagt der Historiker. Die Sicht der Deutschen auf Stalingrad findet in Russland Interesse. Zur Eröffnung der Ausstellung am Freitagabend hatte sich auch ein russisches Fernsehteam angesagt, ein zweites will im Januar aus Dresden berichten. Bis 30. April 2013 hat die Öffentlichkeit Gelegenheit, die Ausstellung im Erdgeschoss des Museums zu besuchen. (dpa)