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Lieber schwierig als schmierig

Mit Schulze, Stumph und Steimle zum Abschied auf der Bühne: Kabarettist Wolfgang Schaller hört auf und macht weiter.

05.10.2017
Von Rainer Kasselt

hwierig als schmierig
Wolfgang Schaller hat an der Dresdner Herkuleskeule über 50 Programme produziert und gibt nun die künstlerische Leitung des Ensembles ab.

© Hans Ludwig Böhme

Siebenundsiebzig und kein bisschen leise. Wolfgang Schaller kann und will nicht anders. Der Wahlerfolg der Gauland & Co. überraschte ihn nicht. „Wer die Unzufriedenheit im Land nicht gesehen hat, braucht einen Blindenhund“, sagt er. Dass Ministerpräsident Tillich den Kurs der CDU nach rechts rücken will, löst bei ihm Kopfschütteln aus. „Wenn Tausende Lehrer und Pflegekräfte fehlen, wenn Dörfer sterben, weil kein Laden, kein Arzt, keine Post mehr zu finden ist, dann muss man nicht nach rechts schielen, sondern Lösungen suchen“, sagt er unter starkem Beifall in der neuen Spielstätte der Herkuleskeule.

Nach langem Zögern, vielen Gesprächen und schweren Herzens hat sich Wolfgang Schaller entschieden, die künstlerische Leitung des Dresdner Kabaretts Herkuleskeule abzugeben. Im SZ-Gespräch sagt er: „Ich gehe mit melancholischem Lächeln. Ich habe ja nicht Leiter gelernt. 33 Jahre ein tolles Ensemble formen und zusammenhalten zu können, in allen Stürmen und mit dem Ehrgeiz, dass die Keule zu den Besten im Lande gehört – darauf blicke ich mit Demut zurück. Das hat aber auch viel Kraft gekostet.“ Schaller ist einer, der immer angeeckt ist, „erst in der Diktatur, jetzt in der Demokratie“, bescheinigte ihm der große Münchner Kabarettist Dieter Hildebrandt. „Aber Schaller ging nicht den leichten Weg des bloßen Spaßmachers, sondern den schweren des politischen Satirikers.“

Spitzen gegen Weiter-so-Politiker

Nicht ohne Hintersinn setzte Wolfgang Schaller die Abschiedsgala „Schaller, Schulze & Gäste: Alles bleibt anders – Schluss mit lustig“ auf den Tag der Deutschen Einheit. Der Kabarettkeller im Kulturpalast ist am Dienstag rappelvoll, das Publikum begeistert und wehmütig zugleich. Handgeschriebene Plakate fordern: „Für Schaller Rente erst mit 100!“, „Gott schütze das Kabarett!“ oder „Schaller for Bundespräsident!“.

Mit seinem Freund Rainer Schulze, dem singenden Buchhändler aus Wernigerode, steht Schaller zum 90. Mal gemeinsam auf der Bühne. Die beiden bestens aufgelegten Querköpfe ergänzen sich prächtig, fallen einander ins Wort und eilen von Pointe zu Pointe. Schulze am Klavier, wie immer mit rotem Halstuch, verkündet mit dem fröhlichsten Gesicht der Welt bitterböse Wahrheiten. Das „Lied vom Lauscher“, in den Achtzigern auf die Stasi gemünzt, verliert in Zeiten flächendeckenden Abhörens nicht an Aktualität.

Schaller, wie stets in Schwarz gehüllt, steht am Mikrofon, er verteilt bissige und witzige Spitzen gegen Weiter-so-Politiker, Hassprediger und Rassisten. Er hat das Pech, an einem 20. April geboren zu sein, wie Hitler. „Ich möchte nicht, dass an diesem Tag irgendwann wieder wie in meiner Kindheit geflaggt wird“, sagt er und fügt hinzu: „Unser Kabarettkeller wird nie ein Führerbunker.“ Prasselnder Applaus.

