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Freitag, 17.02.2017

Mir gefällt, dass ich Fremder bin

Der türkische Regisseur Nurkan Erpulat feiert in Berlin Erfolge. Den Roman „Hiob“ bringt er in Dresden auf die Bühne.

Nurkan Erpulat hat von Dresden hauptsächlich die Neustadt kennengelernt. Von der Theaterwohnung pendelt der 42-Jährige ins Kleine Haus, wo seine neue Inszenierung herauskommt.
Nurkan Erpulat hat von Dresden hauptsächlich die Neustadt kennengelernt. Von der Theaterwohnung pendelt der 42-Jährige ins Kleine Haus, wo seine neue Inszenierung herauskommt.

© Ronald Bonß

Ein Mann aus Galizien lässt seinen schwerbehinderten Sohn in der Heimat zurück, um in Amerika neu anzufangen. Doch statt Lebensglück trifft ihn eine Reihe von Schicksalsschlägen, der Zorn Gottes. Die Geschichte des Juden Mendel Singer erzählt der Schriftsteller Joseph Roth in seinem Roman „Hiob“ aus dem Jahr 1930. Ein Theaterstück nach dem Buch hat am Samstag am Staatsschauspiel Dresden Premiere – inszeniert von einem Mann, der selbst seine Heimat verließ.

Nurkan Erpulat, geboren 1974 in Ankara, kam mit Mitte zwanzig nach Berlin und wurde einer der ersten türkischen Regiestudenten in Deutschland. Bekannt machte ihn 2011 „Verrücktes Blut“, ein brutal-komisches Stück über den Zusammenprall der Kulturen, eingeladen zum wichtigen Berliner Theatertreffen und gefeiert als Überraschungshit der Saison.

Ihre Theaterabende haben oft mit Ihren eigenen Erfahrungen zu tun, etwa, wenn es um die Türkei geht oder um Männer, die Männer begehren. Wie viel Nurkan Erpulat steckt in „Hiob“?

In jeder meiner Inszenierungen steckt ziemlich viel Nurkan Erpulat. Aber auch bei einem selbst entwickelten Stück wie „Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke?“ geht es nicht um meine Bettgeschichten, sondern um doppelte Minderheiten und wie die Mehrheit damit umgeht. Die Öffentlichkeit ist daran sehr interessiert. Ich bekomme Aufträge, über Flucht und Migration zu reflektieren. Die Themen haben auf deutschen Bühnen gefehlt. Man hat jahrzehntelang so getan, als ob Ausländer nicht da wären. Mir geht es um eine Übersetzung für das heutige Deutschland. Deshalb gibt es in meinen Inszenierungen den einen oder anderen Türken.

Wie ist es jetzt bei „Hiob“?

Wie in allen meinen Inszenierungen mache ich mir den Text zu eigen, gemeinsam mit den Schauspielern. Ich komme zwar aus der alten Schule, dass ich den Text bediene, aber nicht Wort für Wort. Ich versuche, den Kern zu greifen und neu, heutig zu denken mit meiner Weltanschauung – auch bei „Hiob“. Automatisch lese ich darin bestimmte Dinge, die man bis jetzt darin vielleicht nicht gelesen hat.

Ein Beispiel, bitte.

Im Roman wird nur knapp erwähnt, welche Schwierigkeiten einer der Söhne zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei seiner Flucht nach Amerika hat. Er erzählt in einem Brief, wie er an die Grenze kam, sich auf den Boden legen musste, es Schüsse gab. Als ich das gelesen habe, dachte ich mir: Gott, in hundert Jahren hat sich nichts geändert. Gerade in der jetzigen Situation kommen mir da Tausende Bilder, weil die Themen Festung Europa und Festung Amerika so präsent sind. Würde ich das überspringen, hätte ich meine Arbeit nicht gut gemacht.

Der Roman erzählt von starker Liebe zu Gott und starkem Leiden an Gott. Können Sie mit dieser flammenden Religiosität etwas anfangen?

Kann ich. Aber ich sehe es nicht rein religiös. Ich sehe die jüdische Hauptfigur Mendel Singer als Mann mit Prinzipien, die für andere teils unverständlich sind. Zum Beispiel gibt er seinen kranken Sohn nicht in ein Krankenhaus, weil er dort Schweinefleisch essen müsste. Seine Regel ist, immer zu sagen: Ich bleibe, wo ich bin, und mache nur das, was Gott für mich vorsieht. Auch da sehe ich klare Parallelen, wenn ich heute mit Syrern spreche. Viele Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, hängen genauso an einem Gott wie Mendel Singer. Seine Sturheit kann ich gut verstehen.

Was sagen Ihre türkischen Freunde und Bekannten dazu, dass Sie ein Stück über Juden inszenieren?

Uff, die hab ich gar nicht gefragt. Ich selber empfinde kulturelle Nähe. Ich bin nicht gläubig, aber in einem muslimischen Land aufgewachsen mit dieser Tradition. Islam und Judentum haben mehr Gemeinsamkeiten als Islam und Christentum. Wenn da Fragen von Schauspielern kommen, kann ich relativ schnell antworten, weil ich die Parallelen genau sehe. Es gibt fast die gleichen Regeln, zum Beispiel was Almosen angeht oder den Umgang mit Familie und Geschlechtern.

