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Dienstag, 10.01.2017

Merkel-Zweifler auf Kurs gebracht?

Der jüngste Frankfurter „Tatort“ sorgt für hitzige Debatten. Frustrierte Zuschauer machen sich im Netz Luft und wittern Propaganda pro Flüchtlinge.

Von Tobias Hoeflich

Kommissar Paul Brix, gespielt von Wolfram Koch, nimmt im „Tatort“ den Senegalesen John Aliou (Warsama Guled) in die Mangel. Zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird.
Kommissar Paul Brix, gespielt von Wolfram Koch, nimmt im „Tatort“ den Senegalesen John Aliou (Warsama Guled) in die Mangel. Zu Unrecht, wie sich später herausstellen wird.

© Hessischer Rundfunk

So wie der „Tatort“ für viele zum sonntäglichen Pflichtprogramm gehört, folgt am Morgen danach die Auswertung. Auf Facebook bittet das Erste stets darum, den Krimi von Note 1 bis 6 zu bewerten. Nach dem jüngsten Mord zum Sonntag verzichtete der Sender auf die gewohnte Umfrage. Vielleicht, weil das Ergebnis absehbar schlecht ausfallen würde?

Die Geschichte des Falls „Land in dieser Zeit“ ist schnell erzählt: Die Frankfurter Kommissare Brix und Janneke ermitteln nach einem Brandanschlag auf einen Friseursalon. Verdächtigt wird zunächst der dunkelhäutige John Aliou, Asylbewerber aus dem Senegal. Er landet in Untersuchungshaft – zu Unrecht. Wie sich herausstellt, haben zwei blondsträhnige, bieder gekleidete Neurechte, die in ihrer Freizeit deutsche Volkslieder im Chor trällern, Gehilfin Vera zum Anschlag angestiftet. Die verkehrt in abgeranzten Klubs, wo man grölend mit „Heil Hitler“ anstoßen kann, ohne Aufsehen zu erregen.

Kommissarin Anna Janneke hat freilich kein Verständnis für Veras Ansichten: „Mensch, die Hautfarbe und die Nationalität hat doch gar nichts mit Gut und Böse zu tun!“, raunzt sie die Irrgeleitete belehrend an. In einem Nebenstrang wird noch völlig unvermittelt und zusammenhangslos eine Kopftuchträgerin von drei stämmigen Burschen niedergestreckt.

Nun findet sich der Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen oft auch im „Tatort“ wieder, indem gesellschaftspolitische Themen aufgegriffen werden. Für viele Zuschauer war das beim Frankfurter Fall offenbar zu viel. Kaum lief der Abspann des Krimis, schrieben sich Tausende Facebook-Nutzer den Frust von der Seele. „Schon wieder ein Flüchtlingsthema, ich kann’s nicht mehr sehen!“, klagte als beliebtester Kommentar ganz oben auf der Beschwerdeliste.

Neben dem Dauerthema Asyl ärgerten sich etliche Zuschauer auch über die Charaktere. Guter Flüchtling, böser Deutscher? „Wieder einmal ein verzweifelter Versuch des Staatsfernsehens, den einen oder anderen Merkelzweifler auf Kurs zu bringen“, wetterte ein Kommentator. Andere ätzten gegen „propagandistische Indoktrination“ und „ewig einseitige politische Themen“. Ein weiterer Kommentator spottete mit Blick auf die DDR-Geschichte, dass wohl das Ministerium für Volksbildung den „Tatort“ beauftragt habe.

In der Presse fiel das Urteil differenzierter aus. So fanden sich auch lobende Töne, etwa in der Abendzeitung aus München: „Die Ermittlungen im rechten Milieu werden durchaus realistisch, aber ohne Fingerzeig dargestellt.“ Völlig anders schätzte dagegen die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Krimi ein und sagte bereits negative Reaktionen voraus: „Vermutlich wird man dem Film Naivität oder gar politische Korrektheit vorhalten.“ Die Kommissare hätten eine „Wir schaffen das nur dann nicht, wenn wir es nicht schaffen wollen“-Stellungnahme vortanzen müssen.

Die Verantwortlichen im Ersten beteuerten sogleich, sich der Kritik stellen zu wollen. Aus Zeitgründen müssten Themen „dramaturgisch vereinfacht und teilweise überhöht dargestellt werden“, sagt Lili Kobbe vom Hessischen Rundfunk. Die Charaktere stünden selbstverständlich nicht stellvertretend für alle Deutschen. Da der „Tatort“ gesellschaftliche Strömungen aufgreife, habe man sich für die Themen Asyl und Neue Rechte entschieden.

Doch es droht neuer Sonntagsfrust. Im nächsten „Tatort“ ermitteln die Kölner Kommissare im Milieu der selbst ernannten Bürgerwehren. Wieder gibt es einen Toten zu beklagen. Diesmal mit einem Nordafrikaner als Tatverdächtigen.