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Losgelöst vom Alltag

Zwischen Trauer, Glück und Hoffnung spielt die Dresdner Band Sojus 1, die fünf Jahre im Verborgenen schwebte.

22.09.2016
Von Kai-Uwe Reinhold

 vom Alltag
Über Jahre hinweg kreisten Simon Arnold (l.) und Ralf Müller (r.) mit ihrem Bandprojekt Sojus1 unter dem Radar der Öffentlichkeit.

© PR

Es gibt Ereignisse im Leben, die kaum in Worte zu fassen sind: der Tod eines nahestehenden Menschen oder die Geburt neuen Lebens. Sie berühren bis zur Sprachlosigkeit, weil sie ein zwar banales, aber oft verdrängtes Moment sinnfällig werden lassen: Das menschliche Dasein ist endlich, Glück und Trauer sind stete Begleiter.

In solch einem Moment der Trauer trafen sich Ralf Müller und Simon Arnold. Seinerzeit, als ein gemeinsamer Freund in jungen Jahren verstarb, lernten sie sich kennen. Obwohl sie es damals noch nicht wussten, war es zugleich die Geburtsstunde ihrer Band Sojus 1. Das war 2010.

Lange Zeit blieben sie weit unter dem Radar der Öffentlichkeit. Erst 2015 traten sie aus dem Verborgenen mit der digitalen Veröffentlichung ihres gleichnamigen Albums, das in diesem Jahr auch auf Vinyl erschien – nach nochmaliger Überarbeitung.

Sojus 1 sollte kein Schnellschuss sein, sondern ein ausgereiftes Projekt. Die beiden Dresdner, die schon über Jahre in der Musikszene umtriebig gewesen sind, haben sich dafür Zeit genommen. Zunächst mussten sie sich erst einmal kennenlernen. Immerhin kommen beide aus unterschiedlichen Musikrichtungen. Simon spielte als Schlagzeuger in diversen Jazzbands. Ralf hingegen produzierte elektronische Musik und legte als DJ weltweit auf.

Über 30 Skizzen entwarfen sie im ersten Jahr und näherten die Stile einander an. „Wir merkten, dass sich daraus ein Projekt entwickeln lässt, in dem wir uns selbst verwirklichen konnten“, erzählt Simon. Aber zur Realisierung mussten sie ihre Gewohnheiten ablegen. Vor allem das Leben als freie Musiker, die in zahlreichen Projekten spielen, um damit ihr Geld zu verdienen. Nebenprojekte gaben sie auf. Jeder legte sich einen Job zu, der den Alltag finanziell absicherte. Ralf als Programmierer, Simon als Erzieher. Während viele Künstler den Broterwerb als Last empfinden, war es für Ralf und Simon eine Befreiung. „Es schnürt einfach den Hals zu, wenn man Angst hat, keine Bookings und damit nicht genügend Geld zu bekommen. Einen Teil der Woche gehen wir unserer Arbeit nach. Den anderen Teil widmen wir Sojus 1.“ Diese Aufteilung befreite von Sorgen und öffnete den Raum für Kreativität. Ralf ging sogar noch einen Schritt weiter. Er verkaufte seinen alten Synthesizer, nur um ein teures Bändchenmikrofon für bestimmte Aufnahmen kaufen zu können. Nach weiteren drei Jahren des Tüftelns und des Probens war es dann so weit, dass das Projekt in die Endproduktions- und Veröffentlichungsphase gehen konnte.

Das Ergebnis ist bemerkenswert. Ihr Album verhehlt nicht die musikalischen Ursprünge. Jazz, Elektro, Postrock. Sphärische Klangteppiche, in denen sakrale Töne eingewoben sind, wechseln sich mit leichtfüßigen, leisen Rhythmen ab. Über allen schwebt ein melancholischer Grundton, der nachdenklich, aber nicht traurig macht. Das ist das Besondere. Sojus 1 lässt den Hörer nicht in der Melancholie allein zurück. Auch nicht in dem Song „013“, der dem verstorbenen Freund gewidmet ist. Hier wie auch in den anderen Kompositionen sind existenzielle Emotionen destilliert. Und wo die Trauer liegt, ist letztlich das erhebende Glücksgefühl nicht weit.

Bandinfos: www.sojus1.com Am 29.09., um 19:30 Uhr, spielen Sojus1 in der Dresdner Theaterruine St. Pauli.