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Donnerstag, 27.07.2017

Maulaffen feilhalten, Wäsche waschen, Nägel ankleben!

1 000 Jahre Geschichte, Krisen, Kriege: Die elfte Dresdner Ostrale macht die Kunst zum Vermittler und lässt sich von zwei Bildhauern einklammern.

Von Birgit Grimm

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Der 80-jährige Dresdner Bildhauer Peter Makolies formte Feldsteine zu Schädeln, die auf dem Heuboden der Ostrale präsentiert werden wie in einem archäologischen Museum.
Der 80-jährige Dresdner Bildhauer Peter Makolies formte Feldsteine zu Schädeln, die auf dem Heuboden der Ostrale präsentiert werden wie in einem archäologischen Museum.

© Ronald Bonß

  • Der 80-jährige Dresdner Bildhauer Peter Makolies formte Feldsteine zu Schädeln, die auf dem Heuboden der Ostrale präsentiert werden wie in einem archäologischen Museum.
    Der 80-jährige Dresdner Bildhauer Peter Makolies formte Feldsteine zu Schädeln, die auf dem Heuboden der Ostrale präsentiert werden wie in einem archäologischen Museum.
  • Der rote Faden auf dem Fußboden ist kein Kunstwerk, sondern der „Leitfaden“ einer Audioguide-App für Blinde und Sehschwache. Die roten Fäden dagegen gehören zur Installation „Fahne hoch“ von Frenzy Höhne.
    Der rote Faden auf dem Fußboden ist kein Kunstwerk, sondern der „Leitfaden“ einer Audioguide-App für Blinde und Sehschwache. Die roten Fäden dagegen gehören zur Installation „Fahne hoch“ von Frenzy Höhne.
  • Die Ostrale ist keine Verkaufsausstellung. Und so entwickelte der Bildhauer Matthias Jackisch vor Ort und für den Ort ein bedeutungsschweres Floß aus Baumstämmen, Holzwolle und Gips in einen der Futterställe.
    Die Ostrale ist keine Verkaufsausstellung. Und so entwickelte der Bildhauer Matthias Jackisch vor Ort und für den Ort ein bedeutungsschweres Floß aus Baumstämmen, Holzwolle und Gips in einen der Futterställe.

Matthias Jackisch hat seinen Heimvorteil genutzt und eine Installation gebaut, die hier und jetzt genau richtig steht, denn es geht um das Hier und Jetzt. Im letzten der Futterställe, Tor 16, noch hinter den Brombeersträuchern, schwebt ein Floß wie ein Geisterschiff. Verloren im Ozean. Sind die Menschen, die darauf liegen noch am Leben? Eine Figur steht schräg. Stürzt sie im nächsten Moment ins Meer? Wird sie gehalten? Will sie sich überhaupt halten lassen? Am lebendigsten wirken die Tiere, Katze und Hund sowie das Kind, das neben seiner Mutter sitzt und seine Hand unter ihren Kopf schiebt. Zwei der Baumstämme, aus denen Jackisch das Floß konstruiert hat, haben noch mal ausgetrieben. Jetzt lassen sie die Blätter hängen in diesem gräulichen Bild der sich auflösenden, versinkenden, ineinander verwobenen und doch vereinzelten Leiber aus Holzwolle und Gips. Das Schicksal hat diese Menschen auf dem Floß zusammengepfercht. Eine Gemeinschaft sind sie nicht.

Sächsische Urgesteine

Egoismus und Machtgier, Klimakatastrophen und Kriege führten und führen dazu, dass Menschen sich immer wieder auf gefährliche Reisen begeben. Respekt, Empathie, Aufmerksamkeit, Mitgefühl bleiben mitunter auf der (Flucht-) Strecke und sind in der Fremde nicht garantiert. Mit diesen schwierigen Themen – man könnte auch sagen: mit der Realität – befassen sich die 164 Teilnehmer der 11. Ostrale. Sie kommen aus aller Welt, Schwerpunkt Osten. Viele hiesige Künstler oder solche, die in Dresden oder Leipzig studierten, sind dabei: Deren Spektrum ist groß. Es beginnt bei den gekonnt minimalistischen Tuschezeichnungen von Melanie Kramer und hört bei der raumgreifenden Installation „Aqua alta(r)“ des Fotografen Thomas Kretschel, der auch für die Sächsische Zeitung arbeitet, noch lange nicht auf. Kongenial gerahmt wird die Schau von zwei Bildhauern unterschiedlicher Generationen. Jeder ein sächsisches Urgestein. Eingangs erwähnter Jackisch, Jahrgang 1958, zeigt sein „Floß“ am unteren Ende der Futterställe. Am anderen, dem oberen Ende der Heuböden, sieht man Köpfe von Peter Makolies, Jahrgang 1936. Makolies hat Feldsteine zu Schädeln gemacht, ohne ihr natürliches Gewachsensein komplett zu schleifen. In Reih und Glied stehen sie da, fast museal ausgeleuchtet in schwarzer Vitrine.

