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Dienstag, 14.11.2017

Mutter-Tag in Dresden

Die berühmte Geigerin spielt im Kulturpalast Bach, Brahms und einen grandiosen Penderecki.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Anne-Sophie Mutter ist bekannt für technische Finesse und nuancierten Ausdruck. In der Reihe „Palastkonzerte“ der Dresdner Musikfestspiele lotete sie überraschend extreme Kontraste aus.
Anne-Sophie Mutter ist bekannt für technische Finesse und nuancierten Ausdruck. In der Reihe „Palastkonzerte“ der Dresdner Musikfestspiele lotete sie überraschend extreme Kontraste aus.

© dpa/Oliver Killig

Wer wie Geigerin Anne-Sophie Mutter seit über vier Jahrzehnten im gleißenden Rampenlicht steht und zur Creme de la Creme der Branche zählt, kann sich zwar der Aufmerksamkeit sicher sein. Doch die Herausforderung, die Spannung hochzuhalten, stellt sich für eine so ehrgeizige Künstlerin jedes Mal neu, zumal in einem Rezital, ohne Maestro zur Seite und Orchester im Rücken. Bei ihrem Gastspiel am Sonntag im ausverkauften Dresdner Kulturpalast setzte sie bei der Werkauswahl auf Vielfalt, und ihren Interpretationen war anzumerken, dass sie mehr wollte als gehobene Unterhaltung, denn sie lotete ein dynamisch extrem reiches Spektrum aus.

Auch wenn sie das so nicht direkt zugibt, ist in der weiten Landschaft der Violinliteratur das romantische Terrain ihr Paradiesgarten. Insbesondere Brahms könnte sie im Schlaf spielen, und sie würde dabei wohl ähnlich entspannt lächeln, wie sie das am Sonntag in hellwachem Zustand tat, als sie zum Ende hin, kongenial begleitet von Lambert Orkis, ihrem jahrzehntelangen Partner am Flügel, drei der Ungarischen Tänze anstimmte – mit elegantem Charme Nr. 7 in A-Dur, munter beschwingt Nr. 6 in B-Dur und mit dunkler Noblesse Nr. 1 in g-Moll – ein Ohrenschmaus.

Brahms rahmte diesen Abend, denn mit dem launigen Scherzo in c-Moll von 1853 hatten die beiden begonnen. Dazwischen aber setzte sie andere Akzente. Pendereckis „Duo concertante“ spielte sie wie bei der Uraufführung 2011 mit dem jungen Kontrabassisten Roman Patkoló, der Komponist hatte dieses rhythmisch packende Kleinod ihr und ihrem Paten gewidmet – der Slowake erfreute sich damals des Mutter-Stipendiums. Nach der Pause, vor der sie mit Bachs Partita Nr. 2 ein überwiegend feuriges Solo gezündet hatte, gab es mehr Penderecki, deutlich mehr. Auch die Sonate Nr. 2 hat der Pole für die deutsche Geigerin geschrieben. Während zuvor die atemlose Hochgeschwindigkeit bei Bachs Allemanda und Corrente etwas bemüht wirkte, zumal sie dort im Ringen um exzessiven Ausdruck kleine Intonationstrübungen in Kauf nahm, was dank der makellos majestätischen Ciaconna freilich kaum ins Gewicht fiel, geriet der Penderecki durchgängig zu einer Offenbarung. Das hatte auch mit der präzisen Tastenkunst des erfahrenen Mr. Orkis zu tun, vor allem aber mit der einzigartigen Fähigkeit der Geigerin zur Sublimierung. Wie sie den Klang zu einer hauchzarten Klage reduziert, wie sie Schärfe, Härte, Wucht aufbaut, ohne dass der Sound brutal wird, das ist beeindruckend. In ihrem moosgrünen Kleid wirkte sie hier wie eine Zauberin, die dunkle Mächte heraufbeschwört, um sie umgehend selbst zu bändigen. Emotional bietet diese Sonate extreme Wechselbäder, technisch einen Parcours aus höchsten Schwierigkeiten. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen grandiosen, zutiefst berührenden Vortrag.

Mit den geschmeidigen Brahms-Tänzen dann und Tschaikowskys gefälliger „Melodie“ als erster Zugabe holte sie das Publikum auf den Boden zurück und setzte mit Arthur Benjamins „Jamaican Rumba“ einen kecken Schlusspunkt. Der „Mutter-Tag“ klang mit rauschendem Beifall aus.

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