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Samstag, 19.03.2016

Liebe zur Literatur und ökonomische Zwängen

Auf der Leipziger Buchmesse sind immer mehr Blogger unterwegs. Von den Verlagen werden sie inzwischen beachtet. Aber lohnt sich das literarische Bloggen überhaupt?

Von Birgit Zimmermann

Die Berliner Bloggerin Jasmin Wurzel auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig.
Die Berliner Bloggerin Jasmin Wurzel auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig.

© dpa

Leipzig. Es gibt was Neues vom Kaffeehaussitzer. Wer bei dem Satz an Cappuccino und Kekse denkt, informiert sich über Literatur wohl eher im klassischen Feuilleton. Der Kaffeehaussitzer ist ein Literaturblog, einer von Hunderten, die es inzwischen in Deutschland gibt. Die Szene der freien Literaturbesprecher wird immer größer. Die Frage, ob das die Literaturkritik besser oder schlechter macht, ob es sie voranbringt oder zurückwirft, ist auf der Leipziger Buchmesse heiß diskutiert worden. Vieles dreht sich dabei auch um die Professionalisierung der Szene - und ums Geld.

Rund 800 Blogger haben sich in diesem Jahr zur Leipziger Buchmesse angemeldet. Im Vorjahr waren es nach Messe-Angaben noch 400. Die Veranstalter haben ein Interesse daran, die Blogger an die Messe zu binden, wie Direktor Oliver Zille sagt. Und: „Die Verlage sind höchst interessiert, mit ihren Bloggergemeinden zusammenzutreffen und neue Blogger kennenzulernen.“ Es geht um das knappe Gut der Aufmerksamkeit für Bücher.

Von Suhrkamp-Werken erscheinen pro Jahr rund 3 500 Besprechungen in den Printmedien, sagt die Lektorin des Verlages, Doris Plöschberger. Außerdem sei Suhrkamp in Kontakt mit rund 500 Bloggern, die pro Woche im Schnitt 30 bis 40 Bücher anforderten. Bei Rezensionen gelte für den Verlag das Motto: „Je mehr, desto besser“, sagt Plöschberger auf einer Podiumsdiskussion. Die Betreuung der Blogger sei aufwendig. Aber: „Wir haben darauf reagiert, dass die Online-Öffentlichkeit immer wichtiger wird.“

Eine der Bloggerinnen auf der Messe ist Jasmin Wurzel. Die 26-Jährige aus Berlin bespricht auf ihrem Blog „Bücherleser“ hauptsächlich Fantasy und Science Fiction. Ein „zeitraubendes Hobby“ nennt Wurzel ihren Blog. Geld verdienen lasse sich damit nicht. 2014 habe sie angefangen, „weil es Spaß macht, meine Leidenschaft mit den Leuten zu teilen“. Das Wachstum der Bloggerszene sieht Wurzel positiv: „Je mehr Meinungen, desto besser für den Leser.“

Ähnlich äußert sich der Autor und Blogger Frank O. Rudkoffsky aus Stuttgart. „Eine Vielzahl von Büchern findet man im Feuilleton doch gar nicht“, sagt der 36-Jährige. Insofern seien Blogs eine gewisse „Demokratisierung der Literaturkritik“. Es gebe durchaus Schreiber, die auf hohem Niveau bloggen. Eine Bedrohung für die etablierte Kritiklandschaft seien sie nicht, eher eine Ergänzung. „Wer sich für Literatur interessiert, der liest Blogs und das Feuilleton“, glaubt Rudkoffsky.

Der Literaturchef der „Zeit“, Ijoma Mangold, bekennt, dass der Medienwandel im klassischen Feuilleton eine Konzentration bewirkt habe: Es werde immer mehr darüber berichtet, worüber auch die jeweils anderen schreiben. „Große Themen, große Namen, große Bücher.“ Wer das nicht mache, lande im Abseits der Aufmerksamkeit. Das sei per se nicht schlimm, solange es für die anderen Themen andere Foren gebe. „Wir brauchen dringend eine Erweiterung ins Digitale“, sagt Mangold.

Die Literaturblogger haben bisher jedoch eines gemeinsam: Sie investieren viel in ihre Arbeit, aber sie wird nicht bezahlt. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin Bozena Anna Badura hat 2014 angefangen zu bloggen. Bei „Das Debüt“ bespricht sie mit vier Mitstreitern Erstlingswerke. „Ich würde sehr gerne mit diesem Blog Geld verdienen. Aber im Moment geht das nicht.“ Denkbar sei vieles - Werbung, Verlagskooperationen oder eine Vergütungsgesellschaft, in die Verlage einzahlen - aber nichts davon sei derzeit greifbar. Weitermachen will Badura trotzdem auf jeden Fall - „aus Liebe zur Literatur“, wie sie sagt. (dpa)

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