erweiterte Suche
Freitag, 17.06.2011

Lieber zum Skat als zur Ehefrau

Die neue Biografie Ernst Thälmanns ist eine einzige Beschimpfung.

Von Wolfgang Wippermann

Ist Ernst Thälmann am 30. Januar 1933 zum Vizekanzler im Kabinett Hitler ernannt worden? So fragt man sich erstaunt, liest man die neue Thälmann-Biografie des Journalisten Armin Fuhrer. Schließlich soll Thälmann „einer der Wegbereiter Hitlers und seiner braunen Diktatur“ gewesen sein. Warum das? Weil er die SPD als „faschistisch“ bezeichnet habe und nicht bereit gewesen sei, „die braune Flute gemeinsam mit der SPD und notfalls sogar vereint mit bürgerlichen Kräften zu stoppen“. Zudem habe er den „fundamentalen Unterschied zwischen Bürgertum, Sozialdemokratie und Nationalsozialismus“ verwischt und sich für „Gewaltanwendung“ eingesetzt.

Nun war Thälmann – von 1924 bis 1933 Mitglied des Reichstages und von 1925 bis 1933 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) – tatsächlich ein Anhänger der Sozialfaschismusthese und der Ansicht, dass der „Faschismus“ nicht beginne, „wenn Hitler kommt“, sondern auch „von oben“ zur Macht kommen könne. Doch diese in der Tat falschen Thesen sind keineswegs allein von ihm vertreten worden. Und was die SPD angeht, so war sie auch nicht gewillt, zusammen mit den als „Kozis“ verunglimpften Kommunisten die „Nazis“ zu stoppen. „Gewalt“ wurde keineswegs nur von der KPD, sondern auch von den übrigen Parteien und nicht zuletzt vom Staat eingesetzt.

Viel Vorurteil und Nichtwissen

Schließlich und vor allem ist zu fragen, was all das mit der „Machtergreifung“ Hitlers zu tun haben soll. „Wegbereiter“ Hitlers waren nun wirklich andere. Das sollte Fuhrer eigentlich wissen.

Was er über Thälmann weiß oder zu wissen meint, ist erstens gering und fast samt und sonders aus der Sekundärliteratur abgeschrieben, zweitens uninteressant und extrem vorurteilshaft. Viel Mühe verwendet Fuhrer auf den Nachweis, dass Thälmann nicht aus einer proletarischen, sondern kleinbürgerlichen Familie stammt. Ja, und? Außerdem habe Thälmann „jegliches pazifistisches Gedankengut verabscheut“, einen „Hang zur Männer-Kameradschaft“ gehabt und sich lieber zu „Skat kloppenden Männerrunden“ als zu seiner auch noch dummen Frau begeben. Seine Lage in der elfjährigen Einzelhaft – Thälmann war 1933 von der Gestapo verhaftet und 1944 im KZ Buchenwald ermordet worden – sei „im Vergleich gut“ gewesen. „Weniger prominenten NS-Opfern“ sei es nämlich „erheblich schlechter“ ergangen, schreibt Fuhrer.

So geht es weiter: Die Thälmann-Biografie des ehemaligen „Welt“- und jetzigen „Focus“-Redakteurs Armin Fuhrer ist eine einzige Beschimpfung. Konsequenterweise endet sie mit einer Beschimpfung der in „der Hauptstadt regierenden SPD“, weil diese mit dem immer noch nicht abgerissenen „monumentalen, wenn auch vor Hässlichkeit strotzenden (Thälmann-)Denkmal im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg“ einen „ihrer schlimmsten Feinde ehrt“. Außerdem erscheint es Fuhrer „aus bürgerlich-demokratischer Sicht befremdlich, dass Ernst Thälmann auf dem Gebiet der früheren DDR bis heute mit Hunderten nach ihm benannter Straßen und Plätze geehrt wird“.

Schließlich spricht Armin Fuhrer sich gegen eine Ehrung der kommunistischen „NS-Opfer“ aus. Dies mit folgenden Worten: „Bei allem Respekt vor dem Mut der Männer und Frauen des kommunistischen Widerstandes darf man eben nicht außer Acht lassen, dass ein großer Teil von ihnen in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur tatsächlich nicht für eine demokratische Erneuerung kämpfte, sondern für die Ablösung der alten durch eine neue Diktatur, die ihre menschenverachtende Brutalität schon in den Zwanziger- und Dreißigerjahren in erschreckender Weise in der Sowjetunion, von wo aus sie gesteuert werden soll, unter Beweis stellte.“

So geht es nicht! Doch wie soll es gehen? Richtig und notwendig ist immer noch zweierlei. Einmal eine Dekonstruktion des Thälmann-Kultes, wie er in der DDR tatsächlich betrieben worden ist. Zum anderen eine kritische Thälmann-Biografie jenseits von Verherrlichung und Verdammung. Beides wird von Armin Fuhrer nicht geleistet. Doch soll der Biograf hier nicht das letzte Wort haben, stattdessen der Biografierte. Als ein Redakteur der Hamburger Volks-Zeitung Thälmanns Frau Rosa als geistig beschränkt und politisch uninteressiert dargestellt hatte, wurde er von Thälmann auf Plattdeutsch zurechtgewiesen: „Ich wer di helpn, min Frau inn Dreck to trecken.“ Das passt – auch auf einen anderen Redakteur.

Armin Fuhrer: Ernst Thälmann.

Olzog Verlag, 352Seiten, 26,90 Euro