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Freitag, 11.03.2016

Mein Stil ist kritzeln

Von Geburt ein Unglücksmensch und ein sanfter Anarchist voll Humor: Janosch wird 85.

Von Karin Großmann

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Von der Kindheitshölle ins Paradies: Mit Bär und Tiger feiert Janosch an diesem Freitag seinen 85. Geburtstag. Am 17. März, 18 Uhr, ist er im Leipziger Theater Fact Gast der Buchmesse.
Von der Kindheitshölle ins Paradies: Mit Bär und Tiger feiert Janosch an diesem Freitag seinen 85. Geburtstag. Am 17. März, 18 Uhr, ist er im Leipziger Theater Fact Gast der Buchmesse.

© dpa

  • Von der Kindheitshölle ins Paradies: Mit Bär und Tiger feiert Janosch an diesem Freitag seinen 85. Geburtstag. Am 17. März, 18 Uhr, ist er im Leipziger Theater Fact Gast der Buchmesse.
    Von der Kindheitshölle ins Paradies: Mit Bär und Tiger feiert Janosch an diesem Freitag seinen 85. Geburtstag. Am 17. März, 18 Uhr, ist er im Leipziger Theater Fact Gast der Buchmesse.
  • Jeder kennt sie: Janoschs Markenzeichen ist die Tigerente.
    Jeder kennt sie: Janoschs Markenzeichen ist die Tigerente.

Könnten Enten ihre Federn wählen, würden sie sich für schwarz-gelbe Streifen entscheiden. Die Tigerente gehört zu den außerordentlichsten Kreationen von Janosch: eine kleine, süße humanistische Konstante im mitteleuropäischen Kinderzimmer. Trotz Stoiber. Edmund Stoiber amtierte noch als Ministerpräsident in Bayern, als er forderte, man dürfe nicht zulassen, dass Janosch „Zugang zu unseren Kinderzimmern erlangt“. Grund für den Angriff waren antireligiöse Zeichnungen und Kommentare des Künstlers. Der bedankte sich später: Der Ruf eines Ketzers sei ihm sympathisch. „Ich halte die Kirchengeschichte für ein 2 000 Jahre andauerndes Verbrechen.“

Die Streifenente wohnt unterm Bücherdach nicht allein. Sie haust dort mit vielen anderen skurrilen Tieren: mit Günter Kastenfrosch, der von einem grünen Ohr zum anderen grinst, mit Tante Gans und Papa Löwe, mit Walross Antje, der Fiedelgrille Mariechen und mit diesem reizenden Mäusepaar, das sich häuslich eingerichtet hat in einer gemütlichen Kaffeekanne. Toller Einfall. Herr Mauser wünscht sich einen Sohn, der ihm beim Sägen hilft, oder noch besser: zwei Söhne. Dann könnten beide zusammen sägen, und er hätte frei. Frau Maus wünscht sich eine Tochter, die beim Nähen hilft. Darüber kommt es zum Krach und also nicht zum Kind. Nach der Versöhnung werden Sohn und Tochter geboren, Löwenzahn und Seidenpfote – doch die Erwartungen erfüllen sich gar nicht. Das Mädchen entwickelt sich zum raufenden Raubein, der Junge zum zarten Schlaumeier. Beide handeln sie nach dem Spruch: Edel sei die Maus, hilfreich und gut.

Kaum zu glauben, dass es schon dreißig Jahre her ist, dass Janosch das gängige Rollenmuster kippte. Seitdem hat sich die Welt nicht allzu schnell weitergedreht. Sie könnte so schön sein, zeigt er in seinen Büchern – wenn nur die Menschen nicht wären. Den einzigen Menschen, den er in seiner Nähe duldet, ist seine Ehefrau Ines. Wenn man den Erzählungen glaubt, schaukelt sie ihn auf Teneriffa ausdauernd in der Hängematte. Manchmal kocht sie ihm etwas Feines, zum Beispiel Borschtsch. Sonst aber, meint er, sieht die Menschheit von oben aus wie ein Schimmelpilz, der die Erde mehr und mehr überwuchert, auffrisst und zerstört. „Eine kosmische Infektion dieses Planeten.“

Nur für kleine Bären, Tiger und gestreifte Holzenten scheint es das Paradies vor der Haustür zu geben. Panama heißt es im bekanntesten Buch des Meisters. Die Regierung dort hat ihm aus lauter Begeisterung den höchsten Orden verliehen, den sie haben. Janosch behauptet, er habe ihn zu seinen Karnevalsorden gelegt. Dass der Panama-Film ein Flop wurde, ändert nichts an der schlichtschönen Botschaft des Klassikers: Ein Freund, ein guter Freund ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Janosch vergräbt viele Ratschläge für Kinder in seine Bücher: Haltet zusammen, wehrt euch gegen dumme Erwachsene, glaubt nicht alles, was sie euch sagen, redet miteinander nach einem Streit, setzt euch ein für Gerechtigkeit … Oder: „Nur Glücklichsein macht glücklich.“ Das verbreitet er in Text und Bild.

