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Samstag, 16.01.2016

Mörderisches Finale im Feuersturm

Alexander Asisi schreibt einen Roman passend zum Panometer-Bild „Dresden 1945“ seines Onkels. Dem tödlichen Auftakt sollen weitere Bände folgen.

Von Stefan Becker

Autor Alexander Asisi mit seinem Buch vor dem realen Panorama des aus Ruinen auferstandenen Dresden.
Autor Alexander Asisi mit seinem Buch vor dem realen Panorama des aus Ruinen auferstandenen Dresden.

© Stefan Becker

Die Hölle hängt wieder in voller Pracht. In fünf Tagen tauschte das Asisi-Team im Panometer die farbenfrohe Ansicht von Elbflorenz im Barock gegen den schwarz-weiß anmutenden Untergang: Dresden am Tag nach dem 13. Februar 1945. Ein Mitglied der Mannschaft kennt sich mittlerweile ganz besonders gut aus in den Kunst gewordenen Trümmern der zerbombten Stadt – Alexander Asisi.

Der 40-jährige Neffe von Panorama-Pionier Yadegar Asisi gehörte mit zu den Bildschöpfern der ersten Stunde, die aus -zig inszenierten Szenen und Hunderten historischer Aufnahmen am Computer ein eigenes Werk schufen. Eigentlich strebte der Junior nach dem ersten Staatsexamen eine Karriere als Lehrer an, doch mitten im Referendariat merkte er, dass seine Talente auf zwei andere Aufgaben zielten: das Zeichnen und das Schreiben.

Während er für den Onkel die noch qualmenden Ruinen skizziert habe, seien ihm immer mehr Gedanken zum Desaster des Zweiten Weltkrieges gekommen, erzählt der Autor und rührt dabei nachdenklich in seinem Cappuccino. Schließlich sei die Zerstörung von Dresden kurz vor Ende des Krieges immer noch ein heikles, emotional stark besetztes Thema und würde gerne instrumentalisiert für die verschiedenen politischen Interessen. Wohl wissend um die Brisanz des Themas setzte sich der Vater von drei Kindern in der verbleibenden Freizeit an den Schreibtisch und griff zum Stift oder schlug die Tasten an.

Langsam erhielt die Geschichte ihre Kontur, die Figuren gewannen an Charakter, und der Erzählfluss steuerte auf einen Krimi zu. Wieso ausgerechnet das Genre? Nachdem der Brite Philip Kerr vor 25 Jahren den Bann gebrochen hatte und einen sympathischen deutschen Privatermittler im Reich der Nazis kreierte, wagen sich mittlerweile auch deutsche Autoren an die dämonisch dunkle Zeit und schicken ihrerseits Polizisten auf Streife. Natürlich nicht in den offenen Widerstand, das wäre dann doch zu viel der Geschichtsverklärung und läse sich wahrscheinlich wie ein Drehbuch von Quentin Tarantino.

Die heimischen Ermittler agieren immer brav entlang des Denkbaren, innerlich gebrochene Helden, die sich täuschen ließen oder täuschen lassen wollten, die nicht genau genug hinsahen oder wegschauten, bis dann eines Tages die Regungen des Gewissens die lieb gewonnenen Lebenslügen in Nichts auflösten. So macht auch Asisis Kommissar Erich Klemmer in dem Erstlingswerk „Die Dresdnerin“ eine traurige Hauptfigur, als ihm 1945 langsam dämmert, dass auch er mit seiner Arbeit zum Erhalt des unmenschlichen Apparats beitrug. In einer Schlüsselszene des Romans spricht der Polizist mit seiner Frau über die etwas späte Erkenntnis, und seine Gattin lässt ihn mit einem Lachen stehen. Der Opportunist „Mephisto“ von Klaus Mann habe ihn inspiriert, sagt Asisi, ebenso wie der verfilmte Sowjet-Thriller „Kind 44“. Totalitäre Systeme morden nach Belieben, doch wenn der Tod in den eigenen Reihen kursiert, steigt die Nervosität und steigert sich schnell zur Hysterie. Dann schlägt die Stunde der kriminalistischen Handwerker. Asisi arrangiert das in seinem Krimi geschickt wie spannend. Er schickt einen Serienmörder los, dessen Taten den Leser mit dem Sterben der Juden im Warschauer Ghetto konfrontiert, mit den Gräueltaten der SS, mit systematischem Massenmord sowie individuellen Abgründen. Und mittendrin „Die Dresdnerin“: Ihr Schicksal erzählt von Schuld und Sühne und dem Wahnsinn in der Welt.

Nach dem großen Finale liegt zwar historisch dokumentiert und im Panometer passend inszeniert alles in Trümmern – doch das Leben geht weiter. Autor Asisi plant momentan eine fünfteilige Serie, deren letzter Teil bis in die 70er-Jahre reichen soll. Damals kam er in West-Berlin auf die Welt. Zuvor hatte sein iranischer Vater die Leipziger Mutter in einem gemieteten Citroen DS aus der DDR geschmuggelt. Das sei zu der Zeit das einzige Auto gewesen, in dem man von der Rückbank direkt in den Kofferraum klettern konnte.

Als „Kind des Kalten Krieges“ liebt der polyglotte Schriftsteller solche Details, und im Krimi wohnt den Autos gar etwas Diabolisches inne, helfen doch die Statussymbole des Bösen den Sympathieträgern bei ihrer Arbeit zwischen Berlin, Magdeburg und Dresden. Ob in den folgenden Romanen auch etwas von der bewegten Familienhistorie einfließe, sei noch ungewiss, sagt Asisi.

So wurde sein Großvater 1954 ein Opfer des Kalten Krieges, als die CIA im Iran die Regierung stürzte und den hochrangigen Offizier zusammen mit anderen Militärs wegen ihrer kommunistischen Verbindung öffentlich erschießen ließ. Die schwangere Großmutter sei mit ihren Kindern aus der Heimat geflüchtet, und die DDR hätte der Familie damals Asyl angeboten, erzählt Asisi.

Er möchte sich in den nächsten Jahren ganz dem Schreiben widmen und Panorama-Patriarch Asisi hat seinen Segen schon gegeben. Dann verliert das Familienunternehmen zwar einen kreativen Bildkünstler, gewinnt dafür aber einen Haus-Autoren, erscheint das Erstlingswerk doch in der „edition asisi“.

„Die Dresdnerin“, Kriminalroman von Alexander Asisi, 348 Seiten, 13,90 Euro, edition asisi