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Donnerstag, 16.02.2017

Mahnmal unter Terrorverdacht

Der Ex-Bürgermeister von Ost-Aleppo bestätigt: Die zivile Stadtverwaltung hat die Bus-Sperre errichtet, die Vorbild für Dresdens umstrittenes „Monument“ am Neumarkt war.

Von Oliver Reinhard

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Brita Hagi Hasan war bis 2016 als gewählter Vertreter der syrischen Opposition Bürgermeister von Ost-Aleppo. Er lebt in Brüssel.
Brita Hagi Hasan war bis 2016 als gewählter Vertreter der syrischen Opposition Bürgermeister von Ost-Aleppo. Er lebt in Brüssel.

© AP

Das Bus-„Monument“ vor der Frauenkirche wird von den Dresdnern mehr und mehr angenommen und mit Blumen und Botschaften geschmückt. Kaum noch jemand spricht davon, das Vorbild – eine Barrikade in Aleppo – könne von der islamistischen Arar-al-Sham-Miliz errichtet worden sein und als Mahnmal des Terrors missdeutet werden. Auch wenn diese Frage für das Werk und dessen Friedensbotschaft völlig irrelevant ist, steht der Verdacht weiter im Raum. Einzige Indizien: ein Foto der Barrikade in Aleppo, gekrönt von einer Arar-al-Sham-Flagge, sowie eine entsprechende Zeugenaussage (SZ vom 9. Februar).

Doch die Hinweise aufs Gegenteil nehmen überhand. Schon vergangene Woche hatte der Fotograf des Bildes der SZ gesagt, die Busse seien nicht von Islamisten, sondern durch den oppositionellen Stadtrat von Ost-Aleppo im Stadtteil Bustan al-Qasr aufgestellt worden. Das bestätigt nun auch der ehemalige Leiter dieser demokratisch gewählten Zivilverwaltung, Brita Hagi Hasan, aus dem Exil in Belgien. „Diese Barrikade ist tatsächlich in Zusammenarbeit des Stadtrates mit dem Rat des Viertels (Bustan al-Qasr) d. Red.) als Schutz von Zivilisten errichtet worden gegen Scharfschützen, die sich in den von Assad-Truppen kontrollierten Gebieten befanden“, so Hagi Hasan gegenüber der SZ.

„Sie wurden gebaut, nachdem mehrere Personen – darunter Frauen und Kinder – von den Scharfschützen getroffen worden waren. Die Barrikaden wurden für diesen Zweck in mehreren Gebieten errichtet, sie bestanden aus Bussen, Erdwällen oder Mauern. Die Flagge von Arar-al-Sham habe ich auf der Sperre in Bustan al-Qasr aber nie gesehen.“

Damit wird es mindestens höchstwahrscheinlich, dass die Milizen die Sperre allenfalls für kurze Zeit benutzt oder aber sie lediglich beflaggt hatten. Dem Vorwurf ans Dresdner Mahnmal, es verherrliche Terroristen, ist damit jedenfalls endgültig jeglicher Boden entzogen.

Übersetzung der Zitate: Yasin al-Hammadi

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. M. Fechner

    So, so, na wenn uns der Ex-'Bürgermeister von Ost-Aleppo', ehemals von sog. "Rebellen" kontrolliert und somit "sicher" völlig unabhängig und neutral, sagt, dass die als Vorbild dienende Barrikade von Aleppo durch die Zivilverwaltung und nicht durch Ahrar ash-Sham errichtet wurde, dann ist das so als Faktum zu glauben, hinzunehmen. Schließlich wurde Herr Hagi Hasan bereits von EU-Offiziellen etc. empfangen, lebt jetzt im Exil in Brüssel. Eine Vertrauensperson also? ... Kein Wort dazu, dass das der in der SZ zitierten Aussage von Karam al-Masri [Almasri] widerspricht. Der hatte angegeben, dabei gewesen zu sein, als Ahrar ash-Sham die als "Mahnmal"-Vorbild dienenden Busse in Aleppo "hochgezogen" hat. Wobei auch er angibt, dies wäre zum Schutz der Zivilbevölkerung von Ost-Aleppo erfolgt. Auch nicht weiter auffällig, dass Herr Hagi Hasan keine Flagge der Ahrar ash-Sham "gesehen haben will". Mir drängt sich da die naheliegende Frage auf: Mein Name ist Hagi, ich weiß von nichts? [...]

