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Mittwoch, 02.03.2016

Mörder mit Regierungsauftrag

Der Thriller „El Clan“ befasst sich wie der Comic „Eternauta“ auf spezielle Art mit der argentinischen Militärdiktatur.

Von Andreas Körner

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Killer im Auftrag des Regimes: Arquimedes Puccio (Guillermo Francella, hinten) und sein Sohn Alejandro Puccio (Peter Lanzani) lassen den Kinozuschauer schaudern.
Killer im Auftrag des Regimes: Arquimedes Puccio (Guillermo Francella, hinten) und sein Sohn Alejandro Puccio (Peter Lanzani) lassen den Kinozuschauer schaudern.

© dpa

  • Killer im Auftrag des Regimes: Arquimedes Puccio (Guillermo Francella, hinten) und sein Sohn Alejandro Puccio (Peter Lanzani) lassen den Kinozuschauer schaudern.
    Killer im Auftrag des Regimes: Arquimedes Puccio (Guillermo Francella, hinten) und sein Sohn Alejandro Puccio (Peter Lanzani) lassen den Kinozuschauer schaudern.
  • Der Comic „Eternauta“ nimmt schon in den 50ern die Schrecken der argentinischen Diktatur vorweg.
    Der Comic „Eternauta“ nimmt schon in den 50ern die Schrecken der argentinischen Diktatur vorweg.

Obwohl Europa gerade mit so vielen „eigenen“ Zahlen zu tun hat, bewegen diese „fremden“ noch immer: 30 000 Menschen sind während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 verschwunden. Sie wurden, so weiß man längst, gefoltert und getötet. Noch heute suchen Angehörige ihre Nächsten, ganze Datenbanken sind voll mit winzigsten Details einer Hoffnung. Aufgeben will keiner, im Herzen gleich gar nicht.

Jetzt blenden fast parallel zwei Werke von herausragender künstlerischer Qualität auf Argentinien und diese Zeit: Pablo Traperos Film „El Clan“ sowie die deutsche Erstveröffentlichung des Comics „Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld (Story) & Francisco Solano López (Zeichnung). Kinodrama und Buch sind voneinander unabhängig im Inhalt und am Ende doch verwandt. Der Film verschlägt seit 2015 einem großen argentinischen und internationalen Publikum den Atem, die Graphic Novel entstand schon 1957 und wurde gleichsam millionenfach rezipiert, allerdings über Generationen hinweg. Der Film kann sich die explizite Darstellung tatsächlicher Ereignisse erlauben, das Buch hatte weitsichtig, versteckt in einem Science-Fiction-Mantel, das vieltausendfache Verschwinden von Männern und Frauen vorweggenommen. Héctor G. Oesterheld wurde 1919 als Sohn eines deutschen Auswanderers geboren. Er war einer der erfolgreichsten Comic-Schöpfer und -Verleger in Argentinien, einem Land, das gerade in den 50er- und 60er-Jahren als lateinamerikanische Hochburg des Genres galt. Oesterheld wurde von der Junta verschleppt und getötet wie seine vier erwachsenen Töchter. Alle fünf waren im Untergrund.

Nach ihrem Familienstand befragt, sagte Héctor G. Oesterhelds Frau Elsa 1988 in einer Vernehmung: „Ich nehme an: Witwe.“ Offizielles gab es nie. Und „Eternauta“ erzählt als Oesterhelds Hauptwerk auf über 300 großformatigen Seiten von einem Mann und Familienvater, dem in Buenos Aires durch außerirdische Invasoren Frau und Kind verloren gehen, woraufhin er sich Widerstandskämpfern anschließt, in eine Zeitmaschine gerät und eine zehrende Suche beginnt. Die Invasoren nennt Oesterheld nur SIE. Auch das erlaubte später viele Lesarten der Geschichte. Ein Artikel im Zeit-Magazin vom Februar 2015 brachte die späte deutsche „Eternauta“-Edition auf den lohnenswerten Weg. Denn der Comic ist stark in seinem scharf konturierten Schwarz-Weiß und dem außergewöhnlich punktierten Text. Eigenschaften, die „El Clan“ mit den Mitteln des Kinos und einer eigenen Story adäquat aufgreift. Regisseur Pablo Trapero transportiert die politische und individuelle Brisanz der Handlung mit der Geste eines Thrillers, der an große Mafia-Epen erinnert und dadurch nichts, aber auch gar nichts an unerlässlicher Schärfe einbüßt. Weil er sich auf einige der grausamsten Täter fokussiert. Es sind die Puccios. In Buenos Aires hat es sie wirklich gegeben.

Kaum ein Blinzeln stört das Stechen im Blau von Arquimedes Puccios Augen. Der Blick des angesehenen Bürgers und korrekten Nachbarn ist kalt und klar. Immer dann, wenn er „Operationen“ plant, Menschen entführt, sie im eigenen Haus gefangen hält, irgendwann tötet oder töten lässt und zwischendurch von Verwandten Lösegeld erpresst. Arquimedes Puccios ist nicht nur irgendein Handlanger des Regimes, er war über lange Jahre hinweg ein Drahtzieher. Doch das Regime gibt es nicht mehr. Originalaufnahmen in Fernsehen und Radio zeigen, in Zeitsprüngen elegant wie schlüssig verwoben, dass sich Argentinien schon für den demokratischen Weg entschieden hat. Es ist 1985. Puccios Ast bricht.

Beim besten Willen: Im Kinosaal überkommt einen das kalte Schaudern über die Spezies Mensch. Wenn der alte Puccio, im Grunde unfassbar gespielt von Giullermo Francella, seinen ältesten Sohn Alejandro, einen Rugby-Spieler der Nationalmannschaft, als willfährigen Helfer missbraucht, den Rest seiner Familie einschüchtert oder zum Schweigen bringt, weil er sie „nicht in Gefahr bringen will.“. Unablässig wird hier, einem bösen Automatismus gehorchend, auf verängstigt, fies oder ignorant geschaltet. Es darf einfach nicht klar werden, wer was und wie viel weiß.

„El Clan“ ist wie „Eternauta“ große, sehr große Kunst. Relevante Kunst mit dem bitteren Beigeschmack von Zeitlosigkeit.

„Eternauta“ ist als Hardcover im Avant-Verlag erschienen, hat 392 Seiten und kostet 39.95 Euro.

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