Das rettende Medikament

Janosch ist eine doppelte Doppelbegabung: Er kann schreiben und zeichnen, und er amüsiert damit Kinder und Große. Schnell noch die Zahlen dazu: über 200 Titel, in rund 40 Sprachen übersetzt, darunter sieben Romane und zwei Theaterstücke. Damit könnte einer sein Auskommen haben, wenn er nicht täglich in Champagner badet oder in Grubenschnaps. Der Schnaps würde zu Janoschs Herkunft passen.

Am 11. März vor 85 Jahren wurde er als Horst Eckert in der oberschlesischen Kohlestadt Zabrze geboren, Hindenburg hieß sie damals. Das Haus aus roten Backsteinen steht noch. Janosch hat es erzählt: Wie er dort aufwuchs mit einem Vater, der meistens brüllte oder lallte: Ich schlag euch alle tot. Wie die katholische Kirche seine Fantasie befeuerte mit Höllenqualen und furchtbarer Angst vor einem strafenden Gott. Wie ihm die Hitlerjugend den Rest gab. „Von Geburt bin ich ein Unglücksmensch.“ Das Medikament dagegen hat Janosch sich später selbst verordnet: lachen. Er beherrscht alle Tonarten zwischen Humor, Sarkasmus und Ulk, Selbstironie und Nonsens. Proben davon gibt er jede Woche im Zeit-Magazin mit seiner Spielfigur, einem dicklichen, schnurrbärtigen Herrn Wondrak. Prima Tigerhose übrigens.

Großzügig wird die schwarze Kontur mit Farbe gefüllt, davon kriegt auch der Hintergrund gleich was mit ab. „Ich verändere meinen Stil, wenn möglich, jede Woche“, behauptet Janosch. „Mein Stil ist kritzeln.“ Er begann damit in den Siebzigerjahren, mit Parodien auf die Jugendstil-Salome von Beardsley und mit kühlen Karikaturen für die Erzählungen von Marquis de Sade.

Da war er noch nicht der Lebenskünstler, der am liebsten alles vermeidet, was nach Arbeit und Ärger riecht, nach Verwandtschaft und Obrigkeit. Da predigte er noch nicht das Glück im Kleinen. Da war ihm viel Geld sehr wichtig. „Sie haben schon wieder einen Starfighter finanziert!“, raunzte er seinen Verleger an, wenn der den Scheck für die Umsatzsteuer unterschrieb. Steuerzahlung empfand der Künstler als Zumutung. Unakzeptabel für einen Mann mit einem Hang zur Anarchie.

Am Ende hatte er es mit bis zu zwanzig Verlagen zu tun, mit Galeristen, Marketingleuten, Aktienhändlern und Agenturen. Er spielte Konkurrenten gegeneinander aus, verkaufte Rechte an den Figuren, die er längst verkauft hatte, und geriet in immer neue Turbulenzen.

Seine Flucht nach Teneriffa änderte nichts an dem Dilemma. Das Imperium wuchert ohne ihn weiter, auch wenn schon lange keine neuen Kindergeschichten erschienen sind. „Seitdem Alkohol für mich als Betäubung wegfällt, entsteht kein gutes Janosch-Buch mehr.“ Das zittrige Kritzeln sieht nur so aus, als stünde ein Ginglas auf dem Schreibtisch.

Aus Kunst wird Kommerz

Der Name Janosch bleibt eine Marke, jeder Leberwurstzipfel schmückt sich damit. Die berühmten Figuren hocken auf Badehandtüchern und Brotdosen, Wärmflaschen und Anti-Rutsch-Socken, kein Kinderteller ist davor sicher. Ein Frosch unterm Möhrenbrei wirkt Wunder. So verwandelt sich Kunst in Kitsch und Kommerz. Die Janosch Film und Medien AG vermarktet die Geschichten rundum. Der Verlag Little Tiger ist zuständig für Papierwaren. „Zufrieden oder nicht zufrieden, dem Meister stellt sich die Frage gar nicht“, raunt Janosch und widmet sich seiner nächsten Yogaübung.

Nur wenn es um die Tigerente geht, verlässt ihn seine Gelassenheit. Er kann die Figur nicht ausstehen. Sobald er etwas malt ohne schwarz-gelbe Streifen, maulen die Kunden. Der Verleger von Janosch versichert: Der Künstler kann auch sehr geschickt Enten braten.