Die Hauptfigur Mendel Singer wandert mit trüben Vorahnungen von Galizien nach New York aus. Mit welchen Gefühlen kamen Sie 1999 nach Deutschland?

Mit einer positiven Aufregung. Ich wollte Regie studieren, aber nicht in der Türkei, weil mich dort diese ganze Monokultur geärgert und krank gemacht hat. Ich wollte andere Länder, andere Kunst, ein anderes Theaterverständnis kennenlernen. Deswegen bin ich nach Deutschland gekommen. Die ersten zwei, drei Jahre waren hart. Ich konnte kein Deutsch und hatte kaum Geld. Mit Putzjobs habe ich meinen Deutschkurs finanziert, was ich nicht problematisch fand. Ich habe schnell Leute gefunden, die mich unterstützt, mir ein Zimmer gegeben haben.

Sie werden als Beispiel für gelungene Integration gehandelt und haben sich manchmal darüber beschwert. Warum? Weil ich es problematisch finde, dass man von guten und bösen Migranten redet. Es ist doch so: Die Mehrheitsgesellschaft gibt den Ton an. Es liegt an ihr, die Voraussetzungen zu schaffen, damit Migranten erfolgreich sein können. Darum geht es, und nicht um Erfolgskanaken. Außerdem bin ich nicht integriert – ich arbeite hier und morgen woanders. Ich bin auch nicht Deutsch-Türke. Ich bin tatsächlich Ausländer, und das ist auch okay so. Mir gefällt, dass ich Fremder bin.

Warum?

Weil ich Mehrheiten problematisch finde, egal, welche. Egal, ob Türken oder Deutsche. Auch in einer Schwulenmehrheit fühle ich mich total unwohl. Bei Massen fühle ich mich nicht zugehörig.

Wo fühlen Sie sich dann zugehörig?

Zu meiner Wohnung. Es gibt auch immer wieder andere Sachen, zu denen ich mich zugehörig fühle. Aber wenn ich zu viel Harmonie gefunden habe, dann suche ich das Gegenteil.

Sie sind Regisseur am Berliner Maxim-Gorki-Theater, bekannt für Schauspieler aus verschiedenen Kulturen. Am Staatsschauspiel Dresden haben die meisten eine rein deutsche Biografie. Unterscheidet sich das in der Arbeit?

Erst mal gar nicht, weil die Schauspieler hier auch sehr offen sind. Aber sie sind mit sehr viel Respekt an „Hiob“ und das Thema jüdische Kultur herangegangen. Da hat die Anwesenheit des jüdischen Musikers Daniel Kahn und von mir positiv gewirkt, weil wir viel lockerer damit umgehen. Falsche Ehrfurcht ist nicht gut. Gerade im Theater müssen wir alles thematisieren können. Was ich gut finde hier in Dresden ist, dass das Theater mit Bürgerbühne und Montagscafé versucht, sich allen Menschen zu öffnen. Da hat Deutschland insgesamt ein Defizit: Die Vielfalt, die man auf der Straße sieht, findet man nicht auf der Bühne wieder. Die Schauspielhäuser sollten sich interkulturell noch viel mehr öffnen.

Das mehrfach ausgezeichnete GorkiModell strahlt nicht aus ins Land?

Das strahlt aus, aber sehr langsam. Ich höre noch sehr oft solche Sätze wie: Das kann man in Berlin machen, aber bei uns nicht. Ich erinnere mich an eine türkische Freundin, die erfolgreich die staatliche Schauspielschule absolviert hatte. Sie durfte beim Vorsprechen am Theater nicht mal ihre Rollen zeigen, weil sie ,sch‘ statt ,ch‘ gesagt hatte. Sie wurde rausgeschickt mit der Ansage: Unsere Bühnen sind immer noch blond. Wenn ich so was höre, macht mich das wütend. Das ist Quatsch, weil jeder Vierte in dieser Gesellschaft einen Migrationshintergrund hat. Die interkulturelle Öffnung wird nie ganz klappen, wenn sie nur auf Freiwilligkeit beruht. Sondern nur, wenn man das per Gesetz regelt, so wie mit der Frauenquote.

Sie waren vorigen Juli in der Türkei, als das Militär putschen wollte. Wie erleben Sie Ihr Heimatland heute?

Ich habe einen total negativen Eindruck von dem Land. Es ist sehr schrecklich, was da gerade passiert. Als Künstler kann man dort nicht mehr frei arbeiten.

Können Sie sich trotzdem vorstellen, wieder in der Türkei zu inszenieren?

Doch, gerade jetzt sehne ich mich danach. Für mich ist Theater politisch. Deshalb denke ich, gerade heute muss ich in der Türkei Theater machen. Man bewegt sich oft nicht frei, aber dadurch kreativer. Wenn man einem Schauspieler sagt: Geh auf die Bühne und mach, was du möchtest, dann wird der gar nichts machen können. Aber wenn man sagt: Beweg dich nur auf diesem dünnen Faden und erzähl mal von deiner Kindheit – dann wird es Kunst. Ich habe schon Ideen für ein mobiles Projekt, das sich nicht so schnell verbieten lässt.

Das Gespräch führte Rafael Barth.

Premiere von „Hiob“ am 18. Februar um 19.30 Uhr im Kleinen Haus Dresden. Kartentel. 0351 4913555