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Mittwoch, 11.05.2016

Lesen für mehr Demokratie

Die Leipziger Autorin Anna Kaleri will mit der Aktion „Literatur statt Brandsätze“ rechtem Stumpfsinn entgegentreten. Dabei hat sie prominente Unterstützer.

Die Autorin Anna Kaleri.
Die Autorin Anna Kaleri.

© Martin Jehnichen

Sie haben keine Illusionen, aber auch keine Lust auf Tatenlosigkeit. „Literatur kann weder Berge versetzen noch aktuelle Probleme lösen, aber Dialog anbieten und ein Zeichen setzen, dass wir das Land nicht den Feinden unserer Demokratie überlassen.“ Mit diesem Anspruch veranstalten etliche sächsische Autoren jetzt in Gegenden, in denen es Kultur eher schwer hat, ehrenamtliche Lesungen. Mitinitiatorin Anna Kaleri erklärt im Interview, warum sie es wütend macht, wenn ganz Sachsen als rechts abgestempelt wird, und was sie gegen diese Stigmatisierung tut.

Frau Kaleri , Sie haben Ihre Initiative „Literatur statt Brandsätze“ genannt. Glauben Sie, dass Sie mit Lesungen fremdenfeindliche Übergriffe verhindern können?

Uns geht es darum, über Literatur ins Gespräch zu kommen. Der Rechtsruck und die Übergriffe sind besorgniserregend. In der Initiative haben sich Autoren zusammengefunden, die nicht länger wortlos zusehen wollten. Jeder sollte mit seinen Mitteln mithelfen, unsere Demokratie im Gleichgewicht zu halten.

Wir als Autoren können mit den Mitteln der Literatur versuchen, etwas in Gang zu bringen. Lesungen sind eine gute Hinführung zum Gespräch, weil da Themen im Raum stehen, die dann zum Dialog überleiten können. Und Dialog ist das Gebot der Stunde.

Die Leute, die Brandsätze werfen, sind wohl nicht die, die zu Lesungen gehen. An wen richtet sich Ihre Initiative?

Wir wollen Orte erreichen, an die Autoren sonst seltener gelangen, sei es aus geografischen oder finanziellen Gründen. Es gibt tolle Gemeinden, soziokulturelle Vereine, engagierte Menschen überall in Sachsen. Diese konstruktiven Kräfte wollen wir mit dem ehrenamtlichen Leseangebot bestärken und unterstützen.

Die Veranstaltungsorte können sich von den etwa 60 Autoren aussuchen, wer am besten passt, welches Thema die Leute hervorlockt. Das Spektrum reicht von bekannten Schriftstellern wie Saša Stanišic oder Clemens Meyer bis zu Poetry Slammern, von Lyrik bis zum Historienroman. Gern würden wir Menschen erreichen, die noch keine verfestigte Meinung haben, die offen sind.

Können Literatur und Lesungen das schaffen?

Die erste Lesung am 12. Mai in Wurzen ist aus dem Roman „Nationalstraße“ von Jaroslav Rudiš. Es ist der innere Monolog eines Schlägers und keinesfalls ein explizites Plädoyer gegen Gewalt. Das ist das Interessante an Literatur, dass sie selten eine direkte Botschaft vermittelt, sondern bestenfalls anregt, sich zu positionieren und verschiedene Haltungen für sich abzuklären. Dieses Vielschichtige bietet einen Gegenpol zu dem Eingleisigen und Dumpfen, das von den Rechten ausgeht.

Man kann durch Literatur in andere Länder abtauchen, in andere Kulturen und so ein Stück den Horizont erweitern. Wenn wir mithilfe der Literatur Empathie stärken könnten und damit Weltoffenheit, wäre das schön. In jedem Menschen ist die Fähigkeit vorhanden, sich in einen anderen hineinzufühlen. Daran wollen wir anknüpfen.

Lesungen sind normalerweise eher Vortrag als Dialog. Wie wollen Sie mit den Menschen ins Gespräch kommen?

Bei unserer Initiative geht es demokratisch zu. Jeder Autor muss ein Formular ausfüllen zu seinem Leseangebot, die potenziellen Veranstaltungsorte suchen sich ihren Wunschautoren aus. So finden sich hoffentlich diejenigen, die zueinander passen. Außerdem wird bei den Lesungen der Gesprächsanteil einen höheren Stellenwert einnehmen, als es normalerweise der Fall ist.

Der Autor sollte weniger im Mittelpunkt stehen, damit ein Austausch auf gleicher Augenhöhe stattfinden kann über die Themen, die mit dem Buch angeboten werden. Wir wollen zuhören, Erfahrungen aus dem Publikum aufgreifen, sodass ein lebendiger Austausch entsteht.

Warum richtet sich die Initiative nur an Orte in Sachsen?

Ich hoffe, dass die Initiative dazu beiträgt, dass das Land ein wenig von der derzeitigen Stigmatisierung wegkommt. Es hat mich ohnmächtig, traurig und wütend gemacht, dass Ostdeutschland und speziell Sachsen einen rechten Stempel aufgedrückt bekommen hat. Das ist furchtbar indifferent und auch schon wieder rassistisch, wenn man alle Menschen in einen Topf wirft, den Deckel drauf macht und sagt: Die sind alle so.

Wir haben hier wie überall ein breites Spektrum an Menschen, Voraussetzungen und Sorgen, so eine Stigmatisierung ist da nur kontraproduktiv. Wenn aus der Initiative deutschlandweit etwas entstünde, sie sich vielleicht langfristig etabliert, würde ich mich freuen. Probleme gibt es ja auch in anderen Bundesländern. Wir versuchen aber hier vor Ort etwas zu tun gegen das, was uns quält.

Das Interview führte Anika Kreller.