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Freitag, 08.01.2016

Mithören wie die Stasi

Massenhaft schnitt die DDR-Stasi heimlich Telefongespräche mit - Privates ebenso wie Politisches. Eine Berliner Kunstinstallation will nun zeigen, wie sich das anfühlte.

Wer sich die roten Hörer ans Ohr hält, lauscht privaten Gesprächen aus den Stasi-Archiven.
Wer sich die roten Hörer ans Ohr hält, lauscht privaten Gesprächen aus den Stasi-Archiven.

© dpa

Berlin. Vom alten DDR-Grenzwachturm in der Nähe des Potsdamer Platzes in Berlin baumeln sechs knallrote Telefonhörer. Einer von ihnen trägt die Aufschrift „Der Alltag“. Wer ihn ans Ohr hält, verfolgt ein Gespräch zwischen zwei Eheleuten, die eine Einkaufsliste zusammenstellen. „Gelbe oder weiße Bohnen?“, fragt die Frau. „Nee, nur grüne“, antwortet der Mann.

Ein banaler oder subversiver Dialog? Die Deutung bleibt dem Zuhörer überlassen. Zwei Hörer weiter ist das Gespräch eindeutig. Ein Anrufer verpfeift einen Bekannten beim Ministerium für Staatssicherheit (Stasi). Der Kollege schmuggele Porno-Kassetten aus der Bundesrepublik in die DDR.

Seit Freitag können sich Besucher der Kunstinstallation „Am Telefon sagt man nix“ originale Gespräche anhören, die in den 1980er Jahren von der Stasi abgehört und mitgeschnitten wurden. Die Aufnahmen stammen aus dem Archiv der Stasi-Unterlagen-Behörde und wurden zum Schutz der Privatsphäre anonymisiert. Interessierte können das Projekt der Künstlergruppe „ÜB3R“ noch bis zum Sonntag erleben.

Einer der ersten ist am Freitag Michael Zimmer. Als einstiger DDR-Bürger sei er sehr berührt von den Aufnahmen, sagt der Berliner. Auch sein Telefon sei damals von der Stasi abgehört worden, das sei ihm stets bewusst gewesen. „Die Abhörinstrumente waren ja so laut, dass es geknackt hat.“ Hin und wieder habe er sich einen Spaß daraus gemacht und Bemerkungen an die Stasi-Adresse fallen lassen. „Für die Leute, die da mithören, damit die auch was haben.“

Für die Initiatoren der Installation weisen die einstigen Abhöraktionen Parallelen zur heutigen Sammelwut von Informationen durch Konzerne wie Google oder Facebook auf. Viele Menschen verstünden das Ausmaß aber gar nicht, beklagt Künstlerin Stefanie Kinsky.

Die DDR-Telefonate sollten klarmachen, was es bedeutet, abgehört zu werden, sagt Kinsky. Bewusst habe man auch scheinbar banale Alltagsgespräche ausgewählt. „Es zeigt uns, dass Überwachung nicht bei politischen Themen Stopp macht. Wir haben bei der Recherche gemerkt, dass wirklich alles hemmungslos aufgezeichnet wurde.“

Laut einer Analyse des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk von der Stasi-Unterlagen-Behörde war die Stasi Ende der 1980er Jahre in der Lage, 4 000 DDR-Telefonanschlüsse gleichzeitig zu kontrollieren. Eine flächendeckende Überwachung von Privattelefonen sei aber nicht möglich gewesen. Der Grund: Nur 16 Prozent der Privathaushalte verfügten laut Kowalczuk über einen Telefonanschluss. (dpa)

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