„Re-form“ ist das Leitthema der 11. Ostrale, die sich jedes Jahr neu erfindet und nun komplett reformiert, indem sie zur Biennale wird und erst 2019 in Dresden ihren nächsten Auftritt hat. Wo und wann genau, ist noch offen. 2018 ist die Ostrale zu Gast in Valetta, Hauptstadt von Malta und Kulturhauptstadt Europas 2018.

Die aktuelle Ausstellung ist in sechs Kapitel gegliedert, die schlappe 1 000 Jahre (Kunst-)Geschichte abbilden wollen. Davon führen aber nur 500 in die Vergangenheit. Während sich der Ausblick in die Zukunft nur schwer erschließt, ist ziemlich bald klar: Wer in diesem Jahr Reform sagt, muss wohl auch Reformation sagen. Egal, ob das im Lutherjahr noch jemand hören mag.

Künstler wie Ekkehard Tischendorf und Katerina Belkina setzen sich mit Leonardo da Vinci, mit Gustav Klimt und Egon Schiele auseinander und malen berühmte Bilder auf ihre Weise. Aber was bringt uns das, wenn wir wissen, wer wen verehrt? Die Originale sind unschlagbar und unverzichtbar. Berechtigt könnte man also fragen: Fällt diesen Malern nichts Eigenes ein?

Serge Feeleenger aus Weißrussland zeigt, welch ein Pinsel-Virtuose er ist. Und für alle, die die altmeisterlich fein gemalten Granatäpfel neben und über dem Notenblatt der „Symphony Of Attraction“ nicht genug würdigen oder die Fingerfertigkeit des Künstlers am Gemälde nicht erkennen, hat er einen Film gedreht: „Symphony of Gravity“. Darin sieht man, wie er dieses Bild malte: mit zehn Pinseln gleichzeitig, an jedem Finger einen. Vibrationen, flotte Drehungen, die Pinsel tanzen zur Musik, die der Künstler vorgibt. So viel Selbstdarstellung darf sein. Vielleicht hilft er damit all jenen auf die Sprünge, die lernen wollen, Kunst zu verstehen.

Gute Nachrichten für Kunstfreunde, die tatsächlich nicht oder nur eingeschränkt sehen können, brachte Jan Blüher von der Firma visorApps mit zur Pressekonferenz: Er hat einen Audioguide für Smartphones, iPhones und Tablets entwickelt, mit dem Sehbehinderte und Blinde entlang eines „roten Fadens“ auf dem Boden der Ausstellung von Kunstwerk zu Kunstwerk geleitet werden. 27 Kunstwerke der Ostrale werden in der App detailliert beschrieben, und einige davon dürfen sogar angefasst werden. Handschuhe liegen bereit. Die App hat Zukunft: „Wir wollen eine App in leichter Sprache, eine in Gebärdensprache und künftig auch eine für alle Kunstwerke entwickeln“, kündigt er an.

Einige Künstler arbeiten mit Schrift, wobei arabische Schriftzeichen ja hierzulande eher in ihrer grafischen Wirkung wahrgenommen werden. Der Deutsche Corwin von Kuhwede illustriert in seiner Fotografie „Pin it girl“ das Verlorensein in der Informationsflut. Eine Dame im roten Kostüm schreibt einen Zettel an einer hoffnungslos überfüllten Zettelwand. Neben der Schreibhand steht in Versalien: „Ich will nicht mehr“. Der Satz lässt sich prima fortsetzen mit anderen Noitzen auf der Wand: Maulaffen feilhalten. Wäsche waschen. Nägel ankleben. Aber auch: Griechenland Geld leihen. Corwins Fehler kaschieren. Das Wort „Ostrale“ war dort nicht zu entdecken. So soll es sein!

11. Ostrale Biennale „re-form“
Vom 29. Juli bis 1. Oktober in Dresden, Messering 9.
Geöffnet dienstags bis donnerstags 10 bis 19 Uhr, freitags bis sonntags 11 bis 20 Uhr.
Eröffnung Freitag, 18 Uhr in Halle 4 der Messe Dresden.
Eintritt: 15/10 Euro; Familienticket 30/25 Euro. Bei Bezahlung mit der SparkassenCard ein Euro Rabatt.