Die Gästeliste ist erlesen. Wolfgang Stumph, einst mit Figuren wie dem Lausitzer Klomann umjubeltes Mitglied der Herkuleskeule, unterbrach seine Dreharbeiten in Hamburg, um an diesem Abend dabei zu sein. Er fragt: „Haben wir früher anders gelacht? Mir ist bei manchen Texten zum Weinen zumute.“ Stumph spielt eine Szene aus der erfolgreichen ZDF-Reihe „Salto Postale“. Er vermutet, dass sie das Feld mitbereitet haben könnte für die hochpolitische „Anstalt“ des Senders.

Von der Magdeburger Zwickmühle sind Hans-Günther Pölitz und die fabelhafte Marion Bach gekommen. In ihrem Sketch nehmen sie die Verrohung der Sprache, Politikerbeschimpfung und Fake News aufs Korn. Der Dresdner Uwe Steimle bekennt: „Ohne Schaller wäre ich nicht hier.“ Er habe ihn zum Kabarett ermutigt. Steimle, der ein Putin-Versteher-Shirt trägt, hält es für wichtig, anderen zuzuhören, sie nicht vorschnell in eine bestimmte Ecke zu stellen. Steimle erzählt, wie er Schaller tröstete, als der sich beklagte, dass er als schwierig gelte: „Lieber schwierig als schmierig.“

Mitglieder des Ensembles trugen zum Gelingen des dreistündigen, kurzweiligen Abends bei. Ihre Auftritte zählten ebenso zu den Höhepunkten wie das Gastspiel des schwarzhumorigen „Quoten-Wessis“ Till Reiners aus Berlin.

Glücksfälle eines Kabarettlebens

Zu dieser rundum gelungenen Gala gehört die frohe Botschaft: Wolfgang Schaller tritt zwar als Chef zurück, macht aber als Autor und Produzent weiter. Künftig wird ein fünfköpfiger Künstlerischer Rat über die Geschicke der Herkuleskeule bestimmen. Die Leser der Sächsischen Zeitung werden auch weiterhin Schallers Kolumnen im Blatt finden. Er ist froh über die vielen Briefe und Anrufe, in denen ihm Unbekannte ihre Lebensgeschichten und ihre Sorgen erzählen. „Das ist ein gutes Gefühl, für ein paar Menschen wichtig zu sein.“

Schaller weiß, dass er in seiner Arbeit nicht allein ist. „Ich hatte und habe Freunde: Die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Peter Ensikat, die Zeiten mit Dieter Hildebrandt, Gerhard Polt und Werner Schneyder, die damals ein Loch in die Mauer bohrten, damit ich zusammen mit Wolfgang Stumph und Rainer Schulze im Münchner Marstall spielen konnte, das alles ist unvergessen“, sagt Schaller rückblickend. Glücklich ist er, dass es seine Frau Birgit schon 33 Jahre mit ihm privat und als Kollegin ausgehalten hat, dass er im Ensemble mit erfahrenen und neuen jungen Kollegen zusammenarbeiten kann. „Dies alles sind Glücksfälle in meinem Leben.“

Schaller, 1940 in Breslau geboren, hatte am Lehrerinstitut Löbau und in Leipzig am Literaturinstitut studiert, bevor er seine Laufbahn als Lehrer in Görlitz startete. Er unterrichtete an der Annenschule Deutsch und Musik und kümmerte sich vor allem um das Pionierkabarett „Die Paprikaner“, um eine Pantomime-Gruppe und das Jugendkabarett „Die Schrittlacher“. 1970 fing er als Autor und Dramaturg bei der Keule in Dresden an. Nun will er einen neuen Versuch wagen und sagt seinen Kollegen: „Macht ihr mal Revolution. Ich spreche jetzt als Kleinbürger mit meinen Goldfischen im Pillnitzer Gartenteich.“

Wolfgang Schaller hat nicht wenig für die geistige und politische Hygiene Dresdens geleistet. Verwunderlich, dass er noch immer nicht den Kunstpreis der Stadt erhalten hat. Die Bundespolitik ist da gescheiter. 2009 verlieh ihm der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier den „Stern der Satire“.

Schaller & Schulze spielen wieder am 6. 10., 19.30 Uhr, am 7. 10., 17 und 20 Uhr