  2. M. Fechner

    Fortsetzung v. Teil 1 [...] Für mich ist dieses "Mahnmal" kein "unschuldiges", um dieses Wort mal wieder zu gebrauchen. Die Ursprungs-Barrikade stand eben nicht nur für den Schutz unschuldiger Zivilisten, sondern ist auch Teil der Spaltung und der Aufrechterhaltung des Krieges gewesen. Und als Symbol der Spaltung werden diese als eine Art Triptychon aufgebauten "hohlen Zähne" auch in Dresden verstanden. Es "Mahnmal gegen den Krieg" zu nennen, ist naive Überhöhung. Großes Geschrei um dieses "Kunstwerk" halte ich trotzdem für falsch. Aber keine Kritik zu üben, weil es ja schließlich "gut gemeint" ist und unangemessene, laute Kritik von Rechts kommt [da muss das Gegenteil dann ja "richtig" sein], ist auch nicht richtig. Für kritikwürdig halte ich dabei allgemein, den Gedenktag für den völlig anders gelagerten Bürgerkrieg in Syrien zu "öffnen". Gerade, wo noch Dresdner Opfer und direkte Angehörige leben, kann das als "Andere leiden/starben auch"-Verharmlosung (miss-?)verstanden werden.

  3. Stefan

    Diese ganze Debatte geht in eine sehr merkwürdige Richtung. es geht doch dem Künstler überhaupt nicht darum, die Errichter der Busse zu loben. Verstehen die Pegidas wirklich nicht wie Kunst funktioniert? Es wird mit der Businstallation lediglich ein Ausschnitt aus der dortigen Kriegsrealität gezeigt. Ohne jede Wertung, ohne pro oder contra. Wenn ich eine Installation mache, um der Bombennacht von Dresden zu gedenken? Ist es dann für oder gegen die Bomben? Wenn ich eine Miniatur des Brandenburger Tores verkaufe: bin ich dann pro-SED oder pro-NSDAP, weil entsprechende Parteien da mal ihre Fahnen drauf hatten? Dieses, wer die Busse errichtet hat oder nicht, ist doch nur eine Nebelkerze. Das Thema ist doch ein ganz Anderes: "nämlich ist die Bombennacht in Dresden ein singuläres Ereignis in der Geschichte oder nicht". Der Rest sind Nebendiskussionen, die am Thema vorbeigehen. Zumal der Künstler von Anfang an sagte, er bezieht mit der Installation keine Position. Er will nur reflektieren.

  4. Susi

    @Stefan "Das Thema ist doch ein ganz Anderes: "nämlich ist die Bombennacht in Dresden ein singuläres Ereignis in der Geschichte oder nicht". Der Rest sind Nebendiskussionen, die am Thema vorbeigehen. Zumal der Künstler von Anfang an sagte, er bezieht mit der Installation keine Position. Er will nur reflektieren." Das kann man so sehen wie Sie, wenn man nicht weiter nachdenken will. Man kann diese Installation aber auch für verlogen halten - auch diese Sicht ist legitim. Meines Erachtens hätte diese Installation vor dem Kanzleramt ihre Berechtigung, denn nicht die Dresdner sind es, die dort in Syrien Schuld auf sich laden. Und wenn man den Missbrauch der Ereignisse durch einige wenige Rechtsextreme für falsch hält, dann kann es doch aber nicht der richtige Weg sein, nun Dresden (und damit alle Dresdner - denn Städte können nicht handeln) als "nicht unschuldig" darzustellen. Gibt es wirklich niemanden, der einen angemessenen Umgang (z.B. wie in Hiroshima) hervorbringen kann?

  5. Günther

    Stefan liegt zwar in Sachen Kunst und wie diese verstanden werden soll, völlig richtig. Aber Herr Fechner trifft die eigentliche Problematik auf den Punkt. Erst war es ein reines Zeichen um auf den "Bürgerkrieg" in Syrien aufmerksam zu machen. Sehr schnell kam aber die Frage nach dem "Wer hats in Syrien errichtet?" auf. Sollte es der Wahrheit entsprechen, dass die Busse von Terroristen aufgestellt wurden, kann ich auch gleich eine Flagge des IS in Dresden aufhängen, mit einem Bilderrahmen versehen, geht das sicher als Kunst durch! Anders gesagt: Sobald bekannt geworden ist, dass Terroristen etwas damit zu tun haben könnten (beweisen lässt es sich eh nicht zweifelsfrei, andersrum aber genauso wenig), dann sollte der Künstler sich das auch eingestehen und sagen: "Sorry, ich will Terroristen keine Lobby bieten und lasse die Busse wieder entfernen." Aber nein, es werden zweifelhafte Zeugen, die mittlerweile fein gebettet in Europa leben, gesucht und "befragt". Na dann!

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