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Freitag, 25.07.2014

Maschinen reden mit

Von wegen Denglisch und Kiezdeutsch – ein Dresdner Wissenschaftler weiß, was unsere Sprache wirklich verändert.

Von Dominique Bielmeier

Das Mikrofon ist das Symbol für Siri, eine Spracherkennungssoftware, die Apple-Produkte wie das iPhone zu persönlichen Assistenten machen soll.
Das Mikrofon ist das Symbol für Siri, eine Spracherkennungssoftware, die Apple-Produkte wie das iPhone zu persönlichen Assistenten machen soll.

© dpa

Wie isn dem Deutsch seine Zukunft, weil mich interessiert des, Wallah!? Joachim Scharloth muss ein wenig über diesen Satz schmunzeln, über die Mischung aus Kiezdeutsch und eigentümlicher Grammatik, die heute immer häufiger zu hören ist. Der Professor für angewandte Linguistik an der TU Dresden hat natürlich die Artikel über das Deutsch der Zukunft in der Presse gelesen. Von der Sprache der Migranten – vor allem in den großen Metropolen wie Hamburg und Berlin – soll es beeinflusst sein. Dort benutzen Jugendliche ganz selbstverständlich Begriffe wie das arabische „Wallah“ für „ich schwöre“. Und sogar Professoren sollen inzwischen verkürzt „Ich geh Kino“ sagen, wollen Linguisten festgestellt haben. Und Dialektgrammatiken wie „meine Frau ihre Tasche“ finden sich immer häufiger auch in der Standardsprache.

Sprache entfernt sich vom Menschen

„Zum Teil sieht die Zukunft des Deutschen tatsächlich so aus“, meint Joachim Scharloth. Entwicklungen wie „dem Deutsch seine Zukunft“ oder auch „die Zukunft vom Deutsch“ seien seit Jahren beobachtbar. „Das ist eine ganz langfristige Tendenz germanischer Sprachen insgesamt.“ Der Wegfall von Präpositionen sei dagegen zurzeit nur sehr eingeschränkt möglich, erklärt der Sprachwissenschaftler. „Sie würden ja nie sagen: ,Ich gehe gute Restaurant.‘“

Für Professor Scharloth ist dies jedoch gar nicht die spannende Frage: „Ich glaube, dass die wirklich interessanten Entwicklungen durch die Digitalisierung auf uns zukommen werden – nämlich bei der Mensch-Maschine- und womöglich auch Maschine-Maschine-Kommunikation.“ Viele Texte im Internet seien so geschrieben, dass sie von Suchmaschinen leicht gefunden werden können, zum Beispiel, indem sie sehr viele Schlagwörter enthalten. Manche dieser SEO-Texte (kurz für „search
engine optimization“ – Suchmaschinenoptimierung) seien gar ausschließlich von Computerprogrammen für die Suchmaschine verfasst. „Wir schreiben Computerprogramme, die von Computerprogrammen ausgewertet werden“, so Scharloth. „Die Tendenz, die darin sichtbar wird, ist, dass sich die Sprache immer weiter vom Menschen entfernt. Sie ist also nicht mehr nur menschliches Mittel der Kommunikation, sondern etwas, das Maschinen herstellen und rezipieren.“ Das könne letztendlich sogar auf unsere Sprache zurückwirken.

Denn immer häufiger müssen wir selbst mit der Maschine kommunizieren. „Wenn Sie Ihrem Smartphone sagen wollen, dass es Ihre beste Freundin anrufen soll, können Sie nicht so was formulieren wie ‚Ruf doch mal meine liebste Schatzi an‘. Wir fangen dann an, so zu sprechen, dass die Maschine uns versteht.“ Aus „Ruf doch bitte mal meine liebste Schatzi an“, was man zu einer guten Freundin sagen könnte, wird so vielleicht das kühlere „Rufe Andrea an“. „Wir optimieren unsere Sprache hin auf die Mensch-Maschine-Kommunikation – etwas völlig Neues, das unsere Sprache verändern wird“, ist sich Scharloth sicher.

Technik legt Sprache stärker fest

Entgegen allen Unkenrufen über den Tod der deutschen Hochsprache könnte diese Entwicklung die Regeln unserer heutigen Sprache sogar festigen. „Wenn ich ein System baue, das gut kommunizieren und verstanden werden soll, dann orientiere ich mich an den Regeln, die die Sprache jetzt hat.“ Denn um einen Text automatisch auszuwerten, muss er standardisiert sein – Fehlschreibungen und falsche Grammatik führen zu Problemen. Eine Vereinfachung des Deutschen sei nicht unbedingt die Folge. „Wir nehmen vielleicht bestimmte grammatikalische Markierungen weg, weil sie überflüssig sind.“ Das könnte zum Beispiel die beiden Vergangenheitsformen treffen, die meist gleich verwendet werden. „Die Tendenz geht generell zu einfacheren Sätzen, zu Aussagesätzen“, meint Sprachforscher Scharloth.

Auch den Wortschatz werde die Technik wohl beeinflussen: „Ich kann mir vorstellen, dass sich Bedeutungen einschränken werden“, so Scharloth. Welche Wörter das genau treffen könnte, mag der Sprachforscher aber nicht prophezeien. „Sprache beim Menschen lebt ja eigentlich davon, dass sie unscharf ist. Unschärfe ist aber etwas, womit solche Systeme sehr viel schwerer umgehen können.“ Ironie oder Zweideutigkeit – dafür haben Computer keinen Sinn. Und auch nicht für die Frustration von Anrufern, die heute noch an sprachgesteuerten Dialogmaschinen scheitern, weil diese sie auch beim zehnten Einsprechen einfach nicht verstehen wollen.

Auch dies – die korrekte Aussprache von Wörtern – könnte durch die Technik zunehmend wichtiger werden. Denn für Scharloth ist Sprachsteuerung die Zukunft. „Man wird sehr oft nicht mehr Face-to-Face kommunizieren, sondern über Bots.“ Bots, das sind automatische Computerprogramme, die Aufgaben für den Anwender übernehmen können, zum Beispiel Termine vergeben. „Es ist meine Hoffnung, dass ich irgendwann einen Bot habe, der automatisch E-Mails beantwortet und Sekretariatsarbeiten übernimmt“, erzählt Scharloth und lacht. Schon heute arbeitet er an einem Computerprogramm, das beim Erstellen von Gutachten hilft. Längst gibt es auch im Alltag Technik, die mit uns kommuniziert – vom Anrufbeantworter über das Smartphone bis zum Navigationsgerät.

Lachend erinnert der Sprachwissenschaftler sich an eine Szene aus einem Star-Trek-Film, der die Crew der Enterprise zurück ins 20. Jahrhundert verschlägt. Dort versucht Scotty, mit einem Computer per Sprachsteuerung zu reden. Als ihm jemand die Maus reicht, hält er sie sich vor den Mund und fragt: „Computer!?“

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