sz-online.de | Sachsen im Netz

Linker Antizionismus

Warum lebt der Antizionismus in einer Szene auf, die sich sonst als ach so tolerant versteht?

01.09.2017
Von Werner J. Patzelt

tizionismus
Werner J. Patzelt

© Bonss

Warum lehnen manche Leute „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zwar im Hinblick auf anders Aussehende oder Nicht-Heterosexuelle heftig ab, halten es aber für ganz in Ordnung, israelische Musiker oder Wissenschaftler einfach deshalb zu boykottieren, weil sie eben Israelis sind? Und wie lässt sich verstehen, warum manche zwar lautstark gegen Rassismus auftreten, doch ihren Antizionismus gerade so ausleben wie einst Alltagsnazis ihren Antisemitismus?

Es mag schon so sein, wie es Michael Bittners völlig richtige Skizze vom letzten Freitag nahelegt: Auch manche ihrem Selbstverständnis nach Linke bauen einen Teil ihres Welt- und Politikbildes aus antisemitischen Versatzstücken, die seit dem frühen 19. Jahrhundert reichlich im Umlauf sind. Doch der Blick auf die vor gut zwölf Jahren entstandene Anti-Israel-Bewegung „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) lenkt die analytische Neugier noch auf weitere Zusammenhänge.

Kann es sein, dass der Staat Israel auch deshalb so vielen Linken ein Ärgernis ist, weil er die Leistungsüberlegenheit von Marktwirtschaft und pluralistischer Demokratie in einer Weltgegend beweist, in der weder die dortigen armen noch reichen Staaten ähnliche Lebensqualität für die Masse ihrer Bevölkerung hervorbringen? Weil er auch zeigt, dass Soldatengeist und Demokratie keine Widersprüche sein müssen, ja, militärische Macht gerade zur Sicherung von Freiheit notwendig sein kann? Weil Israel – als Staat zwar nicht nur, doch ganz besonders des jüdischen Volkes – über alle plausiblen Zweifel hinaus nachweist, dass die Kultur eines Landes durchaus mehr umfassen kann als nur eine gemeinsame Sprache sowie Verfassungsgesetze? Oder gar: Weil dieser Staat sich klar als ein – auch, freilich nicht nur – Abstammungsverband versteht, nämlich als mögliche Heimstatt und schlimmstenfalls nötiger Zufluchtsort all jener Menschen, die Juden sind, sein wollen oder gegen ihre Wünsche von anderen vor allem als solche angesehen und verfolgt werden?

Sollte an solchen Vermutungen Substanz sein, so zeigte sich einmal mehr: Beim Antisemitismus und Antizionismus werden jüdische Mitmenschen und ihr besonderer Staat einfach zu Zielscheiben in politisch-ideologischen Kämpfen, die über Rassismus weit hinausgehen, auch wenn sie sich in ihm aufs Widerlichste